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Presse

„Ihr wart unfassbar gut“

Erschienen in:   Starnberger Merkur

Theaterjugendclub übt online und begeistert mit einem „Weltuntergang“

„Wir geben nicht auf“, bekräftigte der Gautinger Schauspieler Sebastian Hofmüller zum Auftakt der tief beeindruckenden Aufführung „Weltuntergang“ von Jura Soyfer auf www.gauting.live am Samstagabend. Denn trotz Lockdown, Wechselunterricht und Homeschooling haben zwölf hoch motivierte Kinder und Jugendliche des Gautinger Theaterjugendclubs mit den Profis Sebastian Hofmüller, Yvonne Kalles sowie Tobias Weber vom „Café Unterzucker“ online immer weiter geprobt. So gelang die packende Aufführung von „Weltuntergang“ als Zoom-Video – live gestreamt aus den Kinder- und Wohnzimmern der jungen Darsteller im Alter zwischen elf und 19 Jahren. 141 Zuschauer hatten sich zugeschaltet.

Während ein Teil seiner Kolleginnen und Kollegen, etwa hoch bezahlte „Tatort“-Kommissare, „zynische und in meinen Augen dumme Textzeilen gelernt haben“, haben sich Hofmüller, Kalles und Weber „mit denen beschäftigt, die am meisten unter diesen Zeiten leiden: den Kindern und Jugendlichen“. Doch anstatt auf die Wieder-Eröffnung der Theater zu warten, verlegte der Theaterjugendclub seine Premiere von „Weltuntergang oder Die Jugend muss mal wieder als Hoffnungsträger für die verkorkste Menschheit herhalten“ von der ursprünglich geplanten Bosco-Bühne ins Netz. „Die letzten zwei Wochen haben wir fast jeden Abend geprobt“, erzählt Hofmüller. Per Zoom waren die zwölf Schülerinnen und Schüler von daheim aus zugeschaltet – oft müde von Homeschooling oder Prüfungen, aber motiviert. Die jungen Schauspieler waren vor dem heimischen Bildschirm „eigene Souffleuse, Garderobiere, Bühnen- und Maskenbildner“ und mussten auch rechtzeitig den Knopf bei ihrem Einsatz drücken. Es sei überirdisch, was diese Kinder und Jugendlichen geleistet haben, sagt Hofmüller.

In der ersten Szene des bereits 1936 uraufgeführten Dramas des Autors Jura Soyfer sind die jungen Darsteller als Planeten zugeschaltet. Die Sonne, fantastisch kostümiert mit Strahlenkranz, beklagt den Zustand der Erde. „Wir müssen die Erde von den Menschen befreien“, rät die Sonne, denn: „Sie ist krank.“ Planet Mars empfiehlt „den Sternschaften“ den Komet Konrad im Eiltempo zur Erde zu schicken, um den Planeten „zu entmenschlichen“.

„Reporter/innen“ berichten auf der Erde live aus ihren Studios in London, Paris, New York, Berlin: „Die Börse ist stabil“, meldete der Korrespondent am Brandenburger Tor. „Die Welt geht in vier Wochen unter“, prophezeit der Astrophysiker Guck mit Bowler-Hut. Doch auf den klugen Professor, dem die britische Präsidentin zur eingespielten Hymne „Glory, Glory“ den Nobelpreis verleiht, will keiner hören. „Der Mensch ist dumm“, sagt Guck. Als der Physiker der eitlen Präsidentin auch noch die Gravitation erklärt mit den Worten „Sie haben eine Anziehungskraft von fast Null“, degradiert die empörte Regierungschefin den smarten Wissenschaftler prompt zum Aushilfslehrer. Zehn Tage noch bis zum Weltuntergang, das beherrscht die Nachrichtenlage in den Hauptstadtstudios. „Wenn der Komet kommt, macht er alles kaputt, alle Tiere, Häuser – und mein schönes Trampolin“, erklingt der Song. „Die Menschen sind dumm und taub“, klagt Professor Guck wieder. „Morgen Mittag ist Weltuntergang, vielleicht auch das Jüngste Gericht“, prophezeit der Astrophysiker ein letztes Mal und verabschiedet sich nach Amerika, denn: „Technik, Fortschritt und Freiheit wird die Zivilisation retten.“

„Gute Nacht allerseits“: Im Weltraum-Schiff verlassen 54 amerikanische Ladys und Gentlemen die vom Untergang bedrohte Erde. Ein fliegendes Teil, „grün wie die Hoffnung“, nähert sich auf dem Bildschirm: „Konrad, da bist du ja“, sagt ein Darsteller zum Kometen. Doch kurz vor den Aufprall auf der Erde dreht Komet Konrad wieder ab mit den Worten: „Ich habe mir gedacht, der Aufprall ist überflüssig. Die Menschen rotten sich ohnehin aus. Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde, gesegnet und verdammt… und ihre Zukunft ist herrlich und groß“, endet das Bühnen-Stück mit dem bis heute aktuellen Text. Danach wird der Bildschirm schwarz.

„Ihr wart unfassbar gut. Eure Leistung ist unfassbar“, dankt Hofmüller seiner Truppe. „Stellt Euch lauten Applaus vor!“ Dem engagierten Leiter des Theaterjugendclubs schießen dabei Tränen der Rührung in die Augen.

26.04.2021, Christine Cless-Wesle