Veranstaltungsinfo

Do, 06.04.2017
20.00 Uhr
Literatur
Vielklang
20,00 / 10,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Thomas Darchinger: A Gmade Wiesn - ein Bavarical

Eine Bayerische Sprechoper und eine Liebeserklärung an das Scheitern!
In Bayern spricht man von einer “gmadn Wiesn”, wenn es ohne großes Zutun von selbst, wie geschmiert läuft. Aber wann ist das wirklich der Fall? Der preisgekrönte Bühnen- und Filmschauspieler Thomas Darchinger wagt es, dieses urbayerische Lebensgefühl zu hinterfragen, in eigenen und in Texten von Ottfried Fischer, Friedrich Ani und Konstantin Wecker. Musikalisch in Szene gesetzt von der kleinen, feinen Band rund um die Brüder Himpsl (Unterbiberger Hofmusik) und Luis Maria Hölzl. Denn das Leben an sich, glaubt der von der Süddeutschen Zeitung als einer der „Lieblingsbösewichte im deutschen Film” gelobte Darsteller, sei doch oft nur auf den ersten Blick “a gmade Wiesn”. Gott sei Dank! Darauf deutet schon der Untertitel des Programms hin: eine Liebeserklärung an das Scheitern. Das Bavarical „A gmade Wiesn“ wirft einen zärtlich-kantigen Blick auf die Menschen mit all ihrer Unzulänglichkeit .

In mehreren, musikalisch in Szene gesetzen Erzählungen schichten Darchinger und Band mit großer Bühnenpräsenz ein berührendes wie mitreißendes alpines Panoptikum auf, durchsetzt mit knackigen Songs. Das klingt mal melancholisch oder derb grantig, mal lustig frivol und zauberhaft, immer gefühlvoll, persönlich und gänzlich ohne Tümeleien. Darchinger flüstert, tobt oder sprechsingt sich durch wilde, romantische, tief bayerische Geschichten über Dableckte, Damische, Hejdn, Pfarrer, Pritschn, einfache Leid, Großkopferte oder die Annamirl. Dann steht auch mal „die ganze Welt in Flammen“, „spuin doch olle verrückt, bsoffn von si seiba“. Ein dicht arrangierter und umwerfend schöner Bühnenabend mit Thomas Darchinger als fesselndem Bühnen-Matador und virtuosen Musikern an Schlagzeug, Flügelhorn, E-Gitarre, Bass, Synthesizer, Glockenspiel und vielem mehr, was tönen kann.

Das ist so wunderbar unterhaltsam wie herausfordernd. Eine künstlerisch leidenschaftliche Suche nach Haltung und Orientierung. Die beginnt schon in der Kindheit, kehrt täglich vor dem morgendlichen Spiegelbild wieder und tangiert natürlich erst recht die dramatischen Fragen um Liebe und Tod. In Bayern und auf der ganzen Welt.

"Ein herrlich kantiges künstlerisches Alpenglühen, Darchinger erntet Beifallsstürme." MÜNCHNER MERKUR

THOMAS DARCHINGER, Sprecher, Gesang
XAVER HIMPSL, Trompete
LUDWIG HIMPSL, Schlagzeug
LUIS MARIA HÖLZL, Gitarre
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

„Die Zeiten sind schwer und verwirrend“, sagt Thomas Darchinger an einer Stelle seines „Bavaricals“. Damit hat der gebürtige Neuburger zweifellos recht: „A gmade Wiesn“ ist das Leben schon lang nicht mehr, wie es der Titel seiner musikalisch-textlichen Heimatsuche verspricht – es ist eher voller Unkraut. Ein Mitt-Fünfziger wie er ist nun allem Anschein nach wütend darauf, dass die Jugend endgültig vorbei sein soll und damit auch die Poesie kracherter Besäufnisse in lauen Nächten. Glaubt man der Weichzeichnung Darchingers, dann gehörten diese Zeiten Ende der sechziger bis Ende der siebziger Jahre ausschließlich den Buben und späteren Halbstarken vom Ammersee, mit Blindschleichen-Suche am Anfang und brünftigen Aufrissen am Ende. Selbst das Gschwerl aus München trübte noch nicht allzu sehr die Dorf-Idylle, und „Weiber“ waren halt nichts anderes als Sexualobjekte. Subtext, trotz geläuterten Rückblicks: Hund´ war ma scho! Das mag alles auch so passiert sein zwischen Weßling und Herrsching, nur ob man´s noch mal detail-freudig nachbeten muss, ist eine andere Frage.

Darchinger holt sich für seine Reminiszenzen allerlei Kronzeugen und vermeintliche Seelenverwandte in sein „Bavarical“: Er lässt den deftigen Georg Queri und seine Gschichten vom Fensterln zu Wort kommen, den Soziotop-Schriftsteller Friedrich Ani, den kauzigen Philosophen Karl Valentin, den Otti Fischer und die Sache von der Metzgerlehre, die der Vater dem Vegetarier-Sohn einst aufgezwungen hat; aus all dem Nachschmecken der verlorenen Jugend könnte nun wie bei z.B. Wolfgang Ambros eine Balance aus Zartem und Verklärtem, aus Grobem und Nüchternem erwachsen, eine Art weiser Resignation, doch Darchinger entscheidet sich überwiegend für die plumpe Wut: Grantelt nicht nur, womöglich mit feinen Zwischentönen, sondern schwadroniert drauflos wie eine rechte Gerade. Der unsägliche Bierzelt-Befüller Harry G. lässt an dieser Stelle zumindest grüßen - auch der bringt latenten Fremdenhass in seinen angeblich nur preußenfeindlichen Tiraden unter. Vielleicht hat Darchinger das ja selber gespürt, so dass er in der „Ave Maria“-Nummer (leicht abgekupfert wiederum von Hans Well und den Biermösln) gebetsmühlenartig den Chorus bringt: „Wir lieben euch trotzdem!“ Da wäre sie ja doch noch, die Liberalitas Bavariae, die angeblich so tolerant ist.

Die Crux des „Bavaricals“ bei Darchinger ist, dass das Derbe eindeutig die Oberhand gewinnt bzw. das Sagen hat: An einem Text von Gerhard Polt ist das besonders schmerzhaft zu erleben – wo im Vortrag dem Original gemäß Nuancierungen und Doppelbödigkeiten sein müssten, herrscht beim Epigonen nur noch flache Ebene bzw. wirklich „gmade Wiesn“, dabei ist Thomas Darchinger Schauspieler und ein guter Text-Rezitator. Seine beiden musikalischen Begleiter (Trompeter Xaver Himpsl fehlte diesmal) machen ihre Sache an Schlagzeug und Alphorn (Ludwig Himpsl) bzw. Gitarre und Geige (Luis Maria Hölzl) ordentlich, können die Schieflage zwischen Text und Musik aber auch nicht ganz retten. Persönliche Erinnerungen an die „oidn Späzln“ aus Kindertagen (Anton G. Leitner und Franz Czasny waren hier wohl die Augenzeugen) oder an den „verstorbenen Gitarristen“ (vermutlich war von Bonzo Keil die Rede), sie verblassen hinter Darchingers irrlichternder Wut auf die Moderne genauso wie die Brüche, die er zweifellos erlebt hat. So gerät das Ganze eher zu einer männlich-sentimentalen Beweihräucherung eines Bayernlands, das es so schon lange nicht mehr gibt, auch nicht zwischen Weßling und Breitbrunn. Weismachen kann man die Story vom verlorenen Paradies vielleicht noch den verhassten, tümelnden  „Teilzeitlederhosenträgern“ aus dem Norden. Man kann als Zugabe auch „Forever young“ singen und sich irgendwie à la Konstantin Wecker alt und gereift fühlen. Man kann aber auch (war´s der Karl Valentin?) sagen: „Wenn ich mich so freuen tät, wie ich mich ärgere, dann wär ich schon zufrieden...“ Thomas Lochte