Veranstaltungsinfo

Di, 24.10.2017
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Vorverkauf ab 08.07.2017

Holzheimer-Reihe "Ich und die Welt" (1): Ganz so, wie ich bin

Johann Wolfgang von Goethe und Carl Gustav Jung
Sprecher: HANS JÜRGEN STOCKERL
"ICH UND DIE WELT" - NEUE LITERATURREIHE MIT GERD HOLZHEIMER
Die Lesbarkeit von Ich und der Welt
Nach wie vor ist in den Büchern ein Schatz der Menschheit aufgehoben, der Tag für Tag darauf wartet, gehoben zu werden. Dabei geht es nicht um eine wie immer geartete Bildung, schon gar nicht im formalen Sinne – es geht um uns, um unser Herz, um unsere Sinne, um unseren Verstand, und wie wir in dieser Welt stehen, und zu ihr. Ungebrochen ist die Literatur eine mögliche Instanz, im Spiegel anderer Lebensgeschichten, über unseren eigenen Lebenslauf nachzudenken, und im Buch nach Orientierung für eigene grundlegende Möglichkeiten zu suchen. Von der Lesbarkeit der Welt kommen wir zu unserer eigenen Person und wir von uns persönlich zur Welt.

„Person“, „Maske“, „Rolle“ sind alles Begriffe aus der Theatersprache, ohne die wir nicht auskommen in unserem Alltag. Jeder von uns übernimmt eine Rolle, zwangsläufig, es geht gar nicht anders; wir müssen sogar mehrere Rollen ausfüllen, auf privater, auf beruflicher, auf öffentlicher Ebene. Jeder von uns inszeniert sich, der eine mehr der andere weniger. Was aber ist, wenn man glücklich in die eigene Person hinein - gewachsen ist? Was ist dann? Dann muss man darüber hinauswachsen, über sich selbst hinaus, in ein Drittes, anderes.

Besucher dieser Abende brauchen die jeweilige Lektüre überhaupt nicht zu kennen. Worum es geht, wird kurz erörtert, einzelne Textpassagen werden vorgelesen. Unterhaltsames und Vergnügliches gehört selbstverständlich dazu. Wer nicht lachen kann, nimmt das Leben nicht ernst.

1. Ganz so, wie ich bin:
J.W. v. Goethe und C.G. Jung
Jeder kennt die Geschichte vom „verlorenen Sohn“, der von seinem Elternhaus aus aufbricht, um seine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das Ende ist glücklich, denn von beiden Seiten her erscheint die Rückkehr möglich und wünschenswert. In der Literatur folgt der sogenannte „Bildungsroman“ diesem Schema. Auf den ersten Anschein mag dieser Begriff recht wuchtig und in seinem Bildungsanspruch vielleicht sogar bedrohlich wirken, doch meint er in der Goethezeit etwas sehr Einfaches, freilich zugleich Umfassendes. Unter „Bildung“ verstand man den Versuch einer ganzheitlichen Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Die Strukur dieser Romangattung sieht ein zumeist jugendliches Ich, das mit seinen Idealen in eine Welt der Realität hinausgeht, die zwar ganz und gar nicht ideal ist, aber zumindest soweit offen für Visionen bleibt, dass das Individuum zwar zuletzt realistischer geworden ist, aber durchaus nicht zu resignieren braucht. Es geht dabei um den von Hegel formulierten Gegensatz „zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse“.
In Goethes „Wilhelm Meister“ formuliert der junge Held seinen Anspruch so: „Daß ich Dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war Dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“ angestrebt ist jene ganzheitliche Erfüllung der eigenen Person, wie sie später auch in der Psychoanalyse, etwa durch C.G. Jung formuliert wird.

Der Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann bringt das Programm auf einen Nenner: „Der Gang durch die Welt als Gang zu sich selbst: das reflektierende, handelnde, beobachtende oder träumende Ich als Reisender, Spaziergänger, als Wanderer, als Flaneur und als Exilierter – es sind historisch begründbare Formen der Selbsterfahrung, die Selbst-Sein als Selbst-Werden zu bestimmen suchen, als Bewegung des Körpers durch die Landschaft, als Bewegung der Phantasie im Weltraum der Seele.“

Konzeption & Moderation

GERD HOLZHEIMER
Sprecher
HANS JÜRGEN STOCKERL
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

Zu einer einer neuen Abenteuerreise durch die Literaturgeschichte hat Gerd Holzheimer in diesem Herbst eingeladen – und seine Reisegruppe erwartete ihn abfahrtsbereit und mal wieder auf alles gefasst am Dienstagabend in der bar rosso. Nicht nur Sitzvermögen und geistvoller Proviant waren für die erste Etappe vonnöten, auch Haltegriffe und Sicherheitsgurte: „Jetzt halten Sie sich fest“, forderte der literarische Reiseleiter mehrmals an diesem Abend. Und dabei führte die erste Etappe doch „nur“ zum eigenen Ich: Mit „Ganz so wie ich bin“ war sie überschrieben. Der furiose Literatur-Trip freilich führte von Weimar nach Zürich und wieder zurück – ein Zwischenstopp in Miesbach wurde mit quietschenden Reifen eingelegt. 

„Daß ich dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“ Dieser Satz aus Goethes „Wilhelm Meister“ stand nicht nur über, sondern auch am Anfang des Abends. Der Schauspieler und Sprecher Hans Jürgen Stockerl, der die literarischen Textpassagen vortrug, wurde nicht müde, ihn zu wiederholen. Ausgehend von Goethes Bildungsroman, vom Bemühen, sich selbst zu gestalten und aus der Unordnung Ordnung für das eigene Leben zu schaffen, zog Holzheimer eine wie immer wundersam mäandernde Linie bis zum Begründer der analytischen Psychologie, dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung und seiner Lehre vom Unbewussten. Unter Bildung, so erläuterte Holzheimer,  verstand man zu Goethes Zeiten den Versuch einer ganzheitlichen Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Und um das Erreichen einer bewussten Ganzheit unter Einbeziehung des Unbewussten, des eigenen „Schattens“, ging es später auch in der Psychoanalyse, wie sie von Jung formuliert wurde. Von Goethes Forderung, „das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche zu verehren“ bis zu Jungs Sich-Einlassen auf den Mythos und das Unerklärliche sei es nicht weit. Bei Goethe wie bei Jung sei die Suche nach einem Einklang von Natur und Kunst zu finden. Und hier wie dort bedürfe es schließlich des Menschen, „der glücklich ist über die Schöpfung“.

Langeweile kam auf dieser Reise im Weltraum der Seele sowieso in keiner Sekunde auf. Und dafür sorgten nicht nur der Geheimrat als Handpuppe aus dem Goethe-Shop in Weimar und das Jean-Paul-Bier aus Bayreuth als Requisiten auf dem Lesetisch, sondern auch die literarischen Passagiere, die Holzheimer mal hier und mal da an Bord holte: Gustav Meyrinck aus Starnberg fuhr eine kleine Wegstrecke mit und warf mit der „magischen Biografie“, die jeder Mensch habe, einen seiner geheimnisvoll-unergründlichen Gedanken in die Runde. Auch der unvergessliche Wolf Euba, der C. G. Jung nicht mochte, stieg irgendwann zu und fuhr als wehmutvolle Erinnerung für den Rest des Abend mit. Und dann entstieg zum furiosen Finale einer banalen Zeitungsnotiz jene Gruppe von Indianern, die zum Zwecke der Erforschung des Brauchtums als Bestandteil der alpenländischen Volkskultur im Jahr 1976 nach Miesbach gereist war und zum Dank für die dargebrachten Landler und Zwiefachen einen Regentanz zur Aufführung brachte – worauf sich binnen einer Stunde der strahlende Maihimmel verfinsterte und es zu regnen begann, sodass, wie der anwesende Lokaljournalist trocken bemerkte, die Veranstaltung im Saal fortgesetzt werden musste.

Ein Wunder war es ohnehin, dass bei dieser wunderlichen Reise zum eigenen Selbst abgesehen von der im Lauf des Abends immer geheimnisvoller anmutenden roten Beleuchtung keine Geisterscheinungen und Botschaften aus dem Jenseits auftauchten und bis zuletzt kein einziger Regentropfen in der bar rosso fiel.