Presse

Di, 11.02.2020
20.00 Uhr
Klassik

Italienische Interpretationen

Veranstaltung: 
Strauss, Schönberg, Brahms
Künstler: 
Sestetto Stradivari
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Sestetto Stradivari aus Rom setzt bei Richard Strauss und Brahms auf große Gesten und erzählerische Lebendigkeit. In der Auffassung des Ensembles vom deutsch-österreichischen Klangideal spielen atmosphärische Elemente eher eine Nebenrolle

Wer kennt den Namen nicht: Stradivari gilt als Inbegriff höchster Instrumentenbaukunst, der italienische Meister wird geradezu mystifiziert. Es sind großartige Instrumente, die in Cremona erschaffen wurden, doch ihr Klang hängt auch von den spielenden Musikern ab. Das Sestetto Stradivari aus den Reihen des Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom muss daher ebenso an der Ensemble-Homogenität arbeiten, wie Musiker mit Instrumenten anderer Werkstätten.

Im Bosco präsentierte das Streichsextett am Dienstagabend eine große Bandbreite an stimmigen Klangbildern, wobei die inhaltliche Materie doch sehr viele Gemeinsamkeiten aufwies. Brahms war sowohl für Richard Strauss wie für Arnold Schönberg ein großes Vorbild. Die Spätromantik von Strauss war wiederum für Schönberg im frühen Werk „Verklärte Nacht“ von großer Bedeutung. Die engen Verquickungen waren also nicht zu überhören, selbst wenn das italienische Ensemble seine eigene Auffassung des deutsch-österreichischen Klangideals mitbrachte. Das fiel in der umgekehrten Chronologie der Werke im Programm deutlich auf.

Schönbergs schillernde Oberfläche, gepaart mit einer mysteriösen Atmosphäre, erklang hier überraschend hell, zumal die Besetzung ja eher die dunklen, warmen Register fokussiert. David Romano und Merlène Prodigo an den Violinen, Raffaele Mallozzi und David Bursack an den Bratschen sowie Diego Romano und Sara Gentile an den Celli blieben im Grunde der orchestralen Substanz treu. Das ist nicht ganz falsch, ist doch gerade der „Verklärten Nacht“ ein gewisser sinfonischer Anspruch immanent. Macht man sich aber mit dem gleichnamigen Gedicht von Richard Dehmel vertraut, findet man ein Szenario vor, das mehr Intimität vertragen hätte. Die Atmosphäre in dem Liebesgedicht wandelt sich stark: Die kühle Mondesnacht zu Beginn ist voller dunkler Vorahnungen. Als die Frau ihrem Begleiter eröffnet, ein Kind von einem Anderen zu erwarten, vollzieht seine überraschende Antwort eine extreme Umkehr: Die Wärme zwischen ihnen werde das Kind verklären, „Du wirst es mir, von mir gebären“, dichtete Dehmel. Schönberg hat zwar nicht die Geschichte erzählt, sondern sich mehr Naturbildern und der Atmosphäre zugewandt. In der Interpretation des Sestetto hätte das Changieren zwischen düsteren Befürchtungen und erlösender Schönmelodik dennoch mutiger ausfallen können, selbst wenn die Dramaturgie dann nicht gar so geschmeidig ausgefallen wäre.

Bei Strauss wäre das durchaus angebracht gewesen. Das Streichsextett aus seiner Oper „Capriccio“ ist eine musikalische Liebeserklärung, wenn auch eine versteckte. Die Hoffnung, die Angebetete werde sie erkennen, ist das zentrale Spannungsmotiv des Stücks. Dieses theatralische Element vermochten die sechs Instrumentalisten aus Rom mit viel Emotionalität auszufüllen. Die weit gespannten melodischen Bögen, die sonst für Gänsehautmomente sorgen, schwächte das Ensemble allerdings zugunsten von farbiger Frische und erzählerischer Lebendigkeit ab.

Das setzte sich auch bei Brahms fort. Warum er seine frühen Streichquartette vernichtete und sich der größeren Besetzung zuwandte, kann man nur mutmaßen. Möglich wäre, dass der Romantik die Feinsinnigkeit der kleineren Besetzung allzu harmlos erschien. Aber das spätere der beiden Sextette, das G-Dur-Werk op. 36, ist doch wieder ausgesprochen kammermusikalisch formuliert. Es ließ allerdings in der Interpretation des Sestetto Stradivari die warmtonige Atmosphäre vermissen. Die oft als rückständig gewertete Klangpatina des Komponisten interessierte die Musiker weniger, sie zogen doch die orchestrale Variante vor – was große Gesten, effektvolle Aufschwünge und packendere Tempi bedeutete. Das Trio im Scherzo war dann der Höhepunkt tänzerischer Ausgelassenheit. Die Gesänge in den langsamen Passagen waren zwar voll empfindsamer Schönheit, doch eher im konzertanten Sinne und weniger aus der Ensemblesubstanz heraus. Das Publikum war begeistert und bekam einen Satz des Streichsextetts „Souvenir de Florence“ von Tschaikowsky als Zugabe.
Reinhard Palmer, 13.02.2020