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Presse

„Es ist egal, wer was hat“

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Veranstaltung:Romeo & Julia

Bei der „Romeo und Julia“-Interpretation der Freien Bühne München spielen auch Menschen mit Trisomie 21 mit. Drei Darsteller erzählen, warum die Behinderung in ihrem Bühnenverhältnis überhaupt kein Thema ist

Interview: Pauline Graf

Als David um eine buntbemalte Hausecke des Kreativquartiers in München-Neuhausen biegt, fällt Natalie ihm um den Hals. „Ich präsentiere: David - meinen besten Kumpel!“ Heute Nachmittag beste Kumpels, gestern Abend noch tragische Liebende, die sich gemeinsam in den Tod werfen: Natalie Kim Lehmann und David Martinez Morente sind zwei der insgesamt sechs Romeos und Julias der neuen Produktion der Freien Bühne München (FBM). Dass es bei dieser Neuinterpretation des Shakespeare-Dramas „Romeo und Julia“ sechs statt zwei Hauptrollen gibt, ist nur eine der vielen Ideen von Regisseur Ulf Goerke. Die alles überwölbende Idee dabei: ein inklusives Theaterstück. Das bedeutet: Menschen mit und ohne Behinderung stehen Seite an Seite auf der Bühne.

Schon im vergangenen Jahr feierte die FBM mit der inklusiven Neuauflage von ,,Peer Gynt“ einen großen Erfolg. Heuer bearbeitet das Ensemble die wohl bekannteste Liebestragödie aller Zeiten und ,,gibt hier ein gutes Beispiel dafür ab, dass verschiedene Talente auf die Bühne gehören - in ihrer Individualität und mit ihren Besonderheiten“, lobt der Schirmherr des Projekts, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter.

Vor der Vorstellung am Donnerstag im Gautinger Bosco sprechen die Hauptdarsteller Dennis Fell-Hernandez, Natalie Kim Lehmann und David Martinez Morente im Münchner Kreativquartier über die besonderen Aspekte einer ungewöhnlichen Aufführung.

SZ: Sie hatten gestern Ihre letzte Aufführung hier im Schwere-Reiter-Theater im Kreativquartier. Sind Sie heute ausgeschlafen?

Dennis Fell-Hernandez: Nö, aber es war so toll gestern!

David Martinez Morente: Es war wirklich ein besonderer Abend. Immer, wenn die vorherige Aufführung einwandfrei lief, ist der Druck am nächsten Abend sehr hoch, das zu reproduzieren. Das ist anstrengend.

Natalie Kim Lehmann: David, du musst ja auch öfters wo hochklettern. Klar ist das anstrengend! (lacht)

,,Romeo und Julia“ ist nach dem Erfolg von ,,Peer Gynt“ im vergangenen Jahr die neue inklusive Theaterproduktion der Freien Bühne München. Inklusiv bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne stehen. Was waren die Chancen, was sind die Herausforderungen einer solchen Produktion?

Lehmann: Dennis und ich haben beide schon bei vielen inklusiven Produktionen mitgespielt. Es ist sehr wichtig, dass wir einen Regisseur haben, der gute Anweisungen gibt. Nette Anweisungen. Aber er lässt uns auch Platz für unsere eigenen Ideen. Das hat Ulf super gemacht.

Martinez Morente: Für mich war es die erste inklusive Produktion. Wir haben zehn Wochen lang geprobt – die doppelte Zeit wie für ein reguläres Stück gleicher Länge. Ich fand es völlig irre, wie konzentriert und professionell meine Kolleg:innen (David Martinez Morente nutzt aktiv Gendersprache, das wird im Interview mit dem Doppelpunkt dargestellt, Anm.d.Red.) mit Trisomie 21 bei jeder einzelnen dieser Proben waren. Jeden ihrer Sätze im Drehbuch haben sie mit unglaublich viel Haltung und Gefühl gefüllt. Es war herausfordernd, da mitzuhalten.

In Kino, Fernsehen und Theater sieht man nach wie vor sehr wenig Schauspieler und Schauspielerinnen mit Behinderung. Und wenn, dann wird diese Behinderung zum Thema, zur Handlung der Geschichte gemacht. Was muss sich da ändern?

Fell-Hernandez: In unserer Produktion ist die Trisomie 21 kein Thema. Zu sehen, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen auf der Bühne stehen, tut mir richtig gut. Es ist egal, wer was hat - weil auf der Bühne spielen wir eh alle neue Figuren.

Lehmann: Es gibt sehr wenig erfolgreiche Schauspieler mit Behinderung in Deutschland. Eine von ihnen ist Luisa Wöllisch, ihre Karriere hat auch hier an der Freien Bühne angefangen. Und vor einigen Jahren hatte sie dann eine Hauptrolle in ,,Die Goldfische“ mit Tom Schilling.

Fell-Hernandez: Oh ja, Luisa ist super!

Martinez Morente: Tatsächlich ist die FBM die einzige Institution deutschlandweit, die eine Schauspielausbildung für Menschen mit Behinderung anbietet. Dabei hätten Dennis und Natalie meine Ausbildung in Zürich auch easy hingekriegt: Im Theater sollte es nicht nur auf intellektuelles Gelaber ankommen, auf wie hinter der Bühne. Ich fände es spannend und mutig, wenn ein Theater mal das Experiment macht: eine Spielzeit lang komplett in vereinfachter Sprache.

Das würde sicherlich auch das Publikum diverser und inklusiver machen.

Martinez Morente: Wie bei ,,Romeo und Julia“. Wir blicken jeden Abend in ein sehr buntes Publikum. Durch solche Produktionen fallen hoffentlich die Hemmungen bei Menschen mit Behinderung, an eine Schauspielkarriere überhaupt zu denken.

Durch die Inklusion von Menschen mit Behinderung bekommt Ihr Shakespeare-Stück einen neuen Kontext. Wie schaffen Sie es, sich einer Rolle zu nähern, zu der jeder Zuschauer sofort schon ganz viele eigene Bilder und Vorstellungen im Kopf hat?

Martinez Morente: Wir haben einige neue Szenen und Aspekte im Drehbuch, die man, glaube ich, so noch nie in einer „Romeo und Julia“-Aufführung gesehen hat. Zum Beispiel die Socken-Szene!

Lehmann: Oh ja, wenn ich als Julia meinen Socken ausziehe und ihn Romeo gebe – damit er immer an mich denkt. (lacht)

Fell-Hernandez: Oder der Disney-Song. Ich darf nämlich als Romeo auch singen in der Aufführung! Wollt ihr hören? (fängt lauthals an zu singen)

Lehmann: (applaudiert) . . . und dann schauen wir uns verliebt an!

Fell-Hernandez: Äh ja. Genau.

Was hat am meisten Spaß gemacht an ,,Romeo und Julia“?

Lehmann: Die Szenen mit den Jungs hier. Und die Szene, in der Krieg ist. Da ist richtig Action, mit Fackeln und so.

Fell-Hernandez: Am allerschönsten ist der Applaus!

Martinez Morente: Ja, es ist so toll, wenn ein inklusives Projekt wertgeschätzt wird. Ich sehe das Theaterspielen immer wie einen Deal, wie eine Verabredung: Ihr Zuschauer kommt zum Gucken, wir bieten etwas an. Wenn diese Verabredung ernst genommen wird, wenn eine echte Verbindung zwischen Schauspieler:innen und Publikum entsteht – das ist es, worauf es im Theater ankommt.

Die Freie Bühne gastiert am Wochenende mit ,,Romeo und Julia“ beim inklusiven Tanz-, Kultur- und Theaterfestival „inTakt“ in Graz - und damit erstmals im Ausland. Zuvor ist die ,,Romeo und Julia“-Inszenierung am Donnerstag, 10. November, von 19 Uhr an im Gautinger Kulturhaus Bosco zu sehen. Tickets gibt es beim Theaterforum Gauting im Bosco. Weitere Infos finden sich im Internet unter https://freiebuehnemuenchen.de/

10.11.2022, Pauline Graf