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Fünfmal absagen, einmal auftreten

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg

Theater und Konzerte organisieren? Auch für das Kulturzentrum Bosco ist das in der Corona-Krise ein harter Job – und trotzdem gibt man dort nicht auf.

Aller guten Dinge sind drei: Zweimal ist der Vorverkauf fürs Halbjahresprogramm 2022 im Gautinger Kulturhaus Bosco schon verschoben worden, aber nun dürfte es klappen. Von Samstag, 8. Januar, an können Rock,-, Kabarett-, Klassik- oder Theaterfans jetzt Karten ordern, allein schon der Start ins neue Jahr hat es ja in sich. Das spitzzüngige Quartett Robert Griess, Sebastian Rüger, Henning Schmidtke und Dagmar Schönleber tritt im Januar zur Jahresendabrechnung an, Peter Schneiders Band The Stimulators serviert ihren Mix aus Blues, Südstaaten-Groove, Ska und Latin. Und die Pianistin Johanna Summer aus Berlin improvisiert über Stücke aus Robert Schumanns „Kinderszenen“ und dem Zyklus „Album für die Jugend“. Tickets können online, telefonisch, per Mail oder auch persönlich im Theaterbüro in Gauting geordert werden, Start ist um 10 Uhr. Das Bosco rechnet damit, dass 25 Prozent der Sitzplätze besetzt werden dürfen und 2-G-plus gilt, also auch Geimpfte und Genesene zusätzlich einen aktuellen PCR- oder PoC-Test vorlegen müssen – oder eben geboostert sein müssen. Falls diese Regelungen nicht bald wieder über den Haufen geworfen werden.

Genau diese unvorhersehbaren Änderungen „in zu schnellem Abstand“ machen Amelie Krause, der Leiterin des Hauses, und ihrem fünfköpfigen Team schwer zu schaffen. Denn das Bosco ist in der Pandemie zu einer Art Verschiebebahnhof geworden. „Wir versuchen immer wieder, uns damit zu arrangieren, dass wir jede Veranstaltung fünf- bis sechsmal in die Hand nehmen und uns im Zwei-Wochen-Takt auf neue Bedingungen einstellen müssen“, sagt Krause. Inzwischen ziehe sie Veranstaltungen mit, die schon viermal verschoben worden seien. „Und wenn man sich überlegt, dass wir bei einige Klassikkonzerten vor vier, fünf Jahren in die Planung gegangen sind, dann ist das schon frustrierend. Da denkt man sich: Wann darf das endlich stattfinden?“

Kurzfristige Änderungen, die sich auf die Kapazität des Kulturzentrums auswirken, führen zuweilen zu einem Telefonmarathon. Für ein Gastspiel des Renaissance-Theaters Berlin Anfang Dezember mit August Strindbergs „Fräulein Julie“ zum Beispiel hatte das Bosco 110 Karten bei normaler Abstandsbestuhlung verkauft. Doch weil die Hygienevorschriften verschärft wurden, durften nur 70 Zuschauer rein. Krause und ihr Team entschlossen sich dazu, die Tickets zu verlosen, eine Mitarbeiterin sei dann drei Tage allein damit beschäftigt gewesen, die Kartenkäufer abzutelefonieren und die Gewinner zu informieren.

Wegen des enormen Aufwands tendiert Krause inzwischen dazu, solche Veranstaltungen langfristig zu verschieben, den Jubiläumsabend mit Gerhard Polt und den Well-Brüdern etwa, für den bereits 200 Karten verkauft worden seien. Ersatztermin sollte am 9. Januar sein, doch auch daraus wird wieder nichts. Die Folge des Hin und Her ist laut Krause ein „totaler Planungsstau“. Im vergangenen Jahr sei der Spielplan für 2021/22 schon unter Dach und Fach gebracht worden, viele Konzerte, Kabarett- oder Theatervorstellungen mussten auf 2023 verschoben werden. Deshalb habe das Bosco für die jetzige Saison 2022/23 noch relativ wenig fixiert, sagt Krause. Ihr Haus könne andererseits auch nicht einfach Abende absagen, wenn die Veranstaltung laut Hygienevorschriften noch theoretisch möglich sei, schließlich müsse man sich an die Verträge mit den Künstlern halten. Krauses Sicht der Dinge: „Eine ehrliche Entscheidung der Politik wäre die klare Ansage eines Lockdowns, mit dem man die vierte Welle bricht.“

Hinzu kommt noch, dass Krause und ihre Mitarbeiter eine Papierschlacht nach der anderen schlagen, um Coronaförderung zu bekommen. Die Anträge seien sehr aufwendig. Als sich der Lockdown ständig verlängerte, waren n zusätzlich Änderungsanträge nötig. Natürlich müsse das Bosco auch jedes Konzert, jeden Theaterabend, jede Ausstellung und jede Comedyshow im Nachhinein abrechnen, dabei sei dann „extrem viel nachzuweisen“. Und um zu wissen, wie genau sich neue Vorschriften auswirkten und zu handhaben seien, genüge es nicht, den Beschluss einfach nachzulesen. „Wir müssen mit Gesundheits- und Landratsamt in Verbindung treten“, das sei also mit Recherchearbeit verbunden.

Gleichwohl ist das Kulturzentrum Bosco bisher offenbar von größerer Unbill verschont geblieben. Leiterin Amelie Krause sagt: „Es gab kaum Kündigungen von Fördermitgliedschaften oder Abos, und es gibt nach wie vor eine hohe Spendenbereitschaft, das ist es, was uns im Moment rettet.“

04.01.2022, Gerhard Summer