Veranstaltungsinfo

Mi, 22.02.2017
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Gerd Holzheimer: Ich bin's - Wiedergeburt des Individuums in der Renaissance (4)

Von Dante, Boccaccio und Petrarca war schon die Rede im bosco in der Reihe "Vom christlichen Abendland". Diesmal geht es mehr um die Philosophie, die sich in den italienischen Stadtrepubliken des 16. Jahrhunderts ausgebildet hat. „Nicht die Urteile sind bedeutend, die Dante fällt. Bedeutend ist das unbedingte Wandern können des inneren Blicks.“ (My Heilmann: Florenz und die Medici).
Die Zentralperspektive zieht ein in die bildende Kunst und in die Architektur, der Mensch steht im Mittelpunkt. Hat man an der Antike also auch ein Vorbild, an das man sich halten kann, so ist doch mit diesem Aufbruch ein ungeheurer Wagemut verbunden, sich in dieses Neuland zu begeben, in dem noch keiner war – eine Wüste aus Leerstellen sozusagen, für die eine neue Form gefunden werden muss. Den ungeheuren Schritt, der da gewagt wird, illustriert unter anderem ein Text, den der italienische Humanist und Philosoph Giovanni Pico de Mirandola (1463 – 1494) geschrieben hat (1496 veröffentlicht). Er denkt so „über die Würde des Menschen“ nach: „Als Gott alle Dinge geschaffen hatte, dachte er schließlich daran, den Menschen zu schaffen. Aber er hatte keine Form mehr für ein neues Geschöpf, noch Stoff, mit dem er das neue Kind begabte, noch einen Raum, wo er als Betrachter des universums hätte Platz finden können.“ Es ist praktisch schon alles besetzt, jeder Raum und auch jede Form. Also setzt der Schöpfer den Menschen in die Freiheit, was für ein gewaltiger Wurf. Er setzt ihn in die Mitte der Welt und gibt ihm „keinen festen Sitz, keine eigene Gestaltung“, alles muss oder darf der Mensch sich selbst schaffen, ohne Schranken, nur nach seinem eigenen Willen. Dem Menschen, so jubelt Mirandola, ist „gegeben zu besitzen, was er sich wünscht, zu sein, was er will.“ So fordert es auch der Philosoph Wilhelm Schmid für die Jetzt-zeit: „Dort wo das Herkömmliche fragwürdig wird, wird die Gestaltbildung zur Aufgabe, die kaum je abzuschließen ist.“

Reihe: Wie hätten wir's denn gern? Modelle für Staat und Gesellschaft.
Konzeption & Moderation: GERD HOLZHEIMER
Sprecherin: GESCHE PIENING
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

„Mein Buch bin ich“, schreibt Michel de Montaigne im Vorwort zu seinen berühmten „Essais“ - auf jeder Seite, in jeder Zeile nimmt dieses Ich Platz, das ganze Buch ist erfüllt davon. Es ist das Jahr 1580. Die Reformation hat längst stattgefunden, Shakespeare hat seine Sonette geschrieben und natürlich seine großen Dramen und Cervantes den „Don Quijote“, Galilei hat das Weltbild verändert, Leonardo und Raffael haben das Gleiche mit der Kunst getan. Das Ich ist ins Zentrum der Betrachtung gerückt, mehr noch: es gibt auf einmal die Perspektive vor. Der Homo novus erscheint auf der Bildfläche und mit ihm ein verändertes Bewusstsein.

Der vierte Teil der von Gerd Holzheimer konzipierten und präsentierten Reihe „Wie hätten wir´s denn gern?“ ist der Renaissance gewidmet - nach dem antiken Athen, dem alten Rom und den Gottesstaaten steht nun die frühe Neuzeit im Fokus, jene Zeit, welche die Antike wieder entdeckt aus einer veränderten, individuellen Perspektive. „Das Wissen um die Antike war hier bei uns während des Mittelalters vollkommen verschwunden“, sagt Gerd Holzheimer und verweist darauf, dass der vermutliche „Gautinger Mitbürger“ Karl der Große („Den bringe ich jetzt in jedem Teil dieser Reihe“) zu dieser Zeit nicht einmal seinen Namen zu schreiben vermochte, während das Wissen um die Schriften und Errungenschaften der Antike vor allem durch arabische Schriftgelehrte bewahrt blieb.

Ein junger italienischer Humanist und Philosoph, Giovanni Pico de Mirandola, hatte bereits im Alter von 23 Jahren die Idee, alle Gelehrten der Welt zu einer gemeinsamen Konferenz einzuladen und auf dieser den Islam und das Christentum miteinander zu versöhnen. Leider kam es nicht dazu, doch die Rede, die Mirandela zur Konferenz-Eröffnung halten wollte, ist noch vorhanden und unter dem Titel „Über die Würde des Menschen“ in die Geschichte eingegangen. Darin sieht der junge Graf den Menschen inmitten einer gottgegebenen Freiheit, ohne „festen Sitz“, wo er sich selbst nach seinem eigenen Willen erst schaffen darf. 

Eben das geschieht in der Bildenden Kunst, die in dieser Zeit die Zentralperspektive entdeckt, die einen auf mathematischen Berechnungen begründeten eindeutigen, aber individuellen Standpunkt einnimmt. Es geschieht in der Literatur, die zum ersten Mal von individuellen Befindlichkeiten spricht, wie im „Decamerone“ des Boccaccio. Und es geschieht in der Musik, die nicht mehr nur den Schöpfer und sein Werk preist, sondern den Menschen selber feiert, wie im Werk des Orlando di Lasso. Erstmals ist in der Holzheimerschen Literaturreihe umfangreich Musik zu hören, immer wieder erklingen Kompositionen von Orlando di Lasso. Die zahlreichen Texte, von Montaigne über Boccaccio bis hin zu Machiavelli und Briefen von Orlando di Lasso liest mit viel Sinn für feinen Humor Fesche Piening.

Wie hätten wir´s denn gern? Der Titel der Reihe trifft kaum eine Epoche so gut wie eben die Renaissance. Denn seitdem ist das Individuum in der Welt, ist das Ich perspektivenbestimmend. Wenn man es genau nimmt, beginnt bereits hier der Pluralismus, die Vielfältigkeit der Lebensentwürfe und der Geisteshaltungen. Und es beginnt der Egoismus, der so vieler Übel Wurzel ist. Und dennoch: eine Gesellschaft der Vielen, der Individuen, ist vielleicht doch auch weniger anfällig für Unterwürfigkeit und Totalitarismus. Hätten wir´s nicht lieber so?