Veranstaltungsinfo

So, 06.05.2018
17:00 Uhr
Tee bei Sabine
Eintritt frei

Tee bei Sabine: Estera Silber

Im Rahmen der Ausstellung "Hoffnung trotz allem" ist Estera Silber zu Gast zum TEE BEI SABINE und erzählt vom jüdischen Leben in Gauting.
Die Eltern von Estera Silber lernten sich nach dem 2. Weltkrieg im Displaced Persons-Lager in Gauting kennen. Ihr Vater war der in Gauting bekannte Taxifahrer Rafael Katz, der nach der Befreiung aus dem KZ Dachau in das Gautinger Sanatorium gebracht wurde. Esthera Silber, geb. 1950, wuchs mit ihren Geschwistern in der Gartenpromenade auf und wird uns in dieser Tee-Stunde von dem Jüdischen Leben der Familie in Gauting erzählen und wie es ist, mit Pferden im Garten aufzuwachsen.
Estera Silber ist staatl. geprüfte Bewegungspädagogin und lebt mit ihrem Mann in München und Gauting. Sie hat zwei erwachsene Töchter.

Begleitprogramm zur Ausstellung "Hoffnung trotz allem" gefördert durch:


 
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 
 „Hoffnung trotz allem“: Einen tiefen Einblick in jüdisches Familien- Leben in Gauting gab Estera Silber, Jahrgang 1950.  Parallel zur laufenden Ausstellung im bosco erzählte die erstgeborene Tochter des Taxiunternehmers Rafael Katz von ihrer Kindheit und Jugend in der Villenkolonie. Ihr Vater Rafael Katz kam nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau 1945 als schwerkranker Tuberkulose-Patient ins DP-Hospital Gauting – und lernte hier seine spätere Frau kennen.
Trotz Traumfrühlingswetter war dieses „Tee“-Gespräch hervorragend besucht: Im Publikum saßen Gautinger, die den legendären, 2006 verstorbenen Taxiunternehmer mit Lederschirmmütze noch persönlich kennengelernt hatten.  Zum Beispiel Alt-Bürgermeister Ekkehard Knobloch und seine Nachfolgerin Brigitte Servatius. Aber auch Dr. Michael Hassler, der Sohn des Chef-Arztes des Gautinger Tuberkulosekrankenhauses für zwangsverschleppte Menschen, sogenannte „Displaced Persons.“
In alter Tradition hatte Estera Silber, Jahrgang 1950, zum Teegespräch mit Kulturjournalistin Sabine Zaplin, eine Porzellankanne mitgebracht – ein Geschenk von Maria von Taube, denn: „Ich bin im Haus Gartenpromenade 49 aufgewachsen“, direkt neben der Familie von Taube. Ihr Vater Rafael Katz (1918-2006), nach dem die Park-and-Ride-Straße am Gautinger Bahnhof benannt ist, hatte den Schriftsteller Otto von Taube in der Nachkriegszeit oft zu Lesungen chauffiert, erzählt Estera Silber.
Unten im boschetto hat Gemeinde-Archivarin Regine Hilpert-Greger gerade eine Ausstellung mit Erinnerungsstücken aus dem Nachlass von Rafael Katz  zusammen getragen. Dort ist unter anderem sein weiß-blau gestreifter Mantel zu sehen. Ihr Vater trug das Kleidungsstück bei seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau am Kriegsende 1945, wirft Estera Silber den Blick zurück. „Er kam sehr krank mit Tuberkulose aus dem Lager – und musste im Gautinger DP -Hospital erst einmal behandelt werden.“
Hier begegnete der jüngste, verschleppte Sohn aus einer  armen Rabbiner-Familie in Rumänien erstmals „unserer Mutter“: Bronia Katz, geborene Lewkowicz, hatte das KZ Auschwitz und das Ghetto Lodz  überlebt.
„1949 haben meine Eltern in Gauting geheiratet“, erzählt die Erstgeborene von drei Kindern.
Denn die Auswanderungspläne ihres Vaters nach Israel und in die USA waren gescheitert. Die Amerikaner nahmen Kranke mit ansteckender Tuberkulose grundsätzlich nicht auf, so die Tochter.
„Bleib` in Gauting: Da ist eine gute Luft“, hatte der Gautinger Klink-Arzt Dr. Hans Hassler Rafael Katz damals empfohlen. Und ihr Vater gründete ein Taxiunternehmen – zunächst ohne Führerschein.
„Bei dir steig` I ned ein“: In urigem Oberbayerisch erinnert sich die im Gauting der 1950- und 1960er-Jahre aufgewachsene Estera Silber an Kunden mit Vorurteilen. Die störten sich nicht etwa an der jüdischen Religion des Rabbiner-Sohnes, sondern am Zigarren- und Knoblauch-Geruch in seinem Mercedes-Taxi.
In der Familie Katz wurden beide Religionen gelebt: Zu hohen Feiertagen wie dem  Versöhnungsfest Jom Kippur „übernachteten wir im Hotel des jüdischen Zentrums an der Reichenbachstraße in München.“ Und zum Sabbat entzündete ihr streng gläubiger  Vater stets eine Kerze für die Toten auf dem Jüdischen Friedhof Gauting. Doch auch die christlichen Feste wie Weihnachten und Ostern wurden gefeiert.
Estera und ihre jüngere Schwester Rosa wurden hier im katholischen Kindergarten von Schwester Berengaria erzogen.
Nur den „Shtetl“, den ihr Vater neben dem eigenen Haus an der Gartenpromenade in der vornehmen Villenkolonie aufbaute, stieß nicht nur auf Begeisterung. Die Familie Katz hielt dort in den 1960er-Jahren  Ponys, Pferde und Ziegen.  
„Wir waren gut integriert“, sagt die attraktive Bewegungspädagogin und verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder.  Ihr Bruder habe in Unterbrunn begeistert Fußball gespielt. Doch als ihr Vater hörte, dass ein Kind seine Tochter fragte: „Warum seid Ihr noch hier – wurden nicht alle Juden vergast?“, ließ Rafael Katz das „nicht auf sich sitzen.“ Die verantwortlichen Eltern mussten sich entschuldigen.
Als 14Jährige wurde Estera Katz Babysitter bei der Gautinger Familie Hess: Bettina und Catherina Hess sind Kinder der NS-Widerstandskämpferin Karin Friedrich von der „Weißen Rose.“ Und hier schließt sich der Kreis: Die erst 2015 hochbetagt verstorbene Gautinger Journalistin Karin Friedrich wird in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Mit den Töchtern Bettina und Catherina Friedrich, die sie in den 1960er-Jahren hütete, ist Estera Silber bis heute befreundet.
Über das erlebte Grauen in den deutschen Konzentrationslagern haben die Eltern mit ihren Kindern gesprochen: „Meine Mutter, die klein und zierlich war, musste im Munitionslager arbeiten – und hat in Auschwitz eine Schwester verloren“, berichtet Estera Silber. Doch Bronia Katz, die Ghetto Lodz und Ausschwitz überlebte, war zeitlebens „sehr ängstlich.“ Und ihr Vater habe „oft in der Nacht geschrien.“ Der Überlebende der Konzentrationslager Flossenbürg, Hersbruck und Dachau „wusste nie, ob er aus Lust erschossen wird“ – und wunderte sich, „was ein Mensch alles aushalten kann.“ Seinen Kindern hat Rafael Katz auch sein Bettgestell in der heutigen Gedenkstätte Dachau gezeigt. Er habe ihnen unter anderem von einem SS-Wachmann erzählt, der ihm mutig ein Stück Brot zugeworfen hatte – und damit sein eigenes Leben gefährdete.
„Mein Vater war ein echter Gautinger“, betont die nach wie vor aktive Bewegungspädagogin Estera Silber, die in München und Gauting wohnt. Denn hier am Ort hatte er die Chance, eine Existenz aufzubauen: „Er hat das nie bereut.“  Friedlich sei er am Morgen des 6. August 2006 eingeschlafen – „als wäre seine Seele im Zimmer geblieben.“  
 „Ihr Vater hatte eine gewaltige Portion Optimismus“, resümiert Professor Walter Fürnrohr, Historiker und Co-Autor der Dokumentation „Überleben und Neubeginn. DP-Hospital Gauting ab 1945.“
Und der Unterbrunner Hermann Geiger wirft mit einer köstlichen Anekdote den Blick zurück:
„In den 1980er-Jahren kam Ihr Vater mit seinem Taxi zu uns auf den Hof“: Auf der Rückbank hatte Rafael Katz zwei Ziegen mit stinkenden Kot-Knödeln. Die wurden vom Geigerschen Bock gedeckt. Und siehe da: „Danach gab`s 100 junge Unterbrunner Zicklein in Gauting“ – an der feinen Adresse Gartenpromenade 49, mitten in der Villenkolonie. „Aber so war er halt“, erinnert sich Geiger amüsiert an den unvergessenen Taxiunternehmer.  
Pressestimmen 
Estera Silber, Tochter des KZ-Überlebenden Rafael Katz, erzählt über ihre Kindheit und Jugend in Gauting. Noch heute pflegt sie die alten Kontakte.

"Er gehört zur Geschichte des Ortes. Viele Gautinger kannten ihn, erinnern sich immer noch", sagt Sabine Zaplin über Rafael Katz, Holocaust-Überlebender, der sich nach seiner Tuberkulose-Genesung im Lungenkrankenhaus in Gauting im Ort als Taxiunternehmer niederließ und bis zu seinem Tod mit seiner Familie hier gelebt hat. Auch seine Tochter Estera Silber, 1950 geboren, kennen viele der Alteingesessenen, wuchs sie doch mit ihnen auf, gemeinsam besuchten sie Kindergarten und Schule. Und auch heute ist sie noch oft in Gauting, im Haus ihrer Kindheit in der Gartenpromenade. Im Rahmen der Reihe "Hoffnung trotz allem" war sie beim "Tee bei Sabine" im Bosco.

Vor etwa 80 Zuhörern berichtete sie von ihren Erlebnissen, den Eigenheiten des Vaters und dem Spagat zwischen der jüdischen und der deutschen Kultur. Ihre Eltern, beide KZ-Überlebende, hatten sich im Hospital für Displaced Persons in Gauting kennengelernt. Eigentlich hatte der Vater nach Amerika auswandern wollen, sein Antrag wurde wegen der Lungenkrankheit, die zwar auskuriert war, abgelehnt. "Da war er so enttäuscht und ratlos", erzählt Silber. "Sein behandelnder Arzt, Dr. Hans Haßler, der seit 1942 im Lazarett in Gauting tätig war, riet ihm: Bleib in Gauting, die Luft hier ist gut für deine Lunge." Katz arbeitete im Krankenhaus, als Portier und Fahrer. Zunächst lebte die Familie mit drei Kindern in einem Zimmer im Schlösschen in der Ammerseestraße. "Katz, du musst den Führerschein machen, damit du als Taxifahrer arbeiten kannst, sagte ihm der Gautinger Dorfpolizist", erzählte Silber. Und das hat dann wohl geklappt. Mit einem geschenkten siebensitzigen Benz startete Katz sein eigenes Taxiunternehmen am Bahnhof. Die Entschädigung für die Zeit im KZ habe die Anzahlung auf ein Grundstück mit kleinem Häuschen in der Gartenpromenade ermöglicht. Die Familie hielt Ponys und Ziegen, was die Nachbarn manchmal störte. Doch man habe sich immer arrangiert.

Die kleine Estera und ihre Geschwister gingen in den katholischen Kindergarten in der Reismühlerstraße, immer zu Fuß, auch im strengsten Winter. "Mein Vater wollte, dass wir eine gute Erziehung bekommen. Er fand, die Nonnen machten das ganz gut. Wir lernten beten, aber wir haben nur dann mitgebetet, wenn wir wollten. Wir sollten offen aufwachsen, wie die anderen Kinder." Weihnachten wurde gefeiert, auch Ostern. "Wir wollten das, auch wegen der Geschenke. Da war unser Vater großzügig. Alles was er in seiner Kindheit entbehrt hat, hat er uns gegeben."

Daheim allerdings hielt der Sohn eines konservativen Rabbiners streng auf die Einhaltung der jüdischen Regeln. "Jeden Freitag, vor Beginn der Sabbat-Ruhe ging er zum jüdischen Friedhof und gedachte der Toten. Dann wurde ganz konservativ Sabbat gefeiert, Mutter sprach den Segensspruch, Vater zündete die Kerzen an." An großen Festtagen wie Rosch Haschana, dem Neujahrsfest, und Jom Kippur fuhr die Familie nach München, um in die Synagoge in der Reichenbachstraße zu gehen. Übernachtet wurde im Hotel Reichenbach, was die Kinder ganz besonders liebten. Das kulturelle Miteinander der Religionen war eine Herausforderung: "Wir waren im katholischen Religionsunterricht. Schwierig wurde es in der Pubertät, als nichtjüdische Freunde auftauchten.

"Ich bin immer so gern mit dem Rad nach Unterbrunn zum Bauern Geiger gefahren, um Eier zu holen. Bei der Geiger-Oma gab es Kuchen, und sie erzählte so schöne Geschichten", berichtet Silber. Heute unvorstellbar, doch es gab bis in die 1980er Jahre Ziegen in der Villenkolonie. Zum großen Amüsement der Zuhörer berichtet der Unterbrunner Hermann Geiger: Katz habe seine brünstigen Geißen ins Taxi verfrachtet, um sie vom Ziegenbock der Geigers decken zu lassen. Danach habe das Fahrzeug nicht nur nach Knoblauch und Zigarrenrauch gestunken, sondern für ein paar Tage auch nach Ziege.

Ihr Vater habe die Qualen und das Leid, die er erdulden musste, nie verschwiegen. Er habe Albträume gehabt, sei schreiend aufgewacht. Dass er darüber reden konnte, habe ihm geholfen. "Seine Offenheit war auch gut für uns Kinder. Er zeigte uns in Dachau die Pritschen in Baracke 25 und in Buchenwald ein Arztzimmer, wo die Schwerkranken durch ein Loch in der Wand durch einen Kopfschuss getötet wurden", erzählt Silber. Er habe aber auch von denen berichtet, die gut zu ihm waren, zum Beispiel von einem SS-Wachmann, der ihm Brot zugeworfen habe. Susanne Forster von den Puppet Players wies auf die Großzügigkeit von Katz hin. Als Haßlers Sohn Michael nach dem Krieg schwer erkrankte und Medikamente rar waren, habe Katz seine Carepakete, die er als ehemaliger KZ-Häftling regelmäßig von den amerikanischen Soldaten bekam, mit Haßler geteilt. So konnte der Kleine mit gutem Milchpulver aufgepäppelt werden - er lebt immer noch in Gauting.

Mit 14 Jahren wurde Estera ins Internat nach Israel geschickt. Doch 1967, als der Krieg ausbrach, musste sie zurück. Sie hat dann eine Ausbildung zur Bewegungstherapeutin gemacht, hat einen Mann jüdischen Glaubens geheiratet, was dem Vater gefallen hat. Die Schwester sei später nach Israel ausgewandert, habe dort geheiratet. Der Bruder, der immer bayrisch sprach, habe eine christliche Frau geheiratet.

Estera Silber lebt und arbeitet in München, ihre beiden Töchter sind längst erwachsen. Sie kümmert sich immer noch um Haus und Garten in Gauting und pflegt die Kontakte zur Nachbarschaft. Und freut sich, dass so viele an ihrer Geschichte Anteil nehmen.