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Gautings gutes Auge

Erschienen in:   Starnberger Merkur

Online-Ausstellung: Michael Nguyen zeigt „Hässliches und Schönes“ seiner Wahlheimat

Unter dem Titel „Heimat Gauting: Am Straßenrand“ eröffnet der preisgekrönte Fotokünstler Michael Nguyen in seiner sehenswerten Internet-Ausstellung den Gautingern ganz neue Perspektiven – zum Beispiel auf die Figur des Brückenheiligen Nepomuk im Zentrum oder den vom Sturm entwurzelten, kahlen Riesenbaum auf der Wiese an der Leutstettener Straße. In der Serie des Fotokünstlers, der seit 2015 am Ort wohnt, gibt‘s aber auch faszinierende Momentaufnahmen vom maroden Gemäuer auf dem menschenleeren Fabrikgelände AOA Gauting zu entdecken.

„Hässliches und Schönes“ dokumentiert Fotokünstler Michael Nguyen bei seinen Spaziergängen durch seine Wahlheimat Gauting. „Jeden Tag kommen neue Fotos dazu“, erläutert der Künstler im Gespräch. Wegen Corona läuft die Serie „Heimat Gauting: Am Straßenrand“ momentan nur online. Auch die ursprünglich für diesen Herbst geplante Foto-Woche „Gauting International“ mit Events im Breitwand-Kino und Ausstellungen in Geschäften mit preisgekrönten internationalen Künstlern, wurde wegen Corona abgeblasen, bedauert Initiator Nguyen. Als Chefredakteur des Magazins „Tatree“, das internationale Fotokünstler präsentiert und promotet, hat der Ex-Berliner ein gut ausgebautes Netzwerk.

In seiner neuen Heimat Gauting ist der Fotokünstler oft mit der Kamera unterwegs – trotz einer chronischen Erkrankung. „Mit dem dritten Auge eines Wanderers“ hat der Ex-Berliner seine fast täglich erweiterte Fotoserie „Nguyen‘s Miniaturen“ überschrieben. Zum Auftakt der virtuellen Ausstellung entdeckt der Betrachter die gelungene Großaufnahme des mächtigen kahlen Solitärbaums auf der freien Wiese unterhalb der sogenannten „dritten Dull‘n“ an der Leutstettener Straße gegenüber des Sportclub-Geländes. Ein paar Klicks weiter sieht die kundige Spaziergängerin denselben, aber bereits vom Sturm entwurzelten kahlen Baum vor der Waldkulisse: Mitten im ersten Corona-Lockdown klettert ein Kind auf dem mächtigen Stamm. Auch gelungene Foto-Dokumente von der Abrissbirne am abgetragenen, historischen Bergmoserhaus finden sich in der Serie, ebenso wunderschöne Aufnahmen vom Herbstwald auf der Anhöhe vor Buchendorf. Der Gautinger erhielt für eine dieser gelungenen Landschaftsbilder heuer eine Auszeichnung der „Siena Creative Photo Awards 2020“ in der Kategorie „Natur & Landschaft“.

Knallgelb leuchten wiederum die am PC bearbeiteten Sonnenblumen im Grubmühlerfeld auf einem der Nguyen-Fotos. Mit seiner Kamera öffnet der Künstler den Blick des Betrachters gekonnt, auch auf zwei Jäger im freien Feld vor Buchendorf oder auf einen verlassenen Bauernhof mit Schubkarre, auf 50er-Jahre-Kaugummi-Automaten am hölzernen Gartenzaun, auf menschenleere Sonnenliegen im Sommerbad oder auf regennasse hochgeklappte Gartentische auf der Sonnenterrasse des Sportclub-Lokals. Es gibt auch Hässliches zu entdecken: Etwa das marode Gemäuer des verlassenen trostlosen AOA-Fabrikgeländes, die aufgereihten Tonnen am Wertstoffhof, einen überquellenden Textil-Container mit Plastiksäcken oder das schon fast wieder charmante Foto von der abblätternde Fassade des heruntergekommenen, gemeindlichen „Wunderlhofs“ an der Starnberger Straße.

In eine Gautinger Garage voller Gerümpel hat der Künstler einen Elefanten montiert. Und über ein Guckloch im Bauzaun gelingt Michael Nguyen ein ganz neuer Blick auf die Sontowski-Großbaustelle am Bahnhof. Mit der Aufnahme vom „Marterl“ am Zaun vor dem historischen Mesner-Hof Leutenstorfer mitten im ehemaligem Dorf Gauting hat Nguyen seiner neuen Heimat ein kleines Denkmal gesetzt. Aber auch mit der perfekt abgelichteten leuchtend roten Fassade des Bosco.

Dort, im Bürger- und Kulturhaus, wird Michael Nguyen seine bearbeitete Bilder-Serie voraussichtlich vom 8. Juni bis 25. Juli 2021 real ausstellen. Unter www.nguyensminiaturen.de findet sich die fast täglich erweiterte Serie mit Bildern aus Gauting im Netz.

07.11.2020, Christine Cless-Wesle