Veranstaltungsinfo

Fr, 15.09.2017
20:00 Uhr
Musik
Sonstiges
Eintritt frei*
* Karten im Theaterbüro

Di Farykte Kapelle: Eröffnungskonzert Spielzeit 2017/18

Herrlich 'farykt', leidenschaftlich explosiv, virtuos und auch berührend. Ein wilder, mitreißender Ritt quer durch Zirkus, Klezmer, Balkan und Orient.
Mit eigenwilligen, musikalischen Arrangements. Mit dem leidenschaftlichen Bläservirtuosen und Sänger Freddy Engel zelebriert di farykte Kapelle das große, bittere, süße und verrückte Theater des Lebens:Die Liebe, den Rausch, die Wut, die Freude, die Sinnlichkeit, das Trottoir... Tempo, Leidenschaft, Energie des Augenblicks gepaart mit der urwüchsigen Kraft traditioneller Musik...

"Di Farykte Kapelle ist schon ein farykt-begnadeter Musikanten-Haufen, und man wäre selbst auch kaum ganz bei Trost, wenn man sich diesen Heidenspass nicht irgendwann mal angedeihen lässt…"
GERHARD EMMER, KULTURFORUM



FREDDY ENGEL, vocals, flute, sax, clarinet
CHRISTL WEIN-ENGEL, accordion, reed organ
MENYA ARNOLD, trumpet
JÜRGEN JUNGGEBURTH, bass
ROMAN SEEHORN, percussion
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

Es war einmal ein Mann in Mazedonien, der hat die Hochzeit seiner eigenen Tochter verschlafen. So tief und fest hat er geschlafen, dass er weder die Hochzeitsglocken noch das Hallo der Gäste hörte. Nicht einmal die Kapelle hat er gehört, die da aufspielte. Dabei war das eine besondere Kapelle, eine vollkommen verrückte Kapelle, die wirklich nicht zu überhören war, denn da spielte Christl Wein-Engel das Akkordeon, Jürgen Junggeburth den Bass, Menya Arnold spielte da mit und zwar auf der Trompete, Roman Seehon schlug die Trommeln und all das andere Schlagwerk, und wenn Freddy Engel nicht das Saxophon oder die Klarinette spielte, dann sang er noch. Sang mit der ganzen Farykten Kapelle so leidenschaftlich, dass der Vater schließlich doch erwachte - da war aber die Braut längst verheiratet. Zum Glück spielte die Farykte Kapelle trotzdem weiter, Lieder aus Mazedonien, Balladen aus Griechenland und aus Sizilien, Zirkusmusik, Tangos und Klezmer aus dem Schtetl. 

Ds Lied von den „Tsen Bridern“ beispielsweise, das mancher wohl noch aus jener Zeit im Ohr hatte, als Zupfgeigenhansl die Jiddischen Lieder erstmals wieder seit Vernichtung dieser Kultur einem breiten Publikum nahebrachte. Irgendwann in den Siebzigern war das, viele versuchten sich gleich selber mit den auf der Platte mitgelieferten Gitarrengriffen an „Schmere mit de Fidel, Tevje mitm Bass“, spielten dieses Liedl „oife mitn Gass“, und wie bei dem unseligen Lied von den zehn kleinen Starkpigmentierten wurde es auch hier pro Strophe einer weniger.

Im bosco saßen weit mehr als zehn Brüder, der Saal war voll bis auf den letzten Platz an diesem ersten Abend der Spielzeit. Und die Farykte Kapelle lieferte ein Fest, feierte das Leben und die Musik, natürlich die Liebe und ganz besonders diesen unglaublichen Sommer, der allen im Saal Bilder von lauschigen Nächten unterm Sternenzelt in die Erinnerung brannte. Die Liebe wurde hörbar in einem sizilianischen Liebeslied, der Sommer brachte sich mit „Il Camino“ ins Spiel, insbesondere mit einem überraschenden, sehr witzigen Schlagzeugsolo (Roman Seehon). 

In einem anderen Lied im ersten Set, das seine Motive aus den volksmusikalischen Traditionen der Griechen wie auch der Türken bezieht (und das von anderen Klezmer-Bands wie Nunu auf dem Album „Jezz Klezmer“ auch schon mal jazziger interpretiert wurde), brillierten die beiden Bläser, Freddy Engel und Menya Arnold, spielten einander die Bälle zu und ließen es wunderbar farykt jubilieren über den Köpfen der Zuschauer. Dann wurde es wieder romantischer, besinnlicher, weckte Christl Wein-Engel mit dem Akkordeon vergangene Träume, während Jürgen Junggeburth - der Tevje mitm Bass - dann wieder mit großen, rhythmischen Schritten in die tiefsten Tiefen hinabstieg.

„Träume vom Meer“ hatten die fünf großartigen Musiker im Gepäck, denn von dort kamen sie hierher an die Würm, diese Träume teilten sie mit ihren Zuhörern. Und wenn auch dieses Meer überwiegend nach dem kleinen Karpfenteich im Schtetl klang, wenn es auch mehr Gefilte Fish denn Calamaris waren, was die Farykte Kapelle auf der musikalischen Speisekarte bot, so war es doch ein gelungener Spielzeitauftakt, ein großes Fest, das wie eine Überschrift über den kommenden Kulturabenden im bosco stehen wird: bunt, satt an schrägen Harmonien, geschichtenträchtig und vollkommen farykt. So soll es weitergehen.

Pressestimmen 
"Di Farykte Kapelle" eröffnet die Herbstsaison im Bosco

"Freylach soll seyn! Eine schene Nacht soll seyn!", hieß es zur Begrüßung, und beides sollte wahr werden: Das Gautinger Bosco feierte den Start in die neue Saison mit der Gruppe Di Farykte Kapelle, die so etwas natürlich eigenwillig erledigt, also nicht nur einfach mit Laune machender Musik zwischen Klezmer und Weltmusik. Der Auftritt des Quintetts hatte eine gewisse Magie, die wohl aus der unentwegt wechselnden Mischung herrührte aus Nostalgie, jiddischer Poesie, liedhaften Geschichten vom Balkan wie auch aus dem Orient - und Zirkus. So nennt die Formation jedenfalls dieses besondere Element, das da irgendwie irritierend alles leicht ins Absurde tunkt. Nur andeutungsweise. Und weniger mit Witz oder Satire. Es ging vielmehr um eine emotionale Überzeichnung, die als übertriebene Inbrunst rüberkam. Kein Grund zum Lachen, und doch nicht ganz ernst zu nehmen.Diese Gratwanderung war vor allem dem Kopf der Formation zu verdanken: Freddy Engel, einem Tausendsassa der Kunst. Mit dem Job als vielseitig ausgebildeter Zeichner und Illustrator gibt er sich nicht zufrieden. Seine Bühnen- und Theaterprojekte drehen sich meist um die Bühnengestaltung. Doch in der Musik ist er genauso zu Hause. Flöten, Saxophone und Klarinetten sind seine Instrumente, mit denen er in absoluter Hingabe spricht, lacht, erzählt. Und er singt. Oder besser: Er erzählt gesanglich, hingebungsvoll mit Haut und Haar. Etwa von "Tsen brider senen mir gewesn", das wie kein anderes Lied das "Lachen durch Tränen" zelebriert, wie Schostakowitsch die Eigenheit der jiddischen Musik bezeichnete. Erstaunlich dabei die musikalischen Parallelen in der leidenschaftlichen Musik aus dem Balkan, aus Mazedonien, der Türkei, Griechenland, ja sogar Nordafrika und Sizilien.

Diese weltmusikalisch stilistische Verquickung war kein Zufall, sondern sollte die vielen musikantischen Eigenheiten zu einer konsistenten Form verbinden. Und die hatte es in sich. Die Musiker gaben alles, um die farykte Reise durch diverse Kulturen zu einem extrem intensiven, bisweilen wilden Ritt werden zu lassen. Vor allem die beiden Bläser, Freddy Engel und Menya Arnold (Trompete), schmetterten sich ihre Stimmen gegenseitig um die Ohren. Während Engel herumkreiste oder rockig sang, hielt sich Arnold nicht zurück und ließ das Bläserblech ordentlich gegen die Trommelfelle der vielen Besucher hämmern. Umso mehr, wenn Engel mit chromatischen Reibungen die Harmonien zuspitzte und schrille Dissonanzen provozierte.

Begeisterung sowohl im Publikum als auch unter den Musikern löste Engel mit experimentellen Flöteneinlagen aus. Überblasenes Tremolieren, Duette mit eigener Singstimme oder Spielereien mit Luftgeräuschen erinnerten fast an Jethro Tull und die Nachfolger der Achtzigerjahre. Bisweilen nahm Engel das Instrument auseinander und steuerte fremdartige Effekte bei, schon mal solistisch in Form von freien Kadenzen, wie man sie von der klassischen Musik her kennt.

Der Rest der Kapelle lieferte in der Regel das Fundament. Während Christl Wein-Engel am Akkordeon für harmonische Fülle und adäquate Stimmungen sorgte, waren Jürgen Junggeburth am Kontrabass und Roman Seehorn am Schlagzeug und an den Perkussionsinstrumenten der unerbittlich treibende Motor im Offbeat. Bisweilen in einem schwindelerregenden Tempo, das den wirbelnden Taumel der Bläser intensivierte und das Hasten wild steigerte. Aber auch schon mal bildhaft-suggestiv, etwa im Karawanentrott. Bei den Schlagzeugsoli zeigte sich Seehorn als hochinspirierter Klangbildner mit Hang zur Leichtigkeit und Transparenz, auch wenn sonore Trommeln vorherrschten. So entstand ein packender Zugriff, der zielsicher für Euphorie beim Publikum und in der Folge für Zugaben sorgte.