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Presse

„Geistige Arbeiter“ im Nachkriegs-Gauting

Erschienen in:   Starnberger Merkur

Wie eine Viertklässlerin 1946 ihre Heimat sieht – Kurzweiliger Vortrag von Karl Ludwig Hebler

„Unsere Schule ist die schönste“: So beginnt der erste Hefteintrag einer Gautinger Viertklässlerin im Jahre 1946. Ein Zeichen der Normalität im Jahr nach Kriegsende. „Gauting, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg war“ war das Thema, über das Karl Ludwig Hebler, der Vorsitzende der Gesellschaft für Archäologie und Geschichte Oberes Würmtal, am Freitagabend sprach. Und das Heft spielte dabei eine wichtige Rolle.

Etwa 40 Gautinger lauschten Heblers Vortrag – coronabedingt im großen Saal des Bosco. Mit Fotos aus dem Gemeindearchiv dokumentierte er zum Beispiel, wie sich das 1898 von Georg Hiltl erbaute herrschaftliche „Bahnhofshotel“ am Bahnhof zur Austria-Tabak-Fabrik und schließlich zur Volksschule wandelte. Als die kleine Gautingerin in der Nachkriegszeit die Schulbank drückte, saß sie in einem Klassenzimmer der 1914 erbauten Volksschule neben dem Rathaus, erklärte Hebler. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Gautings Kinder in zwei Klassenzimmern im alten Rathaus unterrichtet, dem jetzigen Jugendzentrum an der Bahnhofstraße. 1939 wurde das Gebäude wieder zu klein. Im Bild zeigte Hebler dazu eine historische Aufnahme des herrschaftlichen „Badhotel“, dem heutigen Mädchenheim an der Starnberger Straße.

Georg Hiltl, der Wirt des Gasthauses Zur Post an der unteren Würmbrücke und legendärer Erbauer der Gautinger Villenkolonie, hatte das groß dimensionierte „Bahnhofshotel“ 1898 als Kurhaus erbauen lassen. Doch die nahen Schwefelquellen versiegten. Hiltl musste sein Hotel 1924 an die Austria Tabakwaren GmbH verkaufen. Nach Kriegsende wurden dort Heimatvertriebene und Flüchtlinge einquartiert. 1954 kaufte die Gemeinde die Fabrik und baute sie zur Volksschule um. Heute ist dort die Sontowski-Großbaustelle.

„Die Arbeit der Gautinger“ beschrieb die Schülerin ausführlich in ihrem Heft: Seit 1911 gibt es zum Beispiel das heute denkmalgeschützte Gasthaus Zum Bären am Pippinplatz – das Entree zur Villenkolonie. Im Gegensatz dazu wurde das „unten im Dorf“ gelegene historische Gasthaus Würmbad mit Kastanien-Biergarten (jetziger Edeka-Komplex am nördlichen Hauptplatz) 1976 abgerissen. Kurz nach Kriegsende gab es in Gauting noch das Haushaltswarengeschäft Eisen Schmid, die Gemischtwarenläden von Christian Nafziger an der Buchendorfer Straße und von Anton Brucklachner am Hauptplatz sowie zwei Kohlehändler – nachzulesen im Heft der Viertklässlerin.

Arbeitsplätze boten die Mafaga (Maschinenfabrik Gauting) südlich von Gauting (heute Umweltzentrum Öko & Fair), die Firma Roth Elektrik an der Grubmühlerfeldstraße, die Spundfabrik Ruhdorfer, Braungart Feinmechanik und die Haerlinsche Papierfabrik mit Holzschleif und E-Werk am Hauptplatz. 1968 wurde der Schornstein der Papierfabrik gesprengt. Heute steht dort die Schlosspark-Siedlung der Münchner Rückversicherung. Eine andere Firma, Dietl Feinmechanik an der Sackstraße, stehe noch heute gut da, erzählte Hebler.

Nur noch vier Bauern, nämlich die Höfe Leutenstorfer, Waller, Guggemos und Deschler, „die noch ihre Kühe raustrieben“, erwähnt das Mädchen in seinem Schulheft von 1946. Landwirt Deschler bewohnte eine wunderschöne Villa mit Türmchen oben an der Bergstraße, die jedoch in den 1960er Jahren verschwand.

1946 war die Einwohnerzahl in Gauting auf 9000 hochgeschnellt, berief sich Hebler auf die Schülerin: Die Zuzügler „kamen aus Ostpreußen und Schlesien“, schrieb das Mädchen. Dazu kamen KZ-Überlebende und Amerikaner. Amüsiert berichtete Hebler vom Eintrag über „geistige Arbeiter“ kurz nach Kriegsende: Da ist zwar von Lehrerin Kinzellach und Schülerin Winkler die Rede, aber, wie Hebler sagte: „Unsereiner vermisst Gymnasial-Professor Wolfgang Krämer“ oder den bekannten Maler und Schriftsteller Lulu Beck (1905-1983).
03.08.2020, Christine Cless-Wesle