Veranstaltungsinfo

Mi, 01.02.2017
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Gerd Holzheimer: Gnade dir Gott: Heilige Reiche von vorgestern und heute (3)

Dass man sich auf einen Gott beruft, um vermeintlich zu recht morden zu können, zu dürfen, nein sogar zu müssen, zu vergewaltigen, zu plündern, brandschatzen und zu unterwerfen, ist keine Erfindung der Jetztzeit und auch keine Erfindung jener Gotteskrieger, die dies in Allahs Namen praktizieren.
Im Koran steht es ohnehin anders, und dieser fälschlicherweise herbeizitierte Allah hatte seine Vorläufer, den Christengott zum Beispiel, aber auch den Gott der Juden – dabei sollte doch das der Gott all dieser drei großen Weltreligionen sein, ein einziger Gott. Aber wenn sich ein Volk zu einem als von Gott auserwählten macht, wird es etwas eng für andere, die sich zumindest auch als solche empfinden: als Kinder Gottes.
Die Nachbarn oder gar Bewohner, die vorher auf diesem Stück Land gelebt und gehaust haben, werden ein Problem haben, und kein kleines, wenn sie zum Beispiel konfrontiert werden mit einer Art von zionistischer Geopolitik, die von der „Erlösung des Bodens“ spricht als religiösem Begriff des „Landes Israels“. Dabei antwortet, wenn schon, Gott auf Moses Frage, wer er sei: „Ich bin, der ich werde.“ Gegen Ideen ist kein Kraut gewachsen und gegen deren Überhöhung schon gar nicht. Die Überhöhung der Idee von Rom, die Rom sich selbst gibt als Verwirklichung des Kosmos und seine Verherrlichung, setzt sich fort in der Idee des Christentums,
den Kosmos zu verkörpern als das eigentliche wahre Rom. Für Hermann Melville, Autor des Moby Dick ist die Tragödie des Christentums die „Tragödie der scheiternden Nächstenliebe“. „Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr. Wer bist du, o Mensch, wer bist du geworden? zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Wer hat dich so tief fallen lassen?“, fragt sich Papst Franziskus in Yad Vashem. „Mein lieber Freund, ich war jung und nun bin ich alt“, sagt Simon Peres zu Papst Franziskus: „Ich habe gelernt, dass Träume nicht altern und ich empfehle jedem meiner Kollegen, es genau so zu halten.“

Reihe: Wie hätten wir's denn gern? Modelle für Staat und Gesellschaft.
Konzeption & Moderation: GERD HOLZHEIMER
Sprecherin: LAURA MAIRE
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

„Die Wahrheit war das Allerletzte, was mich interessierte.“ Diese Worte standen am Anfang des dritten Teils der Literaturreihe „Wie hätten wir´s denn gern“, in der sich Gerd Holzheimer, unterstützt von Rezitatoren, der Frage nach den Ursprüngen und Hintergründen fundamentalistischer Weltanschauungen widmet. Um die Heiligen Reiche von vorgestern und von heute ging es an diesem Abend mit dem Titel „Gnade dir Gott“. Und der Urheber des Anfangszitates setzt jeglichem Absolutheitsanspruch gleich mal eine gesunde Portion Frechheit entgegen: „Sollte ich jemals auf irgendeine Wahrheit stoßen, würde ich sie unter Verschluss halten.“ Der dies sagt, ist der aktuelle Literaturnobelpreisträger Robert Allen Zimmerman, besser bekannt unter seinem Pseudonym Bob Dylan. 

Die allermeisten Wahrheiten jedoch blieben nicht unter Verschluss, sondern mussten als Anlass für Machtkämpfe, Kriege und Terror herhalten bildeten das Fundament so manches sogenannten Gottesstaates. Diese sind beileibe keine Erfindung der Mullahs, sondern bereits im Alten Testament zu finden: das Gelobte Land, das Moses und den Seinen versprochen wird, gilt dort als Erlöstes Land, als der Boden für einen noch zu errichtenden Staat zu Ehren des Erlösenden Gottes. Was das für die bedeutet, die auf diesen Boden bereits leben, ist hinreichend bekannt.

Im Mittelalter dann setzte ein „Gautinger Mitbürger“, Karl der Große, fort, was im Zentrum des zweiten Teils der Literaturreihe stand: die Idee des Römischen Reiches, hier in der Form eines christlichen Roms und damit eines Reiches, das im Zeichen einer festgelegten Wahrheit steht. Wie diese Wahrheit mit Andersgläubigen umgeht, lässt sich unter anderem an den Kreuzzügen sehen und daran, wie Kreuzritter im Namen ihres Gottes die Stadt Konstantinopel glattmachten und deren Bewohner ausrotteten. Die Anweisung, was die Ritter mit der Stadt und ihren Bewohnern zu machen hätten, liest sich wie aus der Feder des IS. 

Und noch einmal wird Konstantinopel zum Schauplatz blutiger Glaubenskämpfe, als im Gegenzug die Osmanen über die Stadt herfallen. Stefan Zweig beschreibt dies eindrucksvoll in „Sternstunden der Menschheit“, und der Schauspieler Peter Weiss, an diesem Abend für die Zitatlesungen verantwortlich, lässt diese Episode so anschaulich und lebendig werden, dass die Anwesenden sich mitten unter den Protagonisten wähnten.

Auch die zahlreichen Klosterregeln,beispielsweise die Klausur betreffend, lesen sich durchaus wie die Regeln eines sogenannten Gottesstaates - hängt doch von deren peinlicher Befolgung stets nichts Geringeres als das Seelenheil ab. Gerd Holzheimer, der sich selber gern zuweilen zu Arbeiten ins Kloster zurückzieht, kennt aber auch das Gegenprogramm: „Die Außer-wenn-Regel setzt ganz charmant jede Gottesstaatlichkeit außer Kraft“, erklärt er.

Andere Gegenprogramme sind der Buddhismus, der jeglichen Anspruch auf absolute Wahrheit unterläuft, oder alles, was aus dem anarchischen Teil des österreichischen Nachbarland stammt. Beispiele aus einem Buch mit dem wunderbaren Titel „Hanswurscht und der Staat“ demonstrieren dies ebenso anschaulich wie der unnachahmliche Wiener Satz: „No, die Woarheit, die werd doch mit sich reden lassen…“

Übrigens lassen sich viele der Bücher, die Gerd Holzheimer in seiner über die Jahre gewachsenen Bibliothek versammelt und die sich bei jedem Teil der Literaturreihe in Stapeln neben ihm türmen, auf den Online-Portal ZVAB (www.zvab.com, Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) finden. Die Gautinger Buchhandlung Kirchheim kann hier auch weiterhelfen. Das beste Gegenmittel bei akuter Gefährdung gottesstaatlicher Aktivitäten sind nämlich Bücher - das hat der Abend einmal mehr bewiesen.