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Presse

Endlich wieder echt

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Veranstaltung:Heartbeat Tour

Das erste Live-Konzert seit sieben Monaten im Gautinger Kulturhaus Bosco bewegt das Publikum ebenso wie die Band „John Garner“

Es ist diese besondere Wärme, die er so vermisst hat, wird der Gitarrist Chris Sauer später sagen, beim Runterkommen nach dem Konzert. Diese Wärme, die entsteht, wenn die Bühnenscheinwerfer einen zum Schwitzen bringen, diese Wärme, die zurückkommt vom Publikum. Er wird dabei ganz beseelt dreinschauen. Eben wie einer von fünf Musikern, die nach Monaten endlich wieder ihr Herzblut pulsieren lassen dürfen.

Als am Freitagabend im Gautinger Bosco das erste Mal wieder Live-Musik vor Publikum erklingt und die Augsburger Band John Garner spielt, ist fast alles wie früher – und doch alles anders. Da sitzen rund 80 Maskierte im Saal, je zu zweit auf Doppelsitzen mit anderthalb Metern Abstand zu den anderen. Sie alle haben beim Einlass ein negatives Corona-Testergebnis vorweisen müssen, wahlweise einen vollständigen Impfschutz oder einen Genesungsbeweis. Doch das alles scheint sie nicht zu stören. Sie sind hier, es gibt echte Musik zu hören und nirgends etwas auf einem Bildschirm anzuklicken. Über den Nasenbügeln der FFP2-Masken leuchten die Augen. Es ist das erste Konzert seit gefühlt sehr, sehr langer Zeit. Und es ist furios.

Und deswegen ist auch alles anders als sonst. „Wir haben zwar in den letzten Monaten gelernt, immer genau in die richtige Kamera beim Live-Streaming zu schauen“, sagt Sängerin und Akkordeonistin Lisa Seifert auf der Bühne. „Aber es ist etwas ganz anderes, wieder in eure Augen zu schauen.“ Und auch für Streaming-Konzert-geplagte Zuschauer ist es ein Genuss, wieder selber entscheiden zu können, ob sie dem taktsicheren Schlagzeuger Nick Herrmann noch länger zuschauen wollen oder den Blick schweifen lassen wollen zum Kontrabassisten Carlo Gruber. Kein Regieraum und kein Kameramensch lenken den eigenen Blick. Man schaut sich um im Konzertsaal und denkt: „Ich hatte fast vergessen, was für eine gute grafische Auflösung dieses echte Leben hat.“

Vor allem bei einer Band wie dieser. John Garners Musik ist nicht gemacht, um nebenbei Liefer-Curry auf die Tastatur zu kleckern. Der mitreißende Folk-Rock fordert stampfende Füße und klatschende Hände ein, der elegische Indie-Pop erlaubt kein Stillsitzen neben dem haushaltsangehörigen Sofanachbarn. Und so bekommt diese Musik, die durchzogen ist von irischen Volksweisen, endlich das, was sie braucht: Bühne und Publikum. Es dauert bloß bis zur 32. Minute, bis der erste Zuschauer aufspringt und hinten mittanzt.

Endlich mal wieder fremde Menschen schwitzen sehen! Wer hätte gedacht, dass einem das Körperliche eines Konzerterlebnisses so fehlen würde. Das Trommeln der Zuschauerfüße über den Boden wahrzunehmen, den Kontrabass über die Magengrube zu spüren. Das Publikum fordert nach kaum einer Stunde schon vehement Zugaben ein. Wem es jetzt nicht am Scheitel kribbelt, der muss einen inneren Aluhut aufhaben. Jedenfalls geht ein mitreißendes Gefühl durch den Saal. „Das waren richtige Vibes, anders kann ich das gar nicht ausdrücken“, wird die Zuhörerin Nathalie Prieger aus Starnberg später sagen. Besonders habe sie gerührt, wie sehr diese Musiker betroffen waren von einem monatelangen Quasi-Arbeitsverbot. „Die Kultur hat einen wichtigen Auftrag für unser aller Gesundheit und Wohlbefinden“, sagt sie „Man ist bei so einem Konzert verbunden mit den Musikern. Das ist etwas ganz anderes als auf Distanz zuzuschauen.“

Und das ist auch Frontman Stefan Krause anzusehen, der seit 25 Jahren vor Publikum steht und für den die vergangenen Monate von schweren Entzugserscheinungen geprägt gewesen sein müssen. Wie ein Bühnentier, das zu lange im Käfig war, springt und jauchzt er herum. Egal ob er singt, Gitarre spielt oder nebenbei mit dem Fuß die Trommel schlägt. Man erlebt einen Mann, der endlich wieder tun darf, was er liebt: die Rampensau rauslassen.

Kaum eine halbe Stunde gespielt, witzelt Krause: „Ich brauche gleich ein Sauerstoffzelt, wir haben überhaupt keine Kondition mehr“. Die Band bringt unterdessen zwei Songs, die sie noch nie vor Live-Publikum gespielt hat – eine Weltpremiere also. Zu dem Zeitpunkt ist längst klar: Echte Musik mit echten Menschen zu hören, macht glücklich.

25.05.2021, Jessica Schober