Veranstaltungsinfo

So, 12.11.2017
17:00 Uhr
Tee bei Sabine
Eintritt frei

Tee bei Sabine: Sylvia Krauss-Meyl, Historikerin

Mit dem, was Politiker der Nachwelt hinterlassen, kennt Sylvia Krauss-Meyl sich aus: bis Ende vergangenen Jahres war sie Archivdirektorin im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Seit Jahresbeginn hat die Historikerin sich selbständig gemacht mit einer "Agentur für Privatarchive". Beim Tee erfahren wir mehr über ihre Arbeit.
Mit dem, was Politiker der Nachwelt hinterlassen, kennt Sylvia Krauss-Meyl sich aus: bis Ende vergangenen Jahres war sie Archivdirektorin im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Dort leitete sie die Abteilung für Nichtstaatliches Archivgut und nahm das Referat für Politikernachlässe und Adelsarchive wahr. Von 2007 bis 2010 war sie zusätzlich für die Bayerische Akademie der Wissenschaften als Leitung des Akademiearchivs tätig, wo sie Im Jahr  2009 die Ausstellung zum 250. Akademie-Jubiläum kuratierte. 2010 erhielt sie die silberne Verdienstmedaille der Akademie der Wissenschaften.
Darüberhinaus ist Sylvia Krauss-Meyl Autorin zahlreicher historischer Bücher, darunter „Das Enfant terrible des Königshauses. Maria Leopoldine, Bayerns letzte Kurfürstin“ oder „Das Oktoberfest. Zwei Jahrhunderte Spiegel des Zeitgeists“.
Seit Jahresbeginn hat die Historikerin sich selbständig gemacht mit einer "Agentur für Privatarchive". Sie bietet Vermittlung, Beratung, Begutachtung und Organisation von privaten Nachlässen, Familien- und Adelsarchiven an.
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2017

Nach(t)kritik 
Aus Großvaters Silber-Kännchen gießt die promovierte Historikerin Sylvia Krauss-Meyl den Tee in die ererbte Limoges-Porzellan-Tasse ihrer deutsch-französischen Patentante. Schon ist die vor Wissen nur so sprudelnde Archivarin in medias res. Beim „Tee bei Sabine“ in der gut gefüllten Bar rosso erzählt Sylvia Krauss-Meyl wahre Geschichten, wie die vom „Enfant terrible“ des bayerischen Königshauses. Aber auch vom spannenden Erwerb von Politiker-Nachlässen.
„Schon mein Großvater hat Geschichte studiert“ - und kam Anfang der 1920er- Jahren als Kunsthändler nach München. 
Auch Sylvia Krauss-Meyls Eltern waren beide Historiker:  „Als Kind hat es mir Spaß gemacht, ihren Gesprächen zuzuhören.“
Für die Akademiker-Tochter war es daher keine Frage: „Ich will Geschichte studieren“, erklärte die Gymnasiastin schon in der Sexta. Doch „mein Lehrer hat mich nicht ernst genommen.“
Für die Energie geladene Sylvia Krauss-Meyl hieß das: Jetzt erst recht! Sie studierte Geschichte und Romanistik in Münster,  München und an der Pariser Sorbonne -  und promovierte bei dem verstorbenen Gautinger Professor Eberhard Weis. 
Mit ihrem Ehemann zog die Enkelin 1981 ins Haus der Großmutter in der Gautinger Villenkolonie – „und da leben wir noch heute“, sagt die verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.
 „Von über 100 Bewerbern werden im Schnitt fünf übernommen“: Über eine wissenschaftliche Stelle schaffte die Historikerin den Karriere-Sprung ins bayerische Hauptstaats-Archiv. Mit Erfolg zog die Abteilungsleiterin Nachlässe von Politikern an Land: Zum Beispiel die persönlichen Dokumente des früheren bayerischen Kultusministers, Politologie-Professors und Organisten Hans Maier.
„Interessant und eindrucksvoll“ war auch der Nachlass von Bruno Merk: Dem bayerischen Innenminister, der im Krieg einen Arm verloren hatte, ging der Fehlschlag bei der Befreiung nach dem Münchener Olympia-Attentat von 1972 „sehr nahe“, schließt Sylvia Krauss-Meyl aus dessen Briefwechsel mit dem damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher. „Nichts“ habe ihn so betroffen gemacht, schrieb Bruno Merk noch kurz vor seinem Tod. Und über seinen „Erzfeind“ Franz Josef Strauß hatte Merk gar ein „Psychogramm“ in Steno angelegt. Das konnte auch die Archivrätin nicht entziffern. Merk habe das Psychogramm deshalb ins Deutsche übertragen.
Nachlässe an Land zu ziehen,  ist Vertrauenssache: Die inzwischen pensionierte Vertreterin des Hauptstaatsarchivs stand dabei immer in Konkurrenz – auch zur CSU-nahen Hanns-Seidl-Stiftung. Doch die „authentischen“ Notizen eines Politikers seien das „Herzstück“ eines jeden Archivs: Stolz ist Sylvia Krauss-Meyl, dass sie das gesammelte Material der Grünen-Politikerin Ruth Paulig auf einem „Stick“ überreicht bekam. „10 Jahre“ sind diese Quellen unter Verschluss. „Schwer getan“ hat sich die Schwester von Willi Graf mit der Übergabe von dessen Nachlass: Der Widerstandskämpfer der „Weißen Rose“ München wurde wegen Hochverrats verurteilt. Am 12. Oktober 1943 wurde Willi Graf im Gefängnis Stadelheim mit dem Fallbeil enthauptet. „Dieser Konflikt war physisch greifbar“, erinnert sich Sylvia Krauss-Meyl an die Situation im Haus der Schwester: Willi Grafs Schwester Anneliese habe mit ihren Kindern „darum gerungen“, ob sie den letzten Brief ihres Bruders vor der Hinrichtung dem Hauptstaatsarchiv übergibt. Dann sagten ihre Kinder: „Bitte nehmen Sie das Material mit“ – und schickten noch weitere Pakete mit Dokumenten  hinterher: „Sie waren froh, dass sie sich entschieden hatten.“
Auch die persönlichen Nachlässe von Wieland und Wolfgang Wagner über die NS-Zeit hat die Archivarin an Land gezogen. Doch die Arbeit war nicht immer angenehm:  Einmal fand die Forscherin in einem Aktenordner gar nichts – außer einer abgehefteten, toten Maus.
Doch das ist nicht das einzige Standbein der rührigen Historikerin: Neuerdings berät die frisch pensionierte Archivarin auch Privatpersonen oder Adlige in Nachlass-Fragen. Und während der „Kinderphase“ verfasste Sylvia Krauss-Meyl die detailliert recherchierte 440-Seiten- Biografie über Maria Leopoldine, das „Enfant terrible“ des Bayerischen Königshauses.  Die 18jährige Habsburgerin Maria Leopoldine war mit dem greisen Wittelsbacher Karl Theodor vermählt worden, so die Historikerin. Doch mit ihrem todsicheren Instinkt fürs Geschäft wurde die Kurfürstin zur reichsten und unabhängigsten Frau Bayerns.
Zum Finale öffnet Sylvia Krauss-Meyl ihre Wundertasche. Im Gepäck hat die Autorin auch noch ihre zweite Biografie über „Maria Aurora Gräfin von Königsmarck“: Die temporäre Mätresse von August dem Starken, die fünf Sprachen „fließend“ sprach, wurde einflussreiche Pröbstin in Quedlinburg  - und „berühmteste Frau zweier Jahrhunderte.“ Ihr Sohn, Moritz von Sachsen, „war der berühmteste Feldmarschall in Frankreich“: Ein spannender Stoff, aus dem Filme gemacht werden, blickt Gesprächspartnerin Sabine Zaplin in die nahe Zukunft.