Presse

Do, 10.01.2019 bis Fr, 01.03.2019
19:00 Uhr
Ausstellung

Das wahre Gesicht in der Maske

Veranstaltung: 
Vor dem Auftritt
Künstler: 
Cordula Treml
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Cordula Treml zeigt im Gautinger Bosco ihre Bilder von Schauspielern, die sich in der Garderobe auf den Auftritt vorbereiten. Der Fotografin sind dabei intime Porträts gelungen, die unter die Haut gehen

Sie raucht, ist noch ungeschminkt und ungekämmt, nackt oder im langen schwarzen Mantel. Trägt kalkige, zementfarbige Theaterschminke auf. Malt sich die Lippen rot an, betrachtet ihr eigenes Gesicht im Spiegel. Sie läuft hin und her wie ein Tier im Käfig. Dann sitzt sie in ihrem Text lesend am Tisch in der Garderobe. Gleich darauf posiert sie für die Fotografin, elegant, frisiert, mit Ringen an den Fingern, wieder rauchend. Cordula Treml hat die Schauspielerin Bibiana Beglau fotografiert, meist kurz bevor sie auf die Bühne geht. Jetzt sind die Bilder in der Ausstellung "Vor dem Auftritt" im Bosco-Foyer in Gauting zu sehen.

Cordula Treml, 1973 geboren, ist vom Theater fasziniert, seit sie sich erinnern kann. Es erschien nur schlüssig, dass sie von der Theatergängerin zur Theaterwissenschaftlerin wurde. Aber das war ihr noch nicht nah genug. Sie zog nach dem Studium in München nach Paris, machte eine Fotoausbildung und spezialisierte sich auf Theaterfotografie. Heute lebt sie abwechselnd in Marseille und München, schreibt und fotografiert für die Fachzeitschrift "Die Deutsche Bühne", arbeitet als Produktionsfotografin und ist unterwegs in der Welt des Theaters zwischen Hamburg, Berlin, München, Wien, Marseille.

Seit etwa sieben Jahren interessiert sich Treml nicht mehr nur für das, was auf der Bühne geschieht, sondern fotografiert Schauspieler in der Maske. Unter den Porträtierten sind Katharina Thalbach und Eva Mattes, Stefanie Reinsperger und Elisabeth Orth, Peter Simonischek und Josef Ostendorf. Daraus ist ein Ausstellungsprojekt entstanden, das zuletzt im "Schauraum 1899" in München zu sehen war. Sie sagt: "Wenn Schauspieler mich auf der Bühne berührt haben, dann entsteht bei mir der Wunsch, sie jenseits der Inszenierung beobachten und begleiten zu können." Beglau, die ihr ein Vorwort für den Ausstellungskatalog geschrieben hat, formuliert es anders: Treml nehme die Fährte auf und verwandle sich in eine "Jägerin".

Tatsächlich aber bittet die Theaterfotografin höflich um Erlaubnis und bekommt dann erstaunlich oft Zugang zu jenem meist hermetisch abgeschlossenen Raum hinter den Kulissen, in dem sich Schauspieler von der Privatperson in die Bühnenfigur verwandeln. Und sie wird zur Zeugin jener hochkonzentrierten und nervösen Momente der Transformation. Während der Maskenbildner routiniert seine Arbeit tut und der Schauspieler mit sich beschäftigt ist, hantiert die Fotografin ebenso routiniert mit ihrer Kamera, bleibt im Hintergrund, fotografiert in den Spiegel oder unauffällig von der Seite. Die Fotos, die dabei entstehen, sind nicht einfach Bilder von Schauspielern, die für ihre Rolle geschminkt werden. Im Gegenteil. Man sieht zwar die dicken Schichten von Theaterschminke, Lockenwickler und Perücken, die falschen Glatzen und falschen Bärte. Aber die Frage, um welche Rolle oder um welches Stück es sich handelt, tritt in den Hintergrund. Es ist vielmehr so, als könnte die Fotografin über den Umweg des Spiegels und der Kamera den Menschen, die sie porträtiert, so nahe kommen, dass sie ihr Innerstes sieht. Und es geschieht etwas eigentlich Unmögliches: Die vermeintlich verbergende und schützende Maske wirkt wie ein Brennglas. Es sind greifbar wahrhaftige Porträts, die buchstäblich unter die Haut gehen. Aber trotz ihrer fast schmerzhaften Intimität sind sie nie voyeuristisch.
Katja Sebald, 11.01.2019