Presse

Sa, 21.09.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Immer Leo-Look

Veranstaltung: 
"Ich bleib dann mal jung!" (Ersatztermin)
Künstler: 
Sissi Perlinger
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Sissi Perlinger bringt das Bosco zum Brodeln

So was von exaltiert! Erst mal hüpft sie auf die Bühne, richtig leichtfüßig für ihr mittleres Alter, wedelt mit den Armen, kreischt und - sieht, dass in der ersten Reihe im ausverkauften großen Saal des Bosco noch einzelne Plätze frei sind. Das geht gar nicht, findet Sissi Perlinger. Fast nötigt sie die Besucher, sich vorne hinzusetzen und man meint schon, diese Reise nach Jerusalem nähme nie ein Ende. Dann verdonnert sie das Publikum, vor allem die Männer, die von ihren Frauen zu diesem Kabarett-Besuch gezwungen wurden, laut "Buh" zu schreien. Ein schamanisches Ritual nennt sie das. Der Saal brodelt, jetzt hat sie die Zuschauer da, wo sie sie haben will für ihr Programm: "Ich bleib dann mal jung".

Ja, wir reifen schön langsam vor uns hin, sagt sie. Und die silber- bis weißhaarigen Besucher nicken. Aber: Jenseits der 50-er - das sind doch die allerbesten Jahre. Oder etwa nicht? Das Beste kommt noch. Man muss sich nur richtig darum kümmern, damit es auch so wird! Jedenfalls: "Über 50 zu sein ist immer noch besser, als nicht mal 50 geworden zu sein." Klar, Älterwerden geht alle an. Dass sie selbst schon das halbe Jahrhundert hinter sich hat, aber immer noch im sexy Leopardendress herumtanzen kann, macht so manche Besucherin neidisch. Das gilt auch für ihre Tipps, "frech" oder "aufmüpfig" zu sein. Im Alter kann man sich das doch leisten. Ach, wie gerne würde frau doch ganz gelassen den Fahrkartenkontrolleur zurechtweisen: "Rüdiger, du sollst doch nicht immer Vaters Uniform anziehen!" Wär ein Versuch wert, oder? Bei der Frage "Wofür Sie sich noch aufheben wollen?" müsste doch eigentlich gebuht werden, doch 33 Jahre Bühnenerfahrung haben die Perlinger gelehrt, dass es manchmal Zeit braucht, bis die Pointen ankommen. Hat sie so nicht gesagt, aber sicher gedacht.

Als uralte Oma (sagte sie 78?) im Blümchenkleid - in Nullkommanix hinterm Paravan umgezogen - erzählt sie tatternd und zitternd einige ziemlich schlüpfrige Geschichtchen, wie die, dass sie all ihre Klamotten aus denen sie herausgewachsen war, entsorgt hat. Bis auf die String-Tangas, die braucht sie nun als Zahnseide. Wow, das hat weh getan! Es bleibt nicht die einzige Zote, doch das muss man/frau erst mal können, so übers Älterwerden zu kalauern.

Irgendwelchen Trends zur ewigen Jugend zu folgen ist nicht ihr Ding. Kommentar der 55-Jährigen: "Wer der Herde folgt, der sieht nur Ärsche." Vielmehr rät sie, sich rechtzeitig nach der richtigen Senioren-WG umzusehen. Es sei wichtig, passende Mitbewohner zu finden, schärft sie dem Publikum ein. WG-Erfahrung haben ja wohl die meisten, doch wer wolle nochmal zurück in die damaligen Kommunen. "Finger hoch, wer nochmal 18 sein möchte!" Die Hände bleiben unten. Sie zieht aberwitzige Parallelen, geizt nicht mit kauzigen Anekdoten und schafft es in kürzester Zeit, hinterm Paravan in neue Rollen zu schlüpfen und sich in eine neue knallbunte Type zu verwandeln. Wobei die gelenkige Frau im Leopardendress sicher die Bleibende ist. Zwischen den einzelnen Verwandlungen greift sie zur Gitarre, zeigt, dass sie auch als Sängerin hätte Karriere machen können. Und als Tänzerin sowieso. Sie legt eine Knarzende-Gelenke-Breakdance-Nummer hin, die ihr Jüngere erst mal nachmachen sollten. Der Applaus will kein Ende nehmen, erst nach drei Zugaben ist das Publikum zufrieden.
Blanche Mamer, 23.09.2019