Veranstaltungsinfo

Mi, 26.10.2016
20.00 Uhr
Jazz
Musik
20,00 / 10,00 €

Organ Explosion & Florian Riedl: Die Vintage Krassomaten

Nach dem "Organ Explosion"-Urknall zündet das Trio nun die nächste Stufe: "Level 2" heißt das aktuelle studioalbum der drei Vintage-Krassomaten, die sich mit ihrem neuen Werk als wahre Retro-Futuristen entpuppen. Als special guest unterstützt sie der Saxophonist und Komponist Florian Riedl

ORGAN EXPLOSION
Sie haben das Instrumentarium der 70er Jahre aus Omas Keller gekramt, um diese Lieblinge mit Zuckerbrot und Peitsche zu behandeln. Das Trio verwandelt den Klang der alten Kameraden zu einem explosiv-freshen Sound. Melodien für Millionen mit dem Sexappeal des Funk, der Kreativität des Jazz, dem Dreck des Blues und der Krassheit des Punk.
Hansi Enzensperger (Organ, Keys), Ludwig Klöckner (Bass) und Manfred Mildenberger (Drums) lernen sich während ihres Studiums an der Münchner Musikhochschule kennen. Nach einer stundenlangen Jamsession im Sommer 2011 ist ihnen klar: Es gibt nur einen Ausweg. Sie müssen eine Band gründen: ORGAN EXPLOSION. Mit am Start ist ein ganzes Arsenal an sagenumwobenen Vintage-Instrumenten und legendären Effekten: Mrs. Hammond and Mr. Leslie, ihre Verwandten Sir Wurlitzer, Miss Clavinet, Aunt Moog and a lot of Röhren. Außerdem dabei: Monsieur Fender Jazz Bass and his best friend - the incredible, old fashioned Ludwig Drums. Zwei Jahre formt das Trio seinen Sound: Ideen und Stücke entstehen auf dem Notenpapier, bei Sessions oder - in Echtzeit - auf der Bühne. Jedes Lied bekommt ein klares Gesicht - mit eigener Mimik: spöttischem Blinzeln, verschmitzten Grübchen, erstauntem Rundmund, gerunzelten Brauen. Mal mit, mal ohne Schminke. Die drei Musiker stellen diese Charaktere einander gegenüber wie im Theater: voller Fallhöhen, dramaturgisch zusammenhängend und feinfühlig, trotzdem aber immer mit viel Raum zur Improvisation. Die besten neun Stücke haben es auf das Debütalbum “Organ Explosion” geschafft - aufgenommen im eigenen Studio, mit maximalem Druck gespielt, mit größter Sorgfalt und Klarheit gemischt und gemastert. Da ist etwa "Dark Heaven" - eine Ballade, die an die Jungfernfahrt der Titanic erinnert, deren Posaunen, Chöre und orchestrale Klänge den Zuhörer auf eine Art ergreifen, welche man sonst von Strauss' "Also sprach Zarathustra" kennt. "Käsehoch 3" - ein Lied, in dem die Orgel wie eine lästige Fliege der Rhythmusgruppe auf die Nerven geht, die ihrerseits das ganze mit coolstem Groove kontert. Bis hin zu "Kung Fu Funk" - ein Stück, bei dem der Hörer den Eindruck bekommt, bei der Aufnahme sei eine ganze Horde kampfeswütiger Ninjas mit im Studio gewesen. "Herbie Hancocks' Headhunters" treffen hier auf "Streetfighter II". Eine Mischung, die auf jeden Fall "kickt". Entstanden ist ein im weitesten Sinne modernes Jazzalbum - eingespielt mit altmodernen Instrumenten. Ein Album, an dem nicht nur Jazzfreunde Gefallen finden werden, sondern auch Blues-Anhänger und tanzwütige Funk- oder Hip-Hop-Fans. Gerade wenn beim letzten Track des Albums jeder der drei Musiker zum Solo ausholt, spürt der Zuhörer, dass ORGAN EXPLOSION gerade erst beginnt zu explodieren.
Und jetzt kommt auch noch "Level 2"!!!

FLORIAN RIEDL
Der Münchner Komponist und Saxophonist studierte am Richard-Strauss-Konservatorium in München, mit Hauptfach Saxophon (Jazz). Er schreibt und produziert Musik für Kino, TV, Radio, Werbung und für seine eigenen Band-Projekte wie das Hi-Fly Orchestra.
 

HANSI ENZENSBERGER organ, keys, synthesizer
LUDWIG KLÖCHKNER bass, effects
MANFRED MILDENBERGER drums, drum-synthesizer
special guest: FLORIAN RIEDL saxophone

 

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2016

Nach(t)kritik 

An diesem bosco-Abend schienen sich alle im Publikum irgendwie jünger zu fühlen, und eine geradezu beschwingte Grundstimmung hatte die Leute bereits zur Pause erfasst –  das lag unzweifelhaft an  dem, was sie da zu hören bekamen: Retro-Sound aus den sechziger und siebziger Jahren, serviert mit den technischen Mitteln jener Zeit und doch einigermaßen futuristisch. „Schuld“ daran war eine Formation mit dem furchteinflößenden Namen „Organ Explosion“, die bereits zum zweiten Mal die heiligen Gautinger Hallen unsicher machte und dieser Tage völlig zu Recht den Feldafinger „Jazz-am-See-Award“ für innovative Performance zugesprochen bekam. Hans Enzensperger (Hammond-Orgel, sämtliche Keyboards und Synthesizer), Ludwig Klöckner (E-Bass) und Manfred Mildenberger (Drums), die Stammformation der „Orgelsprengmeister“, hatten sich den Saxophonisten Flo Riedel als Verstärkung dazu geholt, und so begann ein Konzert, das die Knie wippen und die Erinnerungen fliegen ließ.
Für optische Ablenkung vom hoch spannenden Sound-Geschehen sorgte zusätzlich die „Leslie Box“ im Rücken des Keyboarders Enzensperger: Ein wie ein Luftkühlsystem aussehender, immer wieder kreiselnder Rotationslautsprecher zur elektrotechnischen Klangdoppelung musikalischer Tonsignale. Das Effektgerät – und hier sind wir schon im Reich der Physik – löst durch die Rotationen eine Art „schwebende“ Akustik aus. Enzensperger arbeitete hinter seinem gewiss Tonnen wiegenden Orgel-Turm also wie jemand, der mit einer Stange Dynamit gleich eine über die Brücke fahrende Dampflok in die Luft sprengt – und so darf man sich auch die lauernde Explosivität und Struktur der meisten „Organ“-Stücke vorstellen: Allmählicher Energieaufbau der einzelnen Instrumente, Fusion dieser Elemente, Blow - und anschließend herabsinkende Trümmerteilchen. Gegenüber früheren Auftritten und zur neuen CD haben die drei Organiker offenbar noch ein bisschen besser zusammengefunden, es groovt jedenfalls vom ersten Moment an und mit „saftigem“ Bass schier unaufhaltsam einem Ziel entgegen, und das alles auf traditioneller Basis: Besonders zauberhaft bereiten die Musiker den Klassiker „Apache“ aus dem Jahr 1960 auf, eine Komposition von Jerry Lordan, die durch die „Shadows“ berühmt und angeblich von einem Western mit Burt Lancaster und Charles Bronson inspiriert wurde: Schlagzeugmäßig nachempfundenes Pferdegetrappel und zwischendurch sogar Indianergeheul (Mildenberger) lösen bei jenen, die alt genug dazu sind, sofort Assoziationen an die deutschen Western-Sehnsüchte jener Zeit aus, als sogar ein Freddy Quinn Cowboy-Hut trug und anscheinend jeder zweite Song am Lagerfeuer gesungen wurde.
Der Name „Organ Explosion“ führt also auch ein wenig in die Irre, denn die pure Kraftentfaltung mit elektronischen Mitteln allein ist es nicht, die den betörenden Crossover-Charme dieser Gruppe ausmacht - es ist vielmehr die Gabe, etwas musikalisch zu zitieren (und seien es nur drei Akkorde „Mozart“ bei der Zugabe) und zugleich etwas Neues daraus zu machen, um nicht mit dem Western-artigen Song zu sagen: „drauf zu satteln“. Der Spiel- und Experimentierfreude sind dabei keine Grenzen gesetzt, und „Special guest“ Florian Riedel wird dabei locker eingemeindet. Auch die selbst komponierten Stücke entfachen dabei zuverlässig etwas, das man als „Atmosphäre“ bezeichnen könnte: „Italian Mafia“ von Manfred Mildenberger gelingt sogar beides – Eigenkreation und Hommage an die musikalischen Gangster-Motive der „Pink Panther“-Filme. Die phantastische Zugabe, eine Cover-Version von „Groovin´ On A Sunday Afternoon“ (The Rascals, 1967), lässt einen dann noch an einen sommerlichen Tanzabend in den Sechzigern auf einer italienischen Hotel-Terrasse denken, der plötzlich vollkommen aus dem Ruder läuft und zu wildem Funk überspringt - bis der Hoteldirektor reinschaut und die Musiker schlagartig wieder zu sanft dahin plätschernder Schieber-Musik zurückkehren, als wäre nichts gewesen...Tosender Applaus für eine Retro-Band, der die Zukunft gehört.