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Presse

Dramaturgischer Glücksgriff

Erschienen in:   Starnberger Merkur
Veranstaltung:Romeo & Julia

Shakespeares Romeo und Julia als Inklusionstheater.

Mit spürbarem Vergnügen haben junge Darsteller mit und ohne Behinderungen am Donnerstagabend das Shakespeare-Drama „Romeo und Julia“ auf die Bühne im Gautinger Bosco gebracht. In der fantasievollen Inszenierung des Inklusionstheaters der Freien Bühne München glänzte Lena Flögl als Julia in der mit Komik gespielten Balkonszene – mit Profischauspieler David Martinez Morente als Romeo an ihrer Seite. 150 Zuschauer applaudierten begeistert, dabei auch Menschen mit Handicap von „Unser Club“ Gauting.

Mit einem Kunstgriff, nämlich eingeblendeten Texten „in klarer Sprache“ brachte die Freie Bühne München das berühmte Shakespeare-Drama vereinfacht, aber doch auch mit viel Schauspielkunst auf die Bosco-Bühne. Am Rand übersetzten zusätzlich zwei Gebärdendolmetscherinnen für jene, die nicht oder wenig hören können. Unter anderen die Gautingerin Simone Hofmüller.

Für große Heiterkeit im Publikum sorgte gleich die Eröffnungsszene, als Julia (Lena Flögl) nach dem Tanz von Romeos Küssen schwärmt, die wie Karamell mit Zimt oder „Spaghetti Bolognese“ schmecken. Denn die berühmteste Liebesgeschichte spielt bekanntlich in Verona zwischen zwei verfeindeten Adelsfamilien.

Julia ist eine geborene Capulet, Romeo ein Montague. „Krieg“ mit Gewehren und Flugzeugen, „doch ein Krieg hört nicht auf, macht alles kaputt.“ Bei der Münchner Inszenierung betreten danach gleich drei Romeos und drei Julias die Theater-Bühne. Zwei große Käfige symbolisieren die Häuser der verfeindeten Adelsgeschlechter. „Welch’ Licht dort durch das Fenster bricht“, schwärmt der rot gewandete, verliebte David Martinez Morente als Romeo von seiner angebeteten Julia. Mit ihm gibt es noch zwei weitere Romeos (Jan Meyer und Ensemblemitglied Dennis Fell-Hernandez). Zu dritt feiern sie erst mal Party im Hier und Jetzt.

Aber das Drama nimmt seinen Lauf: Julia, auch glänzend gespielt von Mara Widmann im Reifrock-Kostüm (Ausstattung: Marie Jaksch), findet keinen Trost. Ihr geliebter Romeo von den verfeindeten Montagues wird nach der Zerstörungsszene mit Maskierten endgültig verbannt. „Romeo ist tot: Hier ist Gift“. Lena Flögel als verzweifelte weitere Julia greift zur Giftblume, fällt leblos auf den Bühnenboden: „Denn ich weiß, wie man sterben spielt.“

So folgt Julia auch im Inklusionstheater ihrem Romeo in den Tod nach – und wird für die Darstellung vom Publikum stürmisch mit Applaus und Bravorufen gefeiert. Beeindruckend gelebte Inklusion.

14.11.2022, Christine Cless-Wesle