Presse

Fr, 17.05.2019
20.00 Uhr
Schauspiel

Auf der Flucht

Veranstaltung: 
"Transit" von Anna Seghers
Künstler: 
Deutsches Theater Berlin
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Deutsche Theater Berlin gastiert mit dem Stück "Transit" im Gautinger Bosco. Es spielt in Marseille im Jahr 1940, wo Tausende auf ein Visum für die USA warten. Die Thematik ist immer noch aktuell

Selbst die Gesichter der Kinder sehen im Krieg alt aus. In ihrem Roman "Transit" thematisiert Anna Seghers das Phänomen der Flucht. Transit spielt in Marseille im Jahr 1940, wo Tausende Flüchtlinge gestrandet sind und versuchen, aus Europa zu fliehen. Die Wartefrist für die Einreise nach USA beträgt vier bis sechs Jahre. Die Jagd nach einem Visum für eines der Länder Amerikas treibt die Menschen an, denn ohne gültiges Visum gibt es auch keine Transitgenehmigung für die Stationen auf der Reise dorthin. Der Transit wird daher zum alles beherrschenden Thema.

Im Jahr 2014 und damit ein Jahr vor der großen Flüchtlingswelle nach Europa greift der Regisseur Alexander Riemenschneider den Roman von Anna Seghers auf und adaptiert den Text für die Bühne. Seit seiner Premiere hat das Stück an Aktualität nichts eingebüßt. Am Freitagabend gastierte das Deutsche Theater Berlin mit "Transit" im Gautinger Bosco. Vor der Aufführung bietet das Theaterforum für die Stücke der Reihe "Schauspiel" stets eine kurze Einführung. Das Angebot wird interessiert aufgenommen. Gut die Hälfte des Publikums hat sich bereits eingefunden. Der historische Rahmen und auch die Romanautorin werden beleuchtet. Vom Theaterstück selbst wird aber kaum etwas vorweg genommen. Doch mit den Hintergrundinformationen rezipiert es sich besser. Das Stück an sich ist nämlich alles andere als leichte Kost.

Thorsten Hierse übernimmt die Rolle des Erzählers. In einem Café in Marseille sitzt er, eine Flasche Roséwein neben sich und beginnt seine Geschichte zu erzählen. Flucht aus einem Konzentrationslager der Nazis, er durchschwimmt den Rhein, wird in Frankreich festgesetzt, landet in einem Arbeitslager in Rouen. Auch von dort gelingt die Flucht, doch auf dem Weg nach Süden, wird er von den deutschen Truppen eingeholt und kehrt nach Paris zurück. Dort begegnet er dem deutschen Dichter Weidel, was ihn bewegt, sich nach Marseille abzusetzen. Über die Bühne eilt immer wieder Marie (Wiebke Mollenhauer), getrieben auf der Suche nach ihrem Mann, in Hetze nach einem Visum, das ihr die Abreise ermöglichen soll. Der Erzähler verliebt sich in sie. In all dem Chaos, der Angst und Unruhe wünscht er sich, mit Marie zu bleiben.

Hierse trägt die Handlung. Mit einer spannungsvollen Bühnenpräsenz lässt er die verschiedenen Episoden der Flucht vor den Nazis lebendig werden. Dabei durchbricht er gelegentlich auch seine Rolle und wendet sich direkt an das Publikum im Bosco. Wenn er fragt "Langweilen Sie die vielen Berichte nicht? Fünfhundert Flüchtlinge hier, fünfhundert Flüchtlinge da", dann spielt er auf die aktuelle Flüchtlingssituation an.

Unterstützt wird sein Spiel von Tobias Vethake, der an der Loop Machine mit Gitarre, Hackbrett aber auch alten Koffern die Szenen mit Musikgeräuschen untermalt. Er erzeugt live die laute, aufreibende Geräuschkulisse einer hektischen, überfüllten Hafenstadt, schafft Stimmengewirr ebenso wie das Säuseln des Windes oder das leise Rauschen von Regen.

Es sind Stücke wie diese, die den anhaltenden Erfolg der Schauspielreihe des Gautinger Theaterforums ausmachen. Großartig, dass es gelingt, sie von den großen Bühnen auch ins Bosco zu holen. Der feste Stamm der Abonnenten weiß so etwas zu schätzen. Kurz vor der Vorstellung kündigte die Theaterleitung an, dass das Programm für die kommende Saison schon fertig ist. Entsprechend groß war der Andrang im Theaterbüro gleich nach der Vorstellung. Doch das kulturelle Angebot hat seinen Preis, ohne finanzielle Unterstützung ist es nicht zu bewerkstelligen. Stücke wie diese sind aber jede Unterstützung wert.
Ute Pröttel, 20.05.2019