Veranstaltungsinfo

Sa, 12.12.2015
20.00 Uhr
Kabarett
20,00 €
Werner Koczwara

Werner Koczwara: Einer flog übers Ordnungsamt

Die neue Justizsatire von Werner Koczwara

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie fahren mit einem 30-Tonner eine stark abschüssige Straße hinunter, als plötzlich die Bremsen versagen. Direkt vor Ihnen auf der Straße steht ein Kinderchor und singt Weihnachtslieder. Sie könnten nun nach links in eine Notausfahrt ausweichen, dort aber steht eine Gruppe Investmentbanker. Wie verhalten Sie sich?

Im Laufe eines jeden Lebens stellt sich die Frage nach Recht und Unrecht. Was ist gut, was ist böse? Die Entscheidung ist schwerer, als man denkt. Denn wenn Sie Ihre Großmutter mit einem Gewehr aus 500 Meter Entfernung treffen, dann sind Sie zwar ein guter Schütze aber kein guter Enkel. Wenn Sie aber bös danebenschießen, sind Sie immer noch kein guter Enkel, nur weil Sie die Oma nicht gut getroffen haben. Sie sehen, das mit Gut und Böse ist kompliziert.

Zweifelsfrei rundum gut ist, daß wir eine Justiz haben, die uns hier weiterhilft. Mit einleuchtenden Paragrafen wie §57 StGB: "Niemand darf gegen seinen Willen aus der Haft entlassen werden". Oder dem wegweisenden §7 Jagdgesetz "In Räumen, die dem Aufenthalt von Menschen dienen, darf nicht gejagt werden.". Nicht zu vergessen all die segensreichen Urteile wie zB jenes vom Verwaltungsgericht München: "Klemmt sich ein Polizist in der Arbeitszeit den Mittelfinger an der Außentür zur Toilette, so ist dies ein Arbeitsunfall. Kein Arbeitsunfall ist es, wenn er sich den Mittelfinger an der Klotür einklemmt." Und dankbar sind wir auch dem Bundesarbeitsgericht für seine klärenden Worte: "Einem verstorbenen Arbeitnehmer steht kein Urlaubsanspruch zu."

Das sind interessante Informationen rund um den Justizstandort Deutschland, den Werner Koczwara in seinem neuen Programm "Einer flog übers Ordnungsamt" wieder einmal hochkomisch kommentiert. Und mit konstruktiven Vorschlägen anreichert, wie zum Beispiel der Einführung der Abseitsregel an der gleichberechtigten Kreuzung. Oder die Ausdehnung des Anti-Diskriminierungsgesetzes auf den Straßenverkehr. Ferner wird kritisch nachgefragt, wann die EU wohl anordnet, daß im Sinne der allgemeinen Gleichstellung in jedem Kuhstall auch ein schwuler Stier zu stehen hat.

Werner Koczwara hat mit seinem juristischen Mehrteiler "Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt" nicht nur eine fulminante Justiz-Satire sondern auch Kabarettgeschichte geschrieben. Denn das Programm wird nicht nur auf Kabarettbühnen sondern auch regelmäßig in renommierten Theatern aufgeführt, so von Dieter Hallervorden im Berliner Schloßparktheater. Mehr als 1200 Aufführungen in 15 Jahren machen es zu einem der erfolgreichsten Programme des deutschen Kabaretts. An diese Meßlatte legt "Einer flog übers Ordnungsamt" nun an. Freuen Sie sich auf einen Abend mit großem Humor, starken Pointen und kabarettistischem Tiefgang. (Zur Vorbereitung auf den Abend können Sie schon mal grübeln, welche Berufsgruppe jener rechtschreibschwache Polizist wohl meinte, als er im Polizeibericht von einer "Gelegenheitsbrusttätowierten" schrieb.)

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2015

Nach(t)kritik 

Als Werner Koczwara im Februar 2014 mit seinem Programm „Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“ im Bosco gastierte, hatte uns der bekennende Schwabe davon überzeugt, dass die deutsche Rechtsprechung „am Zenit ihrer Leistungskraft angekommen“ sei – doch nun hat er das Gautinger Publikum nicht nur eines Besseren belehrt, Koczwara hat mit seiner neuesten Feldforschung „Einer flog übers Ordnungsamt“ auch noch den Beweis erbracht, dass das Virus sinnentleerter Formulierungen auch in ganz anderen Bereichen um sich greift. Und so handelt er ganz im Geiste seines verstorbenen Freundes und Kabarett-Kollegen Dieter Hildebrandt, wenn er sich dieses verunglückten Amtsdeutschs liebevoll sezierend annimmt: Da wären also noch weit jenseits des Strafgesetz-buches Sumpfblüten aufzuspüren wie das „Eisenbahnkreuzungsgesetz“, das in schönster Prosa regelt, wie das Aufeinandertreffen von Schiene und Straße auszusehen hat; oder auch der § 7 eines ungenannt bleiben wollenden Landesjagdgesetzes, welcher besagt: „In Räumen, die dem Aufenthalt von Menschen dienen, darf nicht gejagt werden.“ So was musste offenbar in Schriftform festgehalten werden, weil sonst ernsthafte Verstöße drohten.
Koczwara sucht sich aus den Absurditäten deutscher Regelwut seit Jahren die schönsten heraus und kredenzt sie einem Publikum, das sich ungläubig schlapp lacht. Ob es um die Possen des Reiserechts geht, um das Monstrum der „Risikoaktivitätenverordnung“ oder um ein vom Metzger fälschlicher Weise verkauftes Schnitzel, das – juristisch gesehen – eine „mangelhafte Leberwurst“ darstellt: Stets prallt Wirklichkeit auf Wirklichkeitsbeschreibungsversuch, mit ordentlich Blessuren auf beiden Seiten. Der Mann aus Schwäbisch Gmünd reibt sich an einer sprachlich oft kaum fassbaren Realität, er führt die gescheiterten Bemühungen, diese doch zu greifen, vor wie ein Biologie-Lehrer die Missbildung im Konservierungsalkohol. Bei Kocwara kam diesmal der Dia-Projektor samt Laserpointer zum Einsatz – Frontalunterricht also. Mit mal mildem, mal beißendem Spott kommentiert er dann das sprachliche Unglück, lobt aber auch die besonders gelungen formulierte Abweisungsbegründung eines Richters zu einer besonders dämlichen Klage auf Reisekostenminderung wegen „zu niedrigen Wassers bei Ebbe“. Beim diesjährigen Auftritt amüsierten sich vor allem die Koczwara-Novizen prächtig, und doch war die alten Koczwara-Hasen zu spüren, dass sein Acker bald abgegrast sein könnte: Der Meister des sprachlichen Fallobstaufklaubens (Koczwara schrieb u.a. schon für den „Scheibenwischer“ und die „Harald Schmidt Show“) weicht inzwischen gelegentlich in die inszenierende Nachbardisziplin des Witze-Erzählens aus – ein Zeichen des Verschnaufenmüssens, zumal die Stimmbänder diesmal leicht angeschlagen waren und während des laufenden Programms mit Schlucken von Kamillentee behandelt wurden. Nicht dass der Tee oder die Witze schlecht gewesen wären, sie schmeckten nur ein wenig zu stark nach „Männer am Tresen“ und verließen die lyrische Anmut deutscher Behördentexte doch ein ganzes Stück weit. Vielleicht liegt die Zukunft ja auch in der Geisteshaltung des Schwäbischen: Eine Kostprobe dieser Verniedlichungs-formen lieferte Koczwara schon jetzt ab. Schön sparsam natürlich, er wird sich fürs nächste Mal was aufgehoben haben.