Veranstaltungsinfo

Mi, 07.02.2018
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Vorverkauf ab 25.11.2017

Holzheimer-Reihe "Ich und die Welt" (5): Nobellierung von Brüchen

Hermann Hesse und Thomas Mann
Sprecher: AXEL WOSTRY
Nobellierung von Brüchen: Hermann Hesse und Thomas Mann
Ein Dreigestirn wird gern genannt, wenn es darum geht, den Aufbruch in die Kunst der Moderne mit Namen zu versehen: Arnold Schönberg, Wassilij Kandinsky, Thomas Mann. Musik, bildende Kunst und Literatur schaffen gemeinsam die künstlerische Grundlage des zwanzigsten Jahrhunderts, und man darf sich freuen, dass etliche Geburtsstunden in einem Land stattgefunden haben, in dem Avantgardisten sie nicht unbedingt vermuten wollen, in Bayern.
Wirft man, um Thomas Mann näher zu kommen, einen Blick in seine Tagebücher, wird eine erstaunliche Diskrepanz spürbar zwischen der großbürgerlichen Erscheinung, die er nach außen verkörpert, und den extemen Brüchen, die ihn seine künstlerische Berufung verursacht – und nicht nur die. Im Stil des Lebensführung wie des meisterlichen Schreibens gelingt es ihm, diese Brüche zwar nicht auszugleichen, aber doch immerhin lebbar zu gestalten.
Zu den Avantgardisten wird sein Kollege Hermann Hesse gemeinhin nicht gezählt. In intellektueller Rezeption erscheint Hesse als „literarischer Gartenzwerg“, wie selbst der Hermann-Hesse-Herausgeber Volker Michels konstatiert. Literarischem Scharfsinn gegenüber, räumt er ein, haben Hesse Texte viele Nachteile: sie sind leicht zu lesen, aber schwer zu leben. Seine Gesellschaftskritik beginne mit Selbstkritik: auf den einzelnen kommt es Hesse an. Er schreibt: „Es fehlt nicht an Autoren, der Verzweiflung an unserer Zeit und deren Angst vor dem Chaos echt ist. Es fehlt aber an solchen, deren Glaube und Liebe ausreicht, sich selber über dem Chaos zu halten.“  Der Mensch, den ich suche und erwünsche, ist der, der sowohl der Gemeinschaft wie des Alleinseins, sowohl der Tat wie der Versenkung fähig ist.“
Immer von neuem muss „das Paradoxe wieder gewagt“ werden, so zitiert Hermann Hesse gleich zu Beginn der Morgenlandfahrt seinen Siddharta, „das an sich Unmögliche muss immer neu unternommen werden.“ Zeitlebens hat Hesse an dieser Maxime festgehalten und ging solchermaßen eben doch verdient als weiser Mann in die Geistes- und Literaturgeschichte ein.

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecher
AXEL WOSTRY
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 

Hermann Hesse und Thomas Mann. „Alle werden Lese- und Lebenserfahrung mit beiden haben“, sagt Gerd Holzheimer zu Beginn des letzten Abends seiner Literaturreihe „Ich und die Welt“ und liefert auch gleich ein Beispiel aus dem eigenen Schatzkästlein frühester Lektüre- und Levitenerinnerung. Denn als Zögling eines ausschließlich Buben vorbehaltenen Humanistischen Gymnasiums war es für die damaligen Pubertisten eine Sensation, als das Lehrerkollegium eines Tages um eine junge Deutschlehrerin erweitert wurde. Der Anblick der auf dem Pult mit übereinandergeschlagenen Beinen dozierenden Pädagogin raubte den von ihren erwachenden Hormonen Geplagten beinahe die Sinne: „Nylons knisterten wie in einem Film von Truffaut“, erinnert sich Holzheimer. Nun war die neue Lehrerin eine ausgemachte Thomas-Mann-Verehrerin, während der junge Gerd viel lieber Hermann Hesse las. Eines Tages nahm er seinen ganzen Mut zusammen, trat - getrieben von dem Wunsch, der jungen Frau zu imponieren - vor diese und begann einen Satz mit: „Aber Frau Profesor, Hermann Hesse …“ Weiter kam er nicht, denn wie ein Fallbeil (so erinnert sich Holzheimer) durchschnitt ihre Antwort sein begonnenes Bekenntnis: „Aber Holzheimer, ein vollkommen drittklassiger Autor.“ In ihm, berichtet Gerd Holzheimer, habe in diesem Moment etwas sehr klar und deutlich „Nein“ gesagt.

In dieser kleinen Anekdote liegen die beiden Hauptanliegen des Abend bereits verborgen: zum einen das Antreten des Beweises, dass Hermann Hesse zu Recht als einer der Besten im künstlerischen Umgang mit der deutschen Sprache ist (das hat in ähnlicher Weise Thomas Mann über ihn gesagt), und zweitens, dass ein Wegweiser für das Ich hinein und hinaus in die Welt die eigene Herzensbildung sein möge. Denn ohne den Einfluss des Herzens hätte auch der junge Schüler niemals das Duell mit einem Mann-Weib gewagt.

Mitten hinein in das Werk beider Schriftsteller sowie einiger Biographen führt in einfühlsam gestalteten Rezitationen der Sprecher Axel Wostry, ohne dessen besondere Art, zu lesen und in die Textpassagen einzudringen, gewiss vieles so nicht verständlich geworden wäre.

Das Herz als Kompass im Umgang mit einer fremden, befremdlichen Welt ist im Werk Thomas Manns in einem virtuos gestalteten Labyrinth aus stilistischem Hochleistungssport und immer wieder phantastisch variierter Erzählung vom Widerspruch zwischen der künstlerischen Existenz und der bürgerlichen Umgebung verborgen, doch es blitzt umso glänzender auf in Momenten wie jenem am Ende des Doktor Faustus, als es die bayerischen Dialekt sprechende Hauswirtin Schweigestill ist, die als einzige die Lage des sterbenden Adrian Leverkühn begreift.

Hermann Hesse formuliert die Herzensbildung als Leitbild für ein gelingendes Leben, im Sinne einer sein Werk durchziehenden Botschaft. Das findet sich in jener Szene im „Steppenwolf“, wenn der Ich-Erzähler im Treppenhaus auf dem Treppenabsatz den seltsamen Herrn Haller trifft und diesen erst wirklich entdeckt, als er vom Duft der Topfpflanze und des Terpentins erzählt, welcher an dieser Stelle des Hauses einen Einblick in das Leben der Bewohner zu geben vermag.

Und so rundet sich mit diesem Abend die Reihe „Ich und Welt“ zu einem Bekenntnis, das Unbekannte mutig mit dem Herzen zuzulassen, wie Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ besingt: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“