Veranstaltungsinfo

Mi, 05.04.2017
20.00 Uhr
Schauspiel
28,00 €

Schauspiel Frankfurt: Totentanz - August Strindberg

Ein Stück über den grausamen Tanz des Alltags einer Ehe grandios besetzt u.a. mit Constanze Becker und Oliver Kraushaar.
Über zwanzig Jahre ist es her, dass Alice und Edgar sich die ewige Treue geschworen haben, bis der Tod sie scheidet. In der Zwischenzeit ist ihnen die Ehe zum Gefängnis geworden, der Alltag zur Hölle und der Tod ist noch so fern. Also gilt es, sich die Wartezeit zu verkürzen in einem fortwährenden Spiel ohne Regeln und Grenzen, durch die jahrelange Gewöhnung aneinander sind sie sich schutzlos ausgeliefert. Als ihr Jugendfreund Kurt auftaucht, wirkt er wie ein Brandbeschleuniger auf ihr Spiel an der Schwelle zum Wahnsinn.
August Strindberg hat mit seinem »Totentanz« ein Stück über die lustvolle und verzweifelte Zerfleischung zweier Menschen geschrieben, die nur der Tod aufhalten kann. Aber immerhin: diese Toten tanzen noch. Daniel Foerster, der Strindbergs »Fräulein Julie« kraftvoll und abgründig inszeniert hat, widmet sich nach dem leidenschaftlichen Kennenlernen nun dem grausamen Tanz des Alltags einer Ehe.

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Regie Daniel Foerster
Bühne Julia Scheurer
Kostüme Ellen Hofmann
Dramaturgie Henrieke Beuthner

Besetzung Constanze Becker, Alexandra Lukas, Michael Benthin, Oliver Kraushaar

PRESSESTIMMEN:
Alice und Edgar, das Paar aus Strindbergs »Totentanz«, sind die Prototypen aller theatralischen Eheschlachten. Der junge Regisseur Daniel Foerster jagt sie am Schauspiel Frankfurt durch eine böse Horror-Groteske, so spielfreudig wie sabbernd. [...] Hier hat jemand formal wie inhaltlich einen starken eigenen Zugriff, ohne das Stück dabei zu erwürgen, das fällt auf unter den oft so gellend nur sich selbst und die eigenen Mittel feiernden Jungregisseuren: Foerster interessiert sich für die Figuren.
Süddeutsche Zeitung
Das Schauspieler-Ehepaar Constanze Becker und Oliver Kraushaar spielt ein traumhaftes Horrorpaar. Edgar und Alice provozieren und reizen einander buchstäblich bis aufs Blut. Kraushaar empfiehlt sich wieder einmal als ein Meister der stimmlichen Modulation.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ein unterhaltsamer Abend, nicht nur wegen des außergewöhnlichen Konzepts, der vielen Ideen, sondern vor allem wegen der Schauspieler: Becker, Kraushaar, Benthin und Lukas sind in diesem exaltierten Familienchaos das perfekte Ensemble, wie sie zu viert simultan auf der Bühne sich anspielen, sich bespielen, wie sie als Solisten in intimen »Spielblasen« auf der kleinen Bühne Atmosphären schaffen, ist wirklich sehr sehr große Kunst.
Deutschlandradio Kultur
Foerster stürzt sich in seiner Inszenierung auf alles Surreale aus Strindbergs »Totentanz«, er kitzelt das Alptraumhafte, das Wirre und Psychotische hervor. Die vormals aufgeräumte Bühne wird mehr und mehr zum Schlachtfeld.
Nachtkritik
Daniel Foerster, kaum dreißigjähriger »Regiestudio«-Stipendiat am Schauspiel Frankfurt, inszenierte Strindbergs »Totentanz« – ganz hinreißend. [...] Becker: eine erotische Vampirella mit Flügel-Frisur, Netzstrümpfen, Nietenstiefeletten und lila-schwarzem Abendkleid mit Schleppe, deren üppige Formen in Schulterflügeln auslaufen, derweil sie die chansonartige Musik in ihrer Bewegung fließen lässt: sinnlich-verrucht, weich tanzend, sich fläzend. Michael Benthins Kurt, der die Zwei in ihrer Isolation aufsucht, kommt grün-schwarz in Geckenanzug und -frisur daher. Auch er spielt umwerfend, stets im Vertrauen auf Foersters Vision aus Bewegung, Klang, Licht (Frank Kraus) und Sprache. Intelligente Regie mit Könnern.
Frankfurter Neue Presse
 
Ein geniales und ins Monströse verzerrtes Spiel über zwischenmenschliche Abgründe. [...] Eine genial verstörend wirkende Inszenierung und fesselnde Schauspielkunst.
Kulturfreak

 

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

Strindbergs „Totentanz“ ist der Klassiker unter allen Ehehöllen. Die Spirale der verbalen Tiraden, mit der sich die beiden Kontrahenten wieder und wieder gegenseitig hochschaukeln, ist unerbittlich, Tag für Tag, ein Vierteljahrhundert lang. Warum rauchst Du nicht. Wann gibt es Abendessen. Wenn Du willst, kannst Du sehr charmant sein, zu anderen. Bei Dir sind alle Menschen Pack, nur Du nicht. Aus dem Tanzen bist Du doch raus, genauso wie ich. Essen wir bald. Man gähnt nicht in Gegenwart seiner Frau. Gemaule, Gestichel, Gezeter, Geschrei, Gewalt. Strindberg wusste, wovon er schreibt, er hatte bereits zwei gescheiterte Ehen hinter und noch eine vor sich. Der Kampf der Geschlechter war das Thema, von dem er geradezu besessen war. 

Das Großartige an Daniel Foersters Inszenierung des Stücks ist es, dass man es bis ins kleinste Detail verstehen würde, selbst wenn die Darsteller kein einziges Wort von Strindbergs Text sprechen würden. Der Regisseur, Jahrgang 1986, macht aus dem psychologischen Kammerspiel eine grausam-groteske Horror-Show voller Musik, Tanz und Körperlichkeit, inklusive Blut und Porno, Schlachtermesser und Tortenschlacht. Das alles aber ohne das Stück zu zerstören, ganz im Gegenteil.

Strindbergs Vorgaben sind an Symbolhaftigkeit kaum zu überbieten. Ein Paar lebt seit einem Vierteljahrhundert in seinem Ehegefängnis: auf einer Insel, in einem Turm, der tatsächlich ursprünglich als Gefängnis diente. Mit allen anderen Bewohnern der Insel ist man latent verfeindet, vom gesellschaftlichen Leben deshalb ausgeschlossen. Die Ungleichheit der Ehepartner ist erbarmungslos, er Hauptmann und Kommandant einer Festungsartillerie, sie eine ehemalige Schauspielerin. Er im Stechschritt, sie im lasziven Tanzschritt. Jeder für sich gefangen in seinem eigenen Unglück und beide zusammen gefangen in nicht enden wollenden Konflikten, die zugleich als zäher Kitt ihrer Beziehung dienen. Soll man die bevorstehende silberne Hochzeit feiern, soll man warten bis einer stirbt, soll man sich endlich, endlich trennen oder soll man sich gleich umbringen? Foerster lässt das Stück von einem echtem Ehepaar spielen, Constanze Becker als Alice und Oliver Kraushaar als Edgar schenken sich buchstäblich nichts. Michael Benthin kommt in der Rolle von Kurt als dritter in diese Ehehölle und erlebt nahezu umgehend und stellvertretend für alle mit körperlichem Schmerz das vergiftete Klima: „Was geschieht hier? Es riecht wie giftige Tapeten und man wird krank, wenn man nur hereinkommt … Hier wird so gehasst, dass man kaum atmen kann.“ Psychologische Raffinesse entsteht durch die von Foerster hinzugefügte Rolle der Tochter Judith: Alexandra Lukas muss mal als eherettendes Bienchen hin und her schwirren und mal als Erfüllungsgehilfe für den Liebeshass fungieren, dann wieder bleibt sie ein nicht zu greifender, aber dennoch höchst eindrücklicher Geist, eine Art Geschmacksverstärker der seelischen Grausamkeiten. 

Die Figuren agieren vor einer fahlgrauen Wand (Bühnenbild: Julia Scheurer), die als Tafel im Kinderzimmer bemalt werden kann, ebenso kühler Salon wie kaltes Verlies ist und schließlich als Schlachtfeld verwüstet wird. Gezeichnet oder vielmehr überzeichnet wird mit den Kostümen (Ellen Hofmann): Edgar ist halb Harlekin und halb Soldat in seinem Strampelanzug mit Rautenmuster und goldbetresster Hose. Seine Farbe ist das Rot, Rot wie die Macht, wie die Liebe und wie der blutige Tod. Alice ist halb Hexe, halb Vamp. Ihre Frisur eine Waffe, ihr Kleid in kaltem Lila eine erotische Provokation. Ihre Unschuld bekommt sie nicht zurück, als sie es – mit Blut und Sperma besudelt – gegen ein weißes Brautkleid austauscht. Kurt steht zwischen den beiden, er ist buchstäblich zweigeteilt wie sein greller schwarz-grüner Anzug. Und Judith trägt ein gelbes Hängerchen mit schwarzer Spitze, dass sie zur Monsterpuppe macht. Jedes der Kostüme ist ein Statement, und doch agieren die Schauspieler wie nackt, bis an die Schmerzgrenze und oftmals auch darüber hinaus. Foerster will, dass sie spielen. Und sie spielen. Die Szene, in der das Paar ein rohes Eigelb von Mund zu Mund hin und her gibt, bis es zuletzt zerplatzt und Alice aus den Mundwinkeln herausrinnt, ist ebenso intim wie ekelerregend. Verzerrte Gesichter, zerfließende Schminke, verrenkte Körper, Anfälle und Attacken, dann wieder laszives Miteinander, qualvolle Nähe. Es ist ein lustvoller Exzess. Großes Gemetzel, große Schauspielkunst.

Pressestimmen 
Das Schauspiel Frankfurt dreht Strindbergs "Totentanz" im Bosco Gauting mit drastischen und psychedelischen Szenen ins Surreale

Die Nummer mit dem Eidotter hat was. Edgar trägt ein Tablett herein und schwenkt es durch die Gegend, als wäre er ein ungelenker Zauberer. Er schlägt ein Ei in einer Glasschale auf, nimmt den Dotter in den Mund und glibbert ihn in den Mund von Alice, die lasziv am Boden liegt. So geht es hin und her, bis Alice das gelbe Zeug platzen lässt und ihr dünne Stränge aus den Mundwinkeln rinnen, als wär's menschliches, allzu menschliches Material.

Der Schwerttanz ist noch besser. Kurt, der Gast, soll ihn unbedingt sehen. Na klar. Zuerst strampeln Edgar, Alice und ihre Tochter Judith, der kleine Bühnengeist, zackig zur Musik, bald säbelt Alice an Edgars besten Stücken herum, Kunstblut spritzt. Edgar sticht seiner Frau ein Auge aus und schleckt sich die Hände, als klebte Honig dran. Und schon steht Alice, die in ihrem lila Kleid und mit ihren langen Beinen aussieht wie eine Mischung aus Vampirella, Tangotänzerin und Furie, mit einem Baseballschläger da und haut auf etwas ein, das aus einer Luke im Bühnenboden herausragt und Edgars Kopf sein könnte. Und sie und Judith essen gierig von dem, was die Schläge bloßgelegt haben.

August Stringbergs "Totentanz" dürfte einer der schlimmsten Ehekriege sein, die jemals im Theater geführt worden sind. Doch das Schauspiel Frankfurt belässt es in dieser Inszenierung im vollen Gautinger Bosco nicht bei der Sprechtragödie. Regisseur Daniel Foerster geht es im Wesentlichen um den schicksalshaften Beziehungswahnsinn: Diese Insassen einer Ehe können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander sein, und keiner von ihnen hat Schuld daran. Foerster mischt deshalb Elemente aus Splattermovies, Comics und Kinderbüchern unter. Zum marionettenhaften Spiel kommt ein Hauch von "Rocky Horror Picture Show", "Tanz der Vampire" und "Kill Bill". Rock und psychedelischer Musik treiben das Ganze voran. Und so heben die Frankfurter den "Totentanz" auf eine surreale, varietéhafte und ironische Ebene. Letztlich wird ein Theaterrausch aus dem Drama und ein großer Spaß.

Foerster hat ein paar überraschende Bilder für das Elend gefunden, das in diesem alten Gefängnisturm seit 25 Jahren währt: Judith (Alexandra Lukas) sieht aus wie eine Spieldosenfigur, sie malt mit Kreide ein paar Fenster, Lampe, Steckdose und Herd auf die anthrazitfarbenen Wände und rezitiert Traumtexte. Hauptmann Edgar (Oliver Kraushaar), der nie Major geworden ist, rollt mit olivgrünem Helm und Lanze in einem Rollstuhl herein, als wolle er gleich gegen Windmühlen kämpfen. Oder er misst, schon bevor die Zuschauer auf ihren Plätzen sind, mit weiß geschminktem Gesicht und rotgeränderten Augen im Stechschritt die Bühne ab, als wäre er ein Untoter auf Urlaub, während sich Alice (Constanze Becker) zur Tangomusik wiegt, räkelt und dehnt. Vor allem aber: Foerster lässt viel in der Schwebe und hat auch dafür ein Symbol gefunden - den Rauch, der immer wieder in der Luft hängt. Ist Edgar jetzt also totkrank oder nicht? Hat Kurt (Michael Benthin) seine Kinder verlassen, oder sind sie ihm genommen worden? Und sind Edgar und Alice wirklich nur Teufel? Immerhin hat Alice eine Engelsflügel-Frisur. Und Edgar, der eine Mischung aus Uniform und Artistengewand mit lächerlichem Rautenpulli trägt, wird um so menschlicher, je länger der Abend dauert.

Am Ende war alles nur Spiel, Show und Bluff. "Wir hatten wohl die Aufgabe, uns zu quälen", sagt Edgar. Und ob Alice jetzt den Hochzeitstag feiern wolle? "Sag ja, Schnecke". Macht sie. Und dann grinsen Edgar, Alice und der wiedererweckte Kurt frech ins Publikum. Donnernder Applaus.