Presse

Mi, 29.01.2020
20.00 Uhr
Kabarett

Himmlische Teufeleien

Veranstaltung: 
Die Endabrechnung 2019
Künstler: 
Schlachtplatte
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Die Kabarettisten Lisa Catena, Sarah Hakenberg, Dagmar Schönleber und Robert Griess geben in ihrem Programm „Die Endabrechnung 2019“ gefallene Engel, die mit dem Irrwitz auf Erden aufräumen

Die Erste ist rothaarig und trägt rote Engelsflügel, die Zweite hat einen blonden Pferdeschwanz und ein silbergraues Flügelpaar, die Dritte ist ganz in schwarz, auch die Federn an ihren Rücken sind schwarzglänzend. Der männliche Akteur, der vierte im Bunde, verfügt dagegen nur über ein angedeutetes Flügelpaar. Alle tragen Masken, zunächst. Als „gefallene Engel“, stellen sie sich vor, sie sind auf die Erde zurückgeschickt worden und müssen nun mit dem Quatsch und dem Wahnsinn, der 2019 passiert ist, aufräumen. „Die Endabrechnung 2019“ nennt der Kölner Kabarettist Robert Griess das Programm, das im ausverkauften Bosco zu genießen war.

Seit 2006 schart Griess unterschiedliche Comedians für sein politisches Kabarett „Schlachtplatte“ um sich; diesmal ist er mit drei Kolleginnen unterwegs, der rothaarigen Dagmar Schönleber, der blonden Sarah Hakenberg und der dunkelhaarigen Lisa Catena. Die jede auch solo das Bosco-Publikum begeistern. Doch schnell wird klar, im Quartett sind sie sogar noch einen Tick besser. Mit frechen Monologen und intelligenten Bosheiten über deutsche Politiker machen sie sich warm: Catena nimmt sich Verkehrsminister Andreas Scheuer vor, Griess kann Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz gut, auch den Ministerpräsidenten Armin Laschet, der fragt, ob er seinen Wäschetrockner jetzt nicht mehr befüllen soll. Oder „Wowie“, der Berliner Ex-Oberbürgermeister, der den umweltfreundlichsten Flughafen der Welt bauen wollte. Später kommen auch Prinz Andrew dran, die Royals, Donald Trump, der oberste Twitterer mit der störrischen Negierung des Klimawandels. Und ja, der Klimawandel, das Corona-Virus, die bösen Medien!

So richtig stimmig wird es erst, als die vier den Kinderchor vom WDR covern und die „Oma Umweltsau“ ins meist grauhaarige Publikum schmettern. Jetzt haben sie ihre Form gefunden, der Wechsel von Ensemble-Nummern, Einzelsketchen und Musikeinlagen läuft wie am Schnürchen. Während die Schweizerin Lisa Catena hintergründig ihre Pointen setzt, hockt sich Sarah Hakenberg ans Klavier und bringt das Publikum mit hinterfotzigen Chansons zum Klatschen. Zum Beispiel kann sie sehr gut den teuflischen Beiklang eines d-Moll-Akkords erklären, der aus den Noten a, f, d besteht. Frech und witzig und mit einem koboldhaften Lachen schmettert sie ihren Schlager „Hilf mir beim Umzug“, in dem sie marschierende Nazifreunde aufruft, sich als Möbelpacker und Umzugshelfer zu verdingen – eine gute ermüdende Tätigkeit, nach der der rechte Arm so muskellahm ist, dass er kaum noch zum Gruß in die Höhe schwingen kann.

Dagmar Schönleber ist so recht in ihrem Element, als sie dem Publikum den Begriff der Hysterie erläutert. Die genaue Übersetzung aus dem Altgriechisch bedeutet Gebärmutter, klar, dass sie nur bei Frauen auftritt, durch den Körper wandert Richtung Gehirn und sich dort festbeißt. Von da kommt sie zum Thema Emanzipation und zur Überlegung, zu rebellieren. Sie hat als Punk den körperlich anstrengendsten Part, arbeitet sich durch „Hate Speech“ und „Shitstorms“ und schlägt vor, durch eine „Troll of Love“-Offensive den Mobbern im Netz den Wind aus den Segeln zu nehmen. Mit der heißen Discotanznummer „Love Is In The Nets“ zeigt sie dem Publikum, dass man die anderen mit Freundlichkeit sehr wohl ärgern könnte. Wenn es ums Weltverändern geht, ist Griess der Mann der Stunde. Sein Kölner Proll ist Spitzencomedy. Da macht er vor, wie man mit Unverfrorenheit die Wohnungsmakler auf die Palme bringt, wie man sich selbst als Vermittler betätigen und ganz nebenbei die Geldscheine aus den Wohnungsbewerbungsschreiben einstreichen kann. Richtig genussvoll lässt er sich über die ständig meckernden „Ostlinge“ aus, was keine Schmähung sei, betont er, schließlich gebe es auch Flüchtlinge, Schmetterlinge und Lieblinge.

Eine glänzende Show bieten die vier auch als moderne alternative, wohlsituierte und im besten Sinn „grüne“ Familie: Der Vater mit der bunten Häkelmütze ist Fundi der ersten Stunde (Griess), die Mutter ist eine Yoga-affine Alt-Hippie (Schönleber). Mit am Tisch sitzen auch die vorlaute Friday-for-Future-Tochter (Hakenberg) und die krasse Null-Bock-Vertreterin und Dealerin (Catena). Sie lassen kein Klischee aus, sei es der SUV in der Garage oder der Urlaub auf Goa – und gerade das ist höchst vergnüglich.

Richtig Spaß machen auch die Songs von ABBA: Steigende Mieten, Zwangsversteigerung, Bad Banks, Außenklos und böse Spekulanten klingen erst mal ganz wunderbar auf die Melodien von „Fernando“, „Chiquitita“, „The Winner Takes It All“ und „Waterloo“. Im Nachgang sind sie jedoch bitter. Gegen Ende zu, weit nach 22 Uhr, zieht der schwarze Engel Catena Bilanz und stellt eine „To do- Liste“ auf: Als erstes wird Bolsonaro abgesetzt, ein veganer Kochkurs besucht und der Flughafen Berlin als Parkplatz für Tesla freigegeben. Trump fliegt zur Sonne, und Julia Klöckner darf den Verkehr regeln.

Das Konzept hat funktioniert, das Gautinger Publikum geizt nicht mit Applaus und notiert schon mal den Termin fürs kommende Jahr: Am 23. Januar 2021 stehe die „Endabrechnung für 2020“ auf dem Programm, sagt Griess. Und wer von Sarah Hakenberg fasziniert ist, soll sich schnellstens den kommenden Donnerstag merken. Da ist die Liedermacherin und Kabarettistin mit ihrem Solo „Dann kam lange nichts“ im Bosco zu Gast.
Blanche Mamer, 01.02.2020