Veranstaltungsinfo

Sa, 14.10.2017
20:00 Uhr
Schauspiel
30,00 / 15,00 €*
* Vorverkauf ab 08.07.2017

Theater an der Ruhr: "Peer Gynt" von Henrik Ibsen

Peer ist ein Träumer, ein Lügner, der sich mit der Märchenwelt identifiziert, seiner Phantasie freien Lauf lässt. Viele Rollen hat er angenommen und muss feststellen, dass er völlig unbedeutend ist. Alles Fassade.
Roberto Ciulli und Maria Neumann begeben sich erneut zusammen auf eine Reise. Diesmal auf die des nordischen Sagenhelds Peer Gynt. Ciulli und Neumann werden beide den Peer spielen, die Rollenzuschreibungen bleiben, wie bei der Inszenierung zu „DER KLEINE PRINZ“, unklar. Peer ist ein Träumer, ein Lügner, der sich mit der Märchenwelt identifiziert, seiner Phantasie freien Lauf lässt. Wer länger auf dem Meer unterwegs ist, erliegt auch den Trugbildern, die die Wolken bilden. Viele Rollen hat er angenommen und muss feststellen, dass er völlig unbedeutend ist. Alles Fassade. Schicht um Schicht, Existenzform um Existenzform häutet er sich und findet doch keinen Kern. Das erschüttert ihn, Identität erweist sich als Konstrukt.

"Maria Neumann und Roberto Ciulli zelebrieren das dramatische Gedicht als ein solches, atemlos hasten beide durch Rollen und Szenerien, wälzen sich auf Tisch und Bett, atemlos sitzen sie da, starr vor dem Berg aus Leben, den sie da hinaufsteigen müssen. Ein grandioses Duo, für das jedes Adjektiv zu gering erscheint. Beide sind alle und alles, und wenn es still wird, wird es besonders stark."
TRAILER-RUHR

Stückdauer: ca. 1,35 Std., keine Pause
Einführung: 19.15 Uhr

Mit MARIA NEUMANN, ROBERTO CIULLI
Regie, Dramaturgie MARIA NEUMANN, ROBERTO CIULLI
Licht THORSTEN SCHOLZ
Kostüm HEINKE STORK
Ton FRITZ DUMCIUS
Requisite ANNA VYNOGRADOVA
Regieassistenz DIJANA BRNIC, PIA TESTROET

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 
„Du lügst“, sagt die Mutter. Jede Mutter kann das: ihren Sohn entlarven. Da kann er noch so lange sagen, „ich lüge nicht“. Sie weiß es besser. Bei dem Sohn handelt es sich in diesem Fall um Peer Gynt aus Henrik Ibsens gleichnamigem Drama. Und der erzählt eine schillernde, mitreißende Geschichte von einer atemberaubenden Jagd und seinem mutigen Erlegen eines Bocks. Die Mutter kann das nicht blenden, „du bist und bleibst ein Großmaul“. Peer will was sein, will was werden, König oder Kaiser am besten. Er ist ein Gernegroß, ein Träumer, ein Phantast. Und schon legt er den Kopf in den Nacken und sieht mit verklärtem Lächeln im Gesicht in der vorüberziehenden Wolke am Himmel ein Pferd.
Peer wird von Maria Neumann gespielt in dieser Anfangsszene, die Mutter von Roberto Ciulli. Aber schon in der nächsten Szene haben sie die Rollen getauscht, dann ist er Peer und sie alles andere. Die beiden Schauspieler vom Mühlheimer Theater an der Ruhr haben sich Ibsens Peer Gynt vorgeknöpft und den komplexen Fünfakter zu einem 90-minütigen Zweipersonenstück destilliert.
Ein Bett, ein Schrank, ein Tisch mit zwei Stühlen - das ist der farblos gehaltene Rahmen, in dem sich Peer Gynts Leben in Schlaglichtern aufspannt. Roberto Ciulli gibt ihn, den Peer, mit schlohweißem, schulterlangem Haar, unaufgeregt, manchmal gar ein wenig müde. Die Dynamische in dem eingespielten Duo ist Maria Neumann, die hingebungsvoll mal die Mutter, mal die zu Peers Füßen kriechende, verschmähte Liebe oder den Teufel gibt. Als Requisitenfundus dient eine einzige Schublade im Tisch – Neumann und Ciulli sind sich selbst genug.
Peer hat großes vorgehabt im Leben; „hoch hinaus will ich“, höher als alle Könige. Doch irgendwie ist es anders gelaufen. Traumsequenzen und Wirklichkeit vermischen sich. Die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Einmal wird es bunt auf der Bühne, dann öffnet sich der Schrank im Rotlicht und wird zur Stripteasebühne, auf der eine vergangene Liebschaft Peers lasziv die Hüllen fallen lässt. Leonard Cohen singt dazu „Dance me to the end of love“. Im nächsten Moment ist alles wieder schwarz-weiß und der Schrank leer wie nach der Pointe eines Zaubertricks. Auf der verwirrenden Suche nach dem Gyntschen Ich bleibt der Zuschauer stellenweise etwas verloren zurück an diesem Abend. Zu unsichtbar ist der rote Faden. Die Szenen reihen sich wie dadaistische Bilder aneinander.
Nach dem Tod der Mutter muss Peer weg, zum Meer, bis nach Amerika. Ein gefaltetes Papierboot stellt die Reise dar. Durch Sklavenhandel ist er reich geworden, er schmückt sich mit goldenen Ringen, will Kaiser von der ganzen Welt werden. Im nächsten Moment denkt er, Prophet - das wäre doch auch was für ihn. Peer ist ein Suchender, der nie ankommt, der in seinem Streben nach Bedeutung zu leben vergisst. Die Zwiebel wird zur Metapher für sein Scheitern: Schicht um Schicht fällt die Hülle - das gierige Goldgräber-Ich, der im Luxus lebende Weltmann – alles ist nur Fassade. Doch kommt auch irgendwann der Kern ans Licht, fragt Peer Gynt. Das Leben ist glatt wie ein Aal, wenn Du versuchst es zu fassen, entgleitet es und Du hast nichts in der Hand, stellt er in Zweisprache mit dem Teufel fest und muss ein trauriges Resümee ziehen: „Ich war tot, lange vor meinem Sterben“. Es ist der Schluss dieses Peer Gynt-Destillats und das Ende eines kurzen Theaterabends. Nach nur 75 Minuten sitzen die beiden wieder vereint am Tisch, legen die Köpfe auf die Tischplatte und halten sich an den Händen – genauso wie das Stück begonnen hat.
 
Pressestimmen 
Ein kleiner Verein schafft es seit 25 Jahren, großes Theater nach Gauting zu holen

Wer in München wohnt, weiß ja oft gar nichts von der Bedeutung und dem Schaffen rühriger Kulturinstitutionen in den angrenzenden Landkreisen, wie zum Beispiel dem Bürger- und Kulturhaus Bosco in Gauting. Dass dort jemand wie der große alte Theaterweltreisende Roberto Ciulli gastiert, ist keine Ausnahme, sondern Programm. Seit fast 25 Jahren gibt es im Bosco den Verein Theaterforum, dessen Vorsitzender Hans-Georg Krause sich einen "Theaterverrückten" nennt. Er schaut und hört sich um in der deutschen Theaterlandschaft und lädt immer wieder anspruchsvolle Inszenierungen jenseits des üblichen Tourneebetriebs ein. Yael Ronens gefeiertes Stück "Common Ground" vom Berliner Maxim-Gorki-Theater war schon in Gauting zu sehen. Oder Oliver Reeses "Phädra" aus Frankfurt.

Das jüngste Gastspiel, Roberto Ciullis "Peer Gynt" vom Mülheimer Theater an der Ruhr, bescherte den Gautingern eine sehr spezielle Fassung von Henrik Ibsens "dramatischem Gedicht". Ciulli hat sie in enger Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Maria Neumann nicht nur geschrieben und eingerichtet (Regie, Raum, Dramaturgie), er steht darin gemeinsam mit ihr auch selber auf der Bühne. Und zwar nur sie beide. Dieser "Peer Gynt" ist eine Theaterfantasie für zwei Personen. Eine Art Traumdialog zwischen Mutter Aase und Sohn Peer oder vielleicht auch nur zwischen zwei übrig gebliebenen Schauspielern, die sich des nachts am Kantinen- oder Wirtshaustisch - ein bisschen übermüdet und vielleicht auch trunken - durch dieses überstrapazierte, ja, oft überinszenierte Stück Weltliteratur fantasieren. Ciulli, der in seinem schier kindlichen Theaterglauben Unerschütterliche, setzt auf Essenz statt auf Opulenz. In eineinhalb Stunden switcht er sich mit Neumann spielerisch-improvisatorisch durch die Hauptszenen dieser faustischen Reise von einem, der auszog, er selbst zu sein und doch immer nur sich selbst genug war.

In dem nachtschwarzen Bühnenraum, ausgestattet nur mit einem Tisch, zwei Stühlen, einem Schrank und einem Gitterbettchen, wirken sie wie Beckett-Figuren auf Sinnsuche. Beide in schwarzem Anzug mit weißem Hemd. Beide abwechselnd die Hallodri-Rolle des Träumers und Lügners Peer Gynt übernehmend. Maria Neumann tut dies mit frecher Pumuckl-Vitalität und spielt mit Wandlungs-Verve auch alle übrigen Rollen, sei es die liebende (hier aber nicht auf den Ausreißer Peer wartende) Solveig, die Proll-Tochter des Trollkönigs oder am Ende den Knopfgießer. Ciulli wiederum, 83 inzwischen, hat die leise Melancholie eines Alten, der Rückschau hält. Reizend sein italienischer Akzent.

Ciulli ist ja nicht wirklich ein Schauspieler, aber wie er da so sitzt, mit seinen weißen Locken und seinem Schelmengesicht, wie er sinnierend mit den Fingerkuppen spielt und seine Spielpartnerin schon mal (in der Sterbeszene der Mutter Aase) huckepack nimmt, hat er etwas von einem gütigen alten Theatergott. So entstehen schöne Momente von Intimität und Wahrhaftigkeit. Allerdings muss man "Peer Gynt" schon ziemlich gut kennen und das Theater der alten Ciulli-Schule lieben, um nicht irgendwann abgehängt zu werden.

Die Gautinger sind da ein gutes - auch entsprechend reifes - Publikum. Hans-Georg Krause und sein Theaterforum werden es weiter fordern. Im Januar wird der Verein erstmals Tanztheater ins Bosco holen: Die Companie Johanna Richter zeigt dann ihr Shakespeare-Medley "For you my love".