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Eine Branche sieht rot – und schwarz

Erschienen in: 
Starnberger Merkur
Aktion in mehreren Orten im Kreis

100 Tage, mehr nicht: Auch im Landkreis machten Kulturschaffende, Messebauer und andere am Montagabend auf ihre Lage infolge der Corona-Krise aufmerksam, die Existenzen vernichten kann. Viele, so die Initiatoren der Aktion „Night of Light“, sind in spätestens 100 Tagen finanziell am Ende – die Branche sieht schwarz, wenn sich nichts tut. Tobias McFadden etwa, Mitorganisator der Gautinger Aktion und Veranstaltungstechniker, kann seine Aufträge der vergangenen Wochen an einer Hand abzählen. Musiker Erik Berthold aus Oberpfaffenhofen geht es nicht anders.

Die Kultur- und Veranstaltungsbranche wird zumeist wenig wahrgenommen, auch wenn sie insbesondere im Landkreis einen erheblichen Wirtschaftsfaktor darstellt. Viele arbeiten als Soloselbstständige, manche als Kleinunternehmer. Durch den Lockdown, das Verbot von Veranstaltungen, Messen und dergleichen, haben viele ihre Basis verloren. Und: Soforthilfen dürfen sie nur für Betriebs-, nicht aber für Lebenshaltungskosten verwenden. Ein Grund für die Branche, durch rot angestrahlte Bauten auf die eigene Notlage hinzuweisen. „Wir haben als Veranstaltungsbranche keine Lobby“, sagt McFadden. Ziel der Aktion sei, erst einmal von der Politik wahrgenommen zu werden. Schade sei, dass der Staat viel Geld in Konzerne stecke, die Soloselbstständigen aber unter den Tisch fielen.

In Gauting beteiligten sich Eltern-Kind-Programm, Kino Breitwand, Kulturplattform, Puppet Players, Rosemarie Zacher, Schule der Fantasie, Sebastian Hofmüller, Sebastian Trusheim, Sigma Veranstaltungstechnik, Stefan Berchtold, Theaterforum und Zebra-Stelzentheater mit eigenen Aktionen. Es seien viele Leute gekommen, sagt McFadden, die Abstände seien eingehalten worden. In Starnberg wurde der Bahnhof See in rotes Licht getaucht, in Gauting waren es Bahnhof, Kino und Bosco, in Steinebach der Augustiner am Wörthsee und das Seehaus Raabe sowie in Stegen das Seehaus Schreyegg und das Restaurant Fischer

Auch Erik Berthold schlägt Alarm. „Die Rücklagen sind aufgebraucht“, sagt der 56-Jährige. Kurzerhand schloss sich der Musiker der Aktion an. Denn das so genannte „First in – Last out“ (als erster rein – als letzter raus) in der Coronakrise mache seiner Branche schwer zu schaffen. „Ich bin nur noch damit beschäftigt, abgesagte Veranstaltungen zu bestätigen“, erzählt er vor seinem „Acoustic Corner“, wo er am Montag mit ein paar Künstlerfreunden musiziert und diskutiert.

Nach dem letzten Auftritt am 13. März dachte Berthold noch, das gehe schnell vorüber. „Ich habe erst mal den Schlaf der letzten 20 Jahre nachgeholt“, erzählt er. Bald war klar, dass sich die Durststrecke über Monate hinziehen würde. „Das ist eine Katastrophe, aber was willst machen?“ Neben ihm sitzt Otto Göttler vom „Bairisch Diatonischen Jodelwahnsinn“ und nickt. Er organisierte das Kulturprogramm des abgesagten Tollwood. Andere Buchungen für Auftritte? Weit und breit nicht in Sicht. „Keiner traut sich, und wenn sie buchen, dann für nächstes Jahr“, sagt Göttler.

Berthold hatte Soforthilfe beantragt und erhalten. Weit gereicht habe diese nicht, sagt er. Er sei sehr dankbar dafür, dass Auftraggeber wie Montessori- oder die Fünfseen-Schule ihm das Gehalt weiter überweisen. Dennoch seien es die Auftritte, die seine Rechnungen bezahlten. Auch Sängerin Sigi Hausen und Musiker Cas Gevers sind die Einnahmen weggebrochen. „Da muss man kreativ sein“, findet Hausen und denkt an kleine Hauskonzerte. Berthold halten Einzelunterricht und Reparaturen sowie die „großzügigen, loyalen Fans“ über Wasser. Und der Kaffee, den er neuerdings in seinem Laden serviert.

Großveranstaltungen würden wohl länger nicht mehr stattfinden, vermutet er, während sein ehemaliger Schüler Roman Heuser die Holzscheite in der Feuerschale anzündet. Der 21-Jährige studiert Sportmanagement und wird sich in Zukunft höchstens mit Straßenmusik ein paar Euro dazuverdienen. Gemeinsam packen die Musiker ihre Instrumente aus und geben vor dem rot angestrahlten Haus für rund 40 vorbeikommende Passanten ein Privatkonzert.
Michael Stürzer, 24.06.2020