Veranstaltungsinfo

Do, 10.11.2016
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* VVK ab 02.07.

Belle Schupp liest Mascha Kaleko: sozusagen grundlos vergnügt

Mascha Kaleko und ihre Zeitgenossen – ein Vergleich. Querschnitt durch Leben und Werk einer ganz besonderen Lyrikerin. Sie war eine der bekanntesten deutschen Lyrikerinnen. Doch so richtig berühmt, wie ihre Zeitgenossen Bertold Brecht, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz ist sie auf Grund ihrer bewegten Biografie nicht geworden.
Quasi über Nacht ist Mascha Kaleko Anfang der 30ger Jahre in Berlin berühmt geworden. Man reißt sich um ihren ersten Gedichtband „das lyrische Stenogrammheft“. Ihre heiter- melancholische Lyrik aus der Welt der Großstadt und der Liebenden hat seit ihrem Erscheinen 1930 in Berlin nichts von ihrer romantischen Ironie und ihrer politischen Schärfe eingebüßt. Mascha Kaleko nannte ihre Gedichte Alltagslyrik, vom Alltag für den Alltag, verständliche Gedichte, in denen sich jedermann wiederfinden konnte, weil sie von Dingen handeln, die alle erleben: Von Einsamkeit und finanziellen Nöten, von Liebe, Sehnsucht und Traurigkeit. Man hat Mascha Kaleko gerne mit ihren berühmten Zeitgenossen verglichen - aber so ganz getroffen haben diese Vergleiche nicht. Sie hat wohl deren Schärfe und Sprachwitz, aber dazu kommt eine große Sehnsucht und eine zarte Zerbrechlichkeit und Melancholie.

BELLE SCHUPP ist Schauspielerin, Sprecherin und seit 22 Jahren Dozentin an der Neuen Münchner Schauspielschule.
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2016

Nach(t)kritik 

Mit Mascha Kaleko hat wohl jeder, der sie kennt, seine eigene Geschichte. Geschichten verlorengegangener Lieben die einen, Geschichten zwischen den Fallen des Alltags die anderen. Sie ist die Dichterin für den späten Abend, mit einem Glas Rotwein am Fenster und niemandem dahinter im leeren Zimmer. Sie kann aber auch die Dichterin sein, die Worte hat für die ohnmächtige Wut und gegen diese Wut und für den Moment danach, in welchem man einen kleinen nichtigen Anlass für ein befreiendes Lachen braucht.

„Sozusagen grundlos vergnügt“ - unter diesen Titel stellt Belle Schupp ihren Mascha-Kaleko-Abend, den sie am Donnerstag in der bar rosso präsentierte. Ein Abend in sechs Kapiteln, analog zu jenen sechs Leben, die sich die Dichterin selbst im Rückblick gab: Mascha allein, Mascha und ihr erster Mann, Mascha und ihr zweiter Mann, Mascha und ihr zweiter Mann und der Sohn Steven, Mascha und ihr zweiter Mann ohne Steven, Mascha allein.

„Eigentlich sollte ein solcher Abend ja dramaturgisch so aufgebaut sein, dass er mit dem ernsten Teil beginnt und dann heiter wird“, sagt Belle Schupp und fügt gleich hinzu, dass Mascha Kalekos Leben einer solchen Dramaturgie nicht folgt.

So beginnt der Abend mit dem frechen „Interview mit mir selbst“, das die angehende junge Dichterin wie eine Visitenkarte ihren Einsendungen an Verlage beilegte. „Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt/Und tue eine schlecht bezahlte Pflicht./Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht./(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)“, lautet eine Strophe daraus. Die ersten Veröffentlichungen der mit ihrer jüdischen Familie aus dem armen Galizien (im heutigen Polen) nach Berlin gezogenen Familie erscheinen in der Vossischen Zeitung - Alltagsgedichte, in einer verständlichen Sprache verfasst, einem klassischen Reimschema folgend, stilistisch geprägt von kessem Berliner Witz und jüdischer Melancholie. Oft wird Mascha Kalekos Lyrik mit jener Erich Kästners verglichen, auch mit Kurt Tucholsky oder Joachim Ringelmatz - alles Zeitgenossen der zunächst ausgesprochen erfolgreichen jungen Dichterin. Und doch verbieten sich Vergleiche, denn Mascha Kalekos Gedichte finden sehr rasch ihren eigenen, unverwechselbaren Ton. Belle Schupp beweist dies, indem sie unmittelbar hintereinander Kästners „Sachliche Romanze“ und Tucholskys „Liebeslied am Fenster“ rezitiert, um dann noch mit einem sehr kraftvollen, farbigen Brecht-Gedicht einen ganz anderen Ton hineinzubringen: „Komm Mädchen, lass dich stopfen.“

Der zweite Teil ist der gewichtigere, tragischere - dem Leben der Dichterin folgend, das über die Stationen Nazi-Terror, Bücherverbrennung, Exil, nochmal Exil und schließlich Tod des geliebten Sohnes eine rasante Abwärtsbewegung vollzieht. „Was man so alles überlebt“, lautet der Titel eines der letzten Gedichte dieses Abends, und das zählt gewiss zu jenen Poemen, die einem gerade in diesen Zeiten einen Tag retten können, mit Sätzen wie diesem: „Die Katastrophe spricht mit zynischem Gähnen:/Geduld, Geduld,/du wirst dich schon an mich gewöhnen.“

Belle Schupp gestaltet den Abend mit sehr wenigen Mitteln: drei, vier kurzen Stücken am Akkordeon; aus dem Leben der Kaleko erzählend, ihre Gedichte aus Büchern lesend oder auch frei rezitierend. Ihre eigene Geschichte, die sie mit der Dichterin verbindet, offenbart sie am Schluss: auch sie hat, wie Mascha Kaleko, ein Kind an eine heimtückische Krankheit verloren. „Den eigenen Tod stirbt man nur“, heißt es in einem Gedicht von dieser, „mit dem der anderen muss man leben.“