Veranstaltungsinfo

Do, 12.03.2015
20:00 Uhr
Ausstellung
Musik
15,00 €

Original Walderbuam Showbänd: Hinterbayern_Inside

Rahmenprogramm zur Ausstellung „Hinterbayern_inside“: Nur zwei-, dreimal pro Jahr lassen sie es rocken, die Hinterbayerischen. Ist es Spott oder eine liebevolle wenn auch kritische Auseinandersetzung mit der heimatlichen Region, was die „Hinterbayerischen“ mittlerweile seit fünfzehn Jahren mit erstaunlich großem Publikumszuspruch auf die Bühne stellen? Herbert Pöhnl und die Erzmusikanten und Schauspieler Hartwig Löfflmann, Johannes Haslinger, Roland Pongratz und Christoph Pfeffer der original-WaidlabuamShowbänd sind längst ein modernes und anspruchsvolles Aushängeschild für Regio-Kabarett geworden.

Die fünf wollen gegen die Klischees der Hochglanzprospekte und Musikantenstadel und verschönerten Dörfer angehen und veranstalten eigene, so ganz andere Heimatabende. Dem Kernbegriff Heimat wird nachgegangen, er wird umkreist, durchleuchtet und hinterfragt und die Erkenntnisse, die schrägen, skurrilen, verblüffenden, 
ironischen und humorvollen nimmt das Publikum begeistert ab. Pöhnl: „authentisch muss man bleiben“. 

Die sehr gute Resonanz nach „Wo bitte liegt Hinterbayern?“, das im November 2000 erstmals vorgestellt wurde, hat Mut zum zweiten Programm „koawerbungned“ gemacht. Seit 2008 ist der multimediale Heimatabend mit Lesung, Musik und Fotografien ein Begriff für einen engagierten, humorvollen aber tiefsinnigen und zielgenauen Heimatabend geworden. 
Die Verbindung dieser starken unterschiedlichen Typen, dieser Zusammenstand alleine ist schon bemerkenswert: „mir ham no nie g’strittn“, sagt Pöhnl dankbar, „bei uns entwickelt sich alles gemeinsam, das gewährleistet auch eine ständige Weiterentwicklung.“ Scheinbar sind die fünf zu allererst Komödianten, aber das täuscht. Jeder weiß genau, was er will und tut, sie wirken unentrinnbar auf das Publikum. Das ist eine weitere Qualität der Gruppe, das will Pöhnl verdeutlichen: „Die Gleichberechtigung, die gemeinsame Verantwortung, das fast blinde Verstehen, die wesentlichen Aspekte mussten wir nie diskutieren“. „Hinterbayern“ ist eine Schlag-auf-Schlag-Revue, die von Humor über Ironie bis zu eher unernsten Empfehlungen alle Mittel von Musik, Theater, Texten, Bildern und Filmen auf Großleinwand und Zuschauerbeteiligung einsetzt, um zu einer Nachdenklichkeit zu verführen. Und immer bleiben die Fünf ihrem Grundsatz treu, niemand und nichts zu verletzen. Meistens sind es Kunstfiguren, an denen sie sich selbst und mit ihnen das Publikum reibt, mal amüsiert oder staunend, mal den Kopf schüttelnd. 

Besetzung:
Johannes Haslinger (Zwiesel), Fotograf, Rockmusiker (Gitarre, Schlagzeug), Hartwig Löfflmann (Frauenau), Leiter des Naturparks Bayerischer Wald und der Blaskapelle Frauenau (Tuba, Posaune, Harmonika), Christoph Pfeffer(Großloitzenried), Umwelttechniker, Jugendkulturpreisträger, Organisator des „Woid Rock“-Festivals (Gitarre, Kontrabass), Herbert Pöhnl(Viechtach), Autor, Fotograf, div. Veröffentlichungen, Roland Pongratz (Patersdorf), Volkskundler, Musiklehrer, Organisator des Drumherum-Spektakels, Musiker (Trompete, Harfe, Ziach. Koordinator der Gruppe Äff-tam-tam). 
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 
Stüberlwärts - ein Heimatabend mit den Hinterbayern
Schmerzbewältigung muss wohl so ausschauen, wenn man aus dem Bayerischen Wald kommt oder besser gesagt dem, was noch davon übrig ist: Man nimmt also die Reste von "Heimat" und dreht sie ein Stück weit durch den Fleischwolf - mit Richtung Metal gesteigerten Traditionsklängen und mit Hilfe von Herbert Pöhnls fein beobachtenden Texten. Die "Hinterbayern", vier Musiker und ein Mann des Wortes (Pöhnl ist Autor und Fotograf), leiden am mehr oder weniger schleichenden Heimat- und Identitätsverlust also auf schön offensive Art und Weise:

Sie hauen als "OriginalWaidlaBuamShowBänd" musikalisch drauf auf den bayerischen Bierzelt-Konsens-Krach, vergewaltigen eine unschuldige Gitarre (Christoph Pfeffer) derart, dass sie wie ein Waschbrett ächzt und überall Wundpflaster trägt; prügeln beim Schlagzeug (Johannes Maria Haslinger) fast nur auf der Basstrommel, spielen die Ziach (Roland Pongratz) zur Not auch mal so, als wäre Hans Albers auf dem Königssee unterwegs, spielen die Posaune (Anderl Weiß) schön mit Schlagseite, weil´s so gut zum bezechten Gesang passt. In der Übersteigerung des Vorgefundenen finden sie ihre Form, ihre Flucht nach vorne. Es ist ja auch kaum zu ertragen, was Herbert Pöhnl da mit fein gezeichnetem Spott beschreibt: Die ewigen "palastartigen Feuerwehrhäuser", die "eindrucksvollen Pflüge auf den Doppelgaragen", die "angedübelten Dreschflegel" an den Wänden - all diese vollkommen missverstandenen Ausdrucksformen angeblicher Heimatverbundenheit. Pöhnl führt im Wechsel mit dem musikalischen Säbel der Musiker das Florett. Spricht wie ein zu spät gekommener Poet vom "Gesang der Gartengeräte", der den Gesang der Waldvöglein längst abgelöst hat. Spart auch die pervertierte ländliche Strukturpolitik nicht aus, wenn er davon kündet: "Ein Regio-Manager hat die Dörfler im Kampf gegen sich selbst beraten." Er spürt mit solchen Beobachtungen "letzte Dorftrümmer" auf, lässt auch mal einen Heimatsuch-Hund von der Leine, trauert mit Gespür fürs längst Verlorene.

Als Gesamt-Performance versuchen die "Hinterbayerischen", den Nicht-Waldlern irgendwie nahe zu bringen, wie sie ticken und woran sie unheilbar leiden - zwischen zum Erlebnisparkplatz umfunktioniertem Dorfanger und "Rehbock-Ragout, vom Öko-Jäger erschossen". Zwischen dem, was "Brauchtum" sein soll und doch nur Vermarktungsstrategien beinhaltet: Da wird auf dem Mittelalter-Markt "ein Pferd hinten 50 mal beschlagen und vorne schwindlig gestreichelt", und wenn der "Wolfausläuter" im ausgehenden Winter an der Haustür klopft, dann zahlt man besser. Zwischen den Zeilen und den Heavy-Metal-Gebärden wird freilich auch sichtbar, dass die fünf Mannsbilder aus dem fiktiven(?) Dorf Hinterkirchreuth nicht anders können, als ihre Heimat verzweifelt zu lieben, sie sozusagen Zähne fletschend zu verteidigen, noch im entstelltesten Zustand womöglich. Diese Form von Heimatkunde protokolliert, sie beschreibt, schaut hin - und weiß doch: Ein Entkommen wird es nicht mehr geben. Darauf ein schmerzstillendes Prosit - was sonst?