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Hoffen auf Lichtblicke am Ende des Tunnels

Erschienen in: 
Starnberger Merkur
Musiker Ludwig Seuss spricht über die Probleme der Künstlerszene in Corona-Zeiten

Ludwig Seuss, Pianist und Akkordeonspieler der legendären „Spider Murphy Gang“, ist Vollblut-Musiker. Der in Pasing aufgewachsene Würmtaler brennt für mitreißend gespielten Blues und Boogie. Doch jetzt in der Krise, ohne Live-Konzert-Auftritte bis Ende August, brechen dem verheirateten Familienvater (55) aus Gauting und seiner Band die Einnahmen weg.

Wie geht es Ihnen?

Mein Alltag hat sich sehr verändert. Mir fehlt das Spielen vor Publikum sehr. Mein Leben ist schließlich die Bühne.

Was ist Ihnen als freier Musiker alles weggebrochen?

Eigentlich hätte ich jetzt ab Mai mit meiner Band zwei bis drei Live-Konzert-Auftritte pro Woche gehabt. Bis Anfang August waren wir gebucht. Im Juni hätte ich auf zwei bereits ausverkauften Konzerten mit der Spider Murphy Gang auf dem Tollwood gespielt. Mit der Band spiele ich immerhin seit 1986. Wir bekamen auch schon den Oberbayerischen Kulturpreis. Insgesamt 40 Konzerte wären es gewesen, die jetzt nicht stattfinden werden. Auf Tourneen habe ich mit meiner Band normalerweise 100 Live-Auftritte im Jahr. Dabei verkaufen wir auch unsere CDs, wie unsere jüngste Aufnahme, die „Views of The Blues.“ Das fällt jetzt alles weg, war aber mein Lebensunterhalt.

Sie sind ja nicht nur freischaffender Musiker, sondern auch verheirateter Vater von zwei Kindern: Bekamen Sie denn staatliche Hilfe?

Gleich am Anfang der Krise hat mich jemand im Gautinger Rathaus auf das Formular der bayerischen Staatsregierung hingewiesen. Für Kleinbetriebe und freischaffende Künstler gibt es nämlich staatliche Hilfe. Wir haben diese Hilfe beantragt. Denn als Profimusiker habe ich fixe Betriebskosten fürs Tournee-Auto oder den Übungsraum. Im Nebenjob gebe ich derzeit über Skype ein paar Schülern von zu Hause aus Musikunterricht. Auf Dauer werden wir Musiker und Künstler mit einem einmaligen Zuschuss aber nicht zurechtkommen, wenn es so weitergeht und weiter keine Konzerte stattfinden dürfen.

Gibt es in diesem Krisen-Jahr überhaupt noch Hoffnung auf Konzert-Auftritte mit Publikum? Denn Sie sind ja auch künstlerischer Leiter der Jazz-Sparte des Theaterforums im Gautinger Bosco.

Als Musiker brauche ich Lichtblicke am Ende des Tunnels. Am 3. Dezember gibt es noch eine Blues-Nacht. Und Ende August sind Spider-Murphy-Konzerte im Münchner Lustspielhaus geplant. Vielleicht können ja so kleinere Club-Konzerte wieder stattfinden. Das nächste schönes Jazzkonzert mit dem Trompeter Le Roy Jones ist am 24. September im Bosco geplant. Ich hoffe, dass dies klappen wird. Im Team des Theaterforums überlegen wir gerade, welche Möglichkeiten es demnächst für Konzerte mit Publikum gibt – und unter welchen Hygiene- und Abstandsregelungen. Freie Kulturveranstalter zahlen natürlich auch Mieten für Hallen oder einen Konzert-Flügel. Wir werden sehen, wie es im Bosco weitergeht.

Wie hart trifft die Corona-Krise die Kulturschaffenden?

Ich bin zwar Optimist. Aber uns Kulturschaffende trifft dieses Berufsverbot besonders hart, obwohl wir nicht so an der Front stehen wie die Ärztinnen oder Pfleger in den Krankenhäusern. Denn wir bereiten uns ja ein Jahr lang im Voraus mit Proben auf unsere Konzerte vor – und sind wie alle anderen ganz unverschuldet in diese Krise geraten. Die Leute würden doch auch mal gern wieder in ein Konzert oder ins Kino gehen. Wichtig ist doch, dass überhaupt mal wieder Kulturleben stattfindet. Wir Künstler werden auf jeden Fall aber finanzielle Verluste haben, auch wenn das kulturelle Leben wieder losgeht. Wir Kulturschaffenden haben meistens nicht die Chance, große Rücklagen fürs Alter zu bilden. Schon seit der Umstellung auf Euro wurden unsere Gagen eins zu eins von D-Mark auf Euro umgestellt, also halbiert – und seither kaum mehr erhöht.
Christine Cless-Wesle, 06.05.2020