Veranstaltungsinfo

Mi, 30.09.2015
20.00 Uhr
Literatur
15,00 €

Gerd Holzheimer: Im Auge eines Falterflügels - Die kosmische Kunstkammer

Kosmos, so lautet der Titel von Alexander von Humboldts Hauptwerk, mit dem Untertitel Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, einem Weltentwurf, in dem er nichts weniger vor hat, als die Welt „en gros und en detail“ in seiner Beschreibung zu versammeln. Das gehört auch zum Prinzip einer Kunstkammer, wie sie in der Zeit der Renaissance entwickelt worden ist: Kosmos auf kleinstem Raum zu verdichten und damit abzubilden. Nach den Abenden über das Christliche Abendland, der Geopoetik der Städte, der Begegnung zwischen Orient und Okzident und den poetischen Flusslandschaften im bosco wird die „Kunstkammer“ der Kunstgeschichte auf eine literarische Veranstaltungsreihe übertragen: der Versuch, eine unüberschaubar gewordene – oder schon immer gewesene – Welt in einem kleinen Modell darzustellen, auf kleinstem Raum, in spielerischer Form, auf höchstem Niveau. Zur Zusammenstellung einer Kunstkammer gehört immer auch schon unabdingbar die unwiderstehliche Lust des Sammlers, alles nur Erdenkliche zu seinem Thema aufzulesen, so auch hier: Nacheinander werden verschiedene Räume einer großen Kunstkammersammlung eröffnet, eine kosmische Kunstkammer, eine komische, eine abgedrehte, eine exotische und schließlich eine erotische. Herzlich Willkommen zur Kunstkammer bosco, der sinnlichen Art, der Welt Poesie abzugewinnen!
Raus aus dem „Schloss Langeweile“, dem Familiensitz derer von Humboldt drängt es den jungen Alexander, hinaus in die Welt: alles will er wissen, alles will er versammeln in seinem eigenen Mikrokosmos, „alles, was sich auf der Erde, unter der Oberfläche der Meere und am Himmelszelt tummelt … mit allen zugehörigen Tatsachen, sowie den Ideen, Weltanschauungen in seiner sinnlichen Verflochtenheit und in gedanklichen Tiefenbohrungen…“ Unerotisch und lieblos sind ihm die Wissenschaften seiner Zeit geworden, er folgt einer sinnlichen Poetik – und dieser Spur folgen viele nach. Darwin hält Humboldt  für den „größten Wissenschaftsreisenden, der je gelebt hat“ und ist selber gut unterwegs, mit der Beagle in der Maghellan-Straße. „Die unwiderstehliche Suche nach der regellosen Abirrung“, das ist Darwins, des scheinbar großen Systematikers Definition von beauty, Schönheit. Natürlich gehört auch Goethes Anschauendes Denken in diese Kunstkammer, Bölsches Naturwissenschaftliche Grundlagen der Poesie,  Jean Henry Fabres Offenbares Geheimnis, der in seinem Garten mit den Tieren sein Leben verbringt, am liebsten mit den Grillen, den Zikaden. Sein Garten heißt Harmas, Harmas de Fabre Sérignan. Harmas ist ein unbebautes, steiniges Stück Boden. Für den Einsiedler von Sérignan ist es das Arkadien des Insektenreiches. Sein Garten ist ihm seine eigene Erkenntnishöhle, er braucht nichts anderes. Er ist ein Lebenserkunder. Und die Käfer des Ernst Jünger gehören dazu, die er auf seinen Subtilen Jagden erbeutet und die Welt daraus zu erklären sucht: „Im Auge eines Falterflügels ist nichts Geringeres verborgen als im Golf von Neapel oder in der Bucht von Rio, von denen wir auch nicht mehr als die Oberfläche sehen. Es fragt sich, was wir herausholen. Das kann nur aus der eigenen Tiefe geschehen, dort ruht das Gegengewicht."
Sprecher: Axel Wostry
 
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 
Wie eins zum anderen gehört und was die Welt im Innersten zusammenhält, das sollten die Zuhörer am Mittwochabend bei einem Rundgang durch die erste von insgesamt fünf literarischen „Kunstkammern“ erfahren, die Gerd Holzheimer in diesem Herbst im bosco öffnen wird. 

Kunst- und Wunderkammern entstanden in Europa ab dem 15. Jahrhundert, als vornehmlich die fürstlichen Höfe von der Sammelleidenschaft ergriffen wurden. Gesammelt wurde nicht nur Kunst, sondern alles, was der Zeit wesentlich erschien und deshalb Interesse weckte: Gemälde, Kupferstiche und Plastiken gehörten natürlich dazu, ebenso aber Bücher aller Wissensgebiete, Münzen und Medaillen, astronomische Geräte, Globen und Atlanten, Skelette, Fossilien und Mineralien, technisch ausgefeilte Drechselarbeiten aus Elfenbein, kunstvoll gravierte Straußeneier, kostbar gefasste Kokosnüsse und noch vieles mehr. Ihre Vielfalt spiegelte das Bestreben wider, in der Kunstkammer das Universum „im Kleinen“ festzuhalten. Entscheidenden Anstoß für die Sammlungen gaben die großen Entdeckungsfahrten, insbesondere die epochale Begegnung mit der radikalen Andersartigkeit Amerikas. Der große Sammler und frühe Museologe Johann Daniel Major strebte nach der „Erkäntnüß des Apfel-runden Kreises der gantzen Welt“. So waren denn auch die Kunstkammern der Renaissance die Vorläufer der Naturkundemuseen, die im 19. Jahrhundert entstanden.

„Kosmos“, so überschrieb Alexander von Humboldt das Werk seines Lebens, in dem er das Wissen seiner Zeit zusammentrug: In diesem „Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ wollte er die Welt „en gros und en detail“ versammeln. Die erste von Holzheimers Wunderkammern also sollte eine „kosmische“ sein: Der literarische Rundgang begann mit Goethe, führte zu Ovid und dann wieder zu Goethe und später noch einmal zu Goethe. Die staunenden Zuhörer reisten mit Carl von Linné nach Lappland, fuhren mit Darwin um die Welt, wanderten mit Adalbert Stifter, suchten mit Jean Henri Fabre in seinem südfranzösischen Garten nach Grillen und Zikaden, sie gingen mit Ernst Jünger auf „Subtile Jagden“, sie marschierten mit Carl Friedrich von Weizsäcker zu Fuß hinüber zum Ammersee und wieder zurück.

Sprecher Axel Wostry lieh jedem der Autoren seine Stimme, auf feine und unprätentiöse Art, ganz so wie es sich gehört. Und Holzheimer zog zu allem und jedem ein Buch hervor, es war eine veritable Wunderkammer, die er unter seinem Tisch verborgen hatte. Mit signierten Erstausgaben waren die großen Schauenden und Forschenden sogar physisch präsent im Hier und Jetzt, Goethe selbst hatte einen Auftritt als Handpuppe. Außerdem sorgten Steine und Versteinerungen, Pflanzen und Pflanzenbestimmungsbücher, anaologe und digitale Vogelpfeiferl und Vogelbestimmungsbücher für die richtige Ausrüstung und das Anschauungsmaterial auf diesem wundersam kosmischen Welterkundungsgang. Goethes „anschauendes Denken“, die Nähe, ja, der unbedingte Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Poesie – das war die „Erkäntnüß“ in dieser unterhaltsamen Lehrstunde. Um es mit Ernst Jünger zu sagen: „Im Auge eines Falterflügels ist nichts Geringeres verborgen als im Golf von Neapel oder in der Bucht von Rio, von denen wir auch nicht mehr als die Oberfläche sehen. Es fragt sich, was wir herausholen. Das kann nur aus der eigenen Tiefe geschehen, dort ruht das Gegengewicht.“ Oder mit Gerd Holzheimer: „Um den Kosmos kommt keiner herum.“