Veranstaltungsinfo

Mi, 20.04.2016
20.00 Uhr
Schauspiel
28,00 / 15,00 €
Haydi - Foto: Gianni Bettucci
Familie Flöz: Haydi - Foto: Regina Brocke_press
Familie Flöz: Haydi - Foto: Regina Brocke_press
Familie Flöz: Haydi - Foto: Regina Brocke_press
Familie Flöz: Haydi - Foto: Regina Brocke_press

Familie Flöz: Haydi!

Die neue Produktion von Familie Flöz: Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet? (Franz Kafka)
Zum ersten Mal in Bayern zu Gast! Ausgezeichnet mit dem Monika-Bleibtreu-Preis 2015.

Uraufführung am 13. November 2014, Theaterhaus Stuttgart

Früh morgens, irgendwo in einer Grenzstation der reichen Welt, schnorchelt der erste Kaffee durch die Maschine. Die Guppys im Aquarium beobachten die internationale Beamten-Crew bei der Arbeit. Paragraphenreiter und Büroleichen, Projektleiter und Gummibaumexperten kämpfen darum, den Ansprüchen einer effizienten Verwaltung gerecht zu werden. Oberste Priorität: Grenzen ziehen, halten und verwalten. Und Grenzen sind überall. Ob draußen im Schneesturm vor Stacheldraht oder tief im Inneren des eigenen Herzens.
Wo bislang die warme Sonne durch die Jalousie unsere Helden verwöhnte, droht am Horizont die dunkle Wolke. Ein Strom von Reisenden nähert sich dem Hoheitsgebiet. Die Strategen wissen: Ein Sturm zieht auf - Haydi!
Familie Flöz jagt in ihrem neuen Stück dem flüchtigen Zipfel einer Utopie nach, die allen ein zu Hause versprechen mag und doch scheitern muss.
Inspiriert von der archetypischen Figur des Flüchtlings, verwebt das Ensemble ein Panoptikum der eigentümlichen Flöz-Charaktere mit Motiven der Erzählung „Heidi“.
Björn Leese und Hajo Schüler sind dem Publikum als Maskenspieler längst ein Begriff. In ihrem neuen Projekt suchen sie gemeinsam mit Regisseur Michael Vogel und dem Schauspieler Andrés Angulo eine Erweiterung ihrer künstlerischen Mittel. Maskierung tritt in den unterschiedlichsten Formen auf. Durch groteske Verkleidungen schlüpfen die drei Darsteller in verschiedenste Rollen. Schauspiel tritt neben Masken- und Puppenspiel.

Haydi! auf der Flucht!

Diesmal sind es außer den skurrilen Masken Hajo Schülers, die das Publikum aus Produktionen der internationalen Truppe wie "Infinita", "Hotel Paradiso" oder "Garage d´Or" kennen, auch die Schauspieler Andres Angulo, Bjoern Leese und Hajo Schüler in Realszene, die die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern. Herzlicher Premierenapplaus für diese Ausnahmetruppe!
STUTTGARTER NACHRICHTEN

Am Freitag kam sie zum Hamburger Privattheaterfestival mit HAYDI!, einem Stück, das an Johanna Spyris Kinder-Bergromantikroman HEIDI erinnert, sich aber vor allem mit dem Thema
Flüchtlinge beschäftigt. Das nur dreiköpfige Ensemble überraschte und überzeugte in einem dutzend Rollen, mit wunderbarem Puppenspiel und auch als Protagonisten eines weit -
gehend gezeichneten Films, der auf eine Leinwand projiziert wurde. Das Publikum im Ernst Deutsch Theater war begeistert. Jeder und jede spricht eine andere Sprache: Französisch, Holländisch, Deutsch, Schwiizerdütsch, Dänisch. Darin liegt sehr viel Komik. Sie steht im direkten Widerspruch zur Tragik des Flüchtlingsschicksals, für das sich letztlich niemand interessiert. Traurig, aber wahr. Und sehr gut erzählt.
HAMBURGER ABENDBLATT


PREMIERE: 13. November 2014, Theaterhaus Stuttgart
EIN STÜCK VON: Andrés Angulo, Björn Leese, Hajo Schüler, Michael Vogel
MIT: Andrés Angulo, Björn Leese, Hajo Schüler
REGIE: Michael Vogel
DRAMATURGIE: Michael Moritz
MUSIK: Franui Musicbanda
MASKEN, PUPPEN: Hajo Schüler
BÜHNENBILD: Markus Johannes Nikolaus Trapp
SOUND DESIGN: Dirk Schröder
LICHTGESTALTUNG, VIDEO: Reinhard Hubert
ANIMATION: Andreas Dihm
KOSTÜME: Ottavia Trama
FRISUREN, BÄRTE: Franziska Becker

KÜNSTLERISCHE MITARBEIT: Stefan Lochau
PRODUKTIONSLEITUNG: Gianni Bettucci

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2016

Nach(t)kritik 

Hunderte von Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, Österreich macht die Grenzen zu, Sicherheitskräfte erpressen Flüchtlinge – das waren die Meldungen des Tages. Am Abend dann, im Theater, verdichtet sich alles im Schicksal eines kleinen Mädchens, das sich alleine auf den Weg machen muss und das an einem unüberwindbaren Stacheldrahtzaun in den Armen eines Grenzbeamten stirbt. 

„Haydi!“ ist die Geschichte einer Flucht. Und es ist eine Geschichte darüber, wie irgendwo in irgendeinem Land in irgendeinem Büro die Schicksale von Flüchtlingen verwaltet werden. Einzig ein rotes Kopftuch verbindet die eine Geschichte mit der anderen. Denn in diesem Büro, das ein bisschen an eine Polizeistation aus den Siebzigern und ein bisschen an Ikea erinnert, steht nicht das Schicksal der Flüchtlinge im Mittelpunkt, sondern eine High-Tech-Kaffeemaschine, die den Büroalltag taktet.

Pedro Solano kommt als neuer Mitarbeiter in diese Grenzbehörde, in der die globalen Flüchtlingsströme optimiert werden sollen. Mit seiner Abschlussarbeit an einer Eilte-Uni hat er sich als Führungskraft im „Border Management“ profiliert. Aber dann treffen gleich an seinem ersten Arbeitstag Theorie und Praxis aufeinander: die Verwaltung von vielen anonymen Zahlen und das Sterben eines einzigen Kindes. Das Kind hatte seine Eltern fast gefunden, es hält das rote Kopftuch in der Hand, das die Mutter bei der Flucht trug. Aber dann stirbt es. Zu weit war der Weg, zu hoch der Stacheldrahtzaun, zu bedrohlich Kälte und Sturm, zu schwach sein Rufen und Klopfen an den vielen verschlossenen Türen. Wer bei „Haydi!“ an „Heidi“ denkt, der liegt ganz richtig und ganz falsch zugleich.

Der ehrgeizige Flüchtlingsmanager nimmt das rote Kopftuch mit ins Büro und heftet es in den Aktenordner, der nun von Schreibtisch zu Schreibtisch geht. Aber niemand will hinschauen. Man möchte Akten abstempeln und weiterreichen. Denn eigentlich haben die Mitarbeiter anderes zu tun. Kaffee trinken zum Beispiel. Flirten. Essen. Karriere machen. Die Weihnachtsfeier vorbereiten. Die eigenen Wohlstandsneurosen pflegen. Es herrscht hektische Betriebsamkeit, vor allem mittags in der Kantine. Alle sprechen, aber jeder eine andere Sprache. Es geht um Grenzen, aber um Grenzen und Abgrenzungen im Spiel der Geschlechter und in der Hierarchie der Arbeitswelt. Für Einzelschicksale von Flüchtlingen, schon gar nicht für Akten, die sich nicht abheften lassen, weil ein rotes Kopftuch aus ihnen herausschaut, ist hier keine Zeit. Aber Pedro Solano wird die Bilder des sterbenden Kindes nicht los. Am Ende wird er selbst das sterbende Kind.

Die jüngste Produktion der 1996 gegründeten internationalen Theatertruppe „Familie Flöz“ mit Sitz in Berlin verdichtet das – für die meisten wohl immer noch abstrakte – Thema Flüchtlinge auf ungemein packende Weise. Alle Register der Schauspielkunst werden hier gezogen: Improvisation, Grammelot, Pantomime, Tanz, Slapstick und natürlich das Maskenspiel, für das die Gruppe bekannt ist. Scheinbar unvereinbares wird kombiniert, nicht nur Komödie und Tragödie verschmelzen hier miteinander, auch die Videoproduktionen mit dem Bühnenspiel, die Kulissen mit den Requisiten, die Sprache mit dem Sound, die Kostüme mit den Masken und schließlich auch die Schauspieler mit den Puppen. Ein großartiges Theatererlebnis, das mitreißt und zugleich befremdet, das verzaubert, verstört und anrührt.