Veranstaltungsinfo

Do, 17.03.2016
20.00 Uhr
Jazz
19,00 / 10,00 €
Rosetta Trio im bosco, Gauting
Rosetta Trio im bosco, Gauting

Rosetta Trio: Thwirl

Wundervolle, neuartige, charaktervolle Musik
Der New Yorker Bassist Stephan Crump hat das "Rosetta Trio" im Jahr 2005 gegründet. Den Grundstock für sein Repertoire hat Stephan Crump im Nachklang der New Yorker Attentate vom 11. September 2001 geschrieben, noch unter dem unmittelbaren Schock der Ereignisse. Entstanden sind melodiöse, songhafte Stücke, die ganz ohne spektakuläre Effekte in ihren Bann ziehen , Sogwirkung entwickeln und in die Tiefe wirken. Trostmusik von ruhigem, erzählerischem Fluss.
Stephan Crump ist ein sehr vielseitiger Musiker. In Memphis, Tennessee in eine amerikanisch-französische Künstler- und Architektenfamilie geboren, wuchs er umgeben von Klassik und Jazzmusik auf. Ende der 90er-Jahre zog er nach Brooklyn und begann dort mit dem indisch-amerikanischen Pianisten Vijay Iyer zusammen zu arbeiten. In dessen mehrfach preisgekröntem, international erfolgreichem Trio spielt Stephan Crump ebenso wie im Duo mit der Gitarristin Mary Halvorson und in einigen pop-orientierten Formaten: mit seiner Frau, der Songwriterin Jen Chapin etwa, mit Bobby Previte, Patti Austin und Joel Harrison. Seine Mitmusiker im Rosetta Trio, von dem es schon drei Alben gibt, sind in den 90er-Jahren aus der San Francisco Bay Area nach New York gekommen. Liberty Ellman steht dem experimentellen "Creative Music" Lager nahe, während Jamie Fox aus der Folk, Blues und Rhythm & Blues Schule kommt. Mit Brother Jack McDuff, Dr. John, Joan Baez und "Blood Sweat & Tears" etwa war er schon unterwegs. Benannt hat Stephan Crump sein Trio übrigens nach einem belgischen Film aus den späten 90er Jahren , in dem die Geschichte eines Mädchens namens Rosetta erzählt wird. Aber auch der Rosettastein war Inspiration für die Namensgebung. Der Granitstein aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, auf den der ägyptische Pharao Ptolemaios eine Dankesschrift in drei Sprachen an die Priester des antiken Memphis einmeißeln ließ, erscheint Stephan Crump als gutes Sinnbild für das gegenseitige Verständnis von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Im Gastspiel stellt er mit seinem Rosetta Trio viele neue, bisher noch nicht veröffentlichte Songs vor.
Kontrabass, akustische und E-Gitarre, diese Besetzung ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich – aber sie erweist sich als kleine Offenbarung und bester Gegenbeweis für die These, es gäbe im Jazz keine neuen Konzepte. Wundervolle, neuartige, charaktervolle Musik ist zu hören: eingängig und harmonisch trotz vieler Brüche, die stets mit präzisem unisono und rhythmischer Sammlung wieder eingefangen werden; variabel und facettenreich, obwohl kein einziges Effektgerät benutzt wird.
Trotz ihrer leisen, nachdenklichen Grundstimmung ist Crumps Musik authentisch, weil hörbar „amerikanisch“, auch in den neueren, noch offeneren Stücken. Die intelligente, filigrane Musik, die er mit seinem Rosetta Trio macht, trifft keinen Trend. Sie wird wohl in der Nische des Wahren und Schönen bleiben.

STEPHAN CRUMP, acoustic bass
LIBERTY ELLMAN, acoustic guitar
JAMIE FOX, electric guitar



In Zusammenarbeit mit der BR-Reihe „Bühne frei im Studio 2“
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 

Als es in Memphis einmal so heiß war, dass sich praktisch nur noch der Decken-Ventilator bewegte, komponierte Stephen Crump für seine CD "Thwirl" das dazu passende Stück namens „Still Stolid“: Ein Bluesmotiv, das in der rhythmischen Grundbewegung nur gaaaaaanz langsam voran kommt und sich sozusagen ständig „den Schweiß von der Stirne wischen muss“ - minimalistisch und schleppend wird dieser Blues vom „Rosetta Trio“ vorgetragen, es ist ein höchst originelles Zitat der flirrenden Südstaatenhitze und all ihrer bekannten musikalischen Entsprechungen. Crumps seit über zehn Jahren bestehendes Trio, gerade aus den Staaten eingeflogen und am Beginn einer kleinen Europa-Tour mit Auftritten im Bosco, in Italien, Frankreich und dann wieder Deutschland, scheint sich auf solche Musik-Destillate spezialisiert zu haben: Akustikgitarrist Liberty Ellman, Jamie Fox an der E-Gitarre und Akustikbassist Crump kommen dabei völlig ohne Gebläse, Drums oder gar Piano/Synthesizer aus, ganz im Sinne der Konzentration. Eine musikalische Phrase wird entweder aufs Wesentliche reduziert und gerne in Wiederholungen ausgereizt oder ein Stück weit über das Taktende hinaus „weiter gesponnen“ wie eine noch nicht auserzählte Möglichkeit. Ellman und Fox sind jeder auf seine Weise Meister solcher Reduktion: Beide können aber auch mal einem einzelnen Ton oder Akkord die „Hauptrolle“ eines ansonsten gleichmäßig dahinfließenden Stück verschaffen – für den absoluten Hörgenuss sorgt dabei die fast durchgängig zurückgenommene, leise Gangart; es mutet wie das gleichzeitige Weben feinster Spinnwebfäden an, wenn Akustik und E-Gitarre die Mitte solcher Kompositionen ansteuern, manchmal einander widerspre-chend, dann wieder ironisch kommentierend, was der andere gerade so treibt: Crumps mal gestrichener, mal gezupfter Bass wirkt oft als Bindeglied dieser Dreifaltigkeit, hat aber auch ein „Eigenleben“. Die Wirkung solcher souveräner Einzelinstrumente erinnert zeitweilig in betörender Weise an frühe „King Crimson“-Wagnisse: Eine zur jaulenden E-Gitarre gegenläufig aufgebaute Linie der Akustikgitarre über gleichmäßigem Bass. Dann wieder kann das soeben Entfachte mit einer einzigen Note ersterben, die als Ausrufezeichen oder wiederum augenzwinkernd das jähe Ende markiert – klinkt sich ein Instrument aus, bricht das Gesamtbild zusammen wie ein Kartenhaus. Für den Ohrenzeugen ist derlei ein einziger, intellektuell unterfütterter Genuss: Sekundenweise meint er, mitten im großen blubbernden Fluss der drei Saiteninstrumente, ein Bach-Thema vorüber huschen zu hören, dann wieder eine Prise Blues-Schema oder auch nur einer der erwähnten Akkord-Bausteine. Fox lächelt dabei in sich hinein wie der späte Henry Fonda und denkt sich sein Teil.  Die Stücke des „Rosetta Trios“ tragen die entsprechenden Titel: „Synapse“ oder „Conversate Talkingwise“ - hier wird assoziativ Musik gemacht und das Hirn angesprochen. Die eigentliche „Message“ der drei Amerikaner aber ist vielleicht die, dass man Dinge auch nur andeuten kann, um sie verständlich zu machen – oder anders gesagt: Sie lotsen einen ganz sachte in den Kern ihrer Musik, den sie zuvor sachte entblättert haben. Damit erreichen sie mehr als andere, die ihre Mittel auch lautstärkemäßig ausreizen. Irgendwie konsequent, wenn so eine Komposition dann „Overreach“ heißt. In der Ruhe liegt also mal wieder die Kraft, das weiß wohl auch ein gleichmäßig drehender Decken-Ventilator im brütend heißen Memphis, Tennessee. Begeisterter Applaua im Bosco schon zur Pause: So etwas Feines bekommt man wirklich nur selten serviert.

Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2016