Presse

Sa, 11.05.2019
19.00 Uhr
Schauspiel
Sonstiges

Lust am Experiment

Veranstaltung: 
"Katzelmacher" von Rainer W. Fassbinder
Künstler: 
Theaterjugendclub SpielLust
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Der Gautinger Theaterjugendclub hat sich für seine Premiere Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" ausgesucht. Im Bosco reißen die jungen Schauspieler das Publikum mit ihrem Enthusiasmus mit

"Katzelmacher" bedeutet ursprünglich Kesselmacher. Sie gehörten meist zum fahrenden Volk, sodass die Bezeichnung bereits Mitte des 18. Jahrhunderts als Schimpfwort gebraucht wurde. Seit den 1960er Jahren wurde es in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz abschätzig für Gastarbeiter aus Südeuropa benutzt, für Italiener, Griechen, Spanier. Die Geschichte von Jorgos, dem "Griech' aus Griechenland", den die Unternehmerin Elisabeth Plattner als billigen Arbeiter hergeholt hat und der von Anfang an von der Belegschaft und den Bewohnern des Münchner Vorortes gehasst und dann vertrieben wird, hat der Regisseur und Autor Rainer Werner Fassbinder 1967 geschrieben. Das Theaterstück ist heute so aktuell wie damals. An die Gastarbeiter hat man sich gewöhnt, heute sind die Flüchtlinge die verhassten Katzelmacher.

Der Gautinger Theaterjugendclub "SpielLust" hat sich das ambitionierte Stück für seine allererste Aufführung ausgesucht. Unter der professionellen Leitung von Sebastian Hofmüller und Lucie Mackert haben sich 18 junge Leute von 12 bis 20 Jahren das Theaterprojekt erarbeitet und mit großem Erfolg aufgeführt. Am Samstag war Premiere im Bosco. "Wir möchten den Erlebnisort Theater für Jugendliche öffnen", hatte Hofmüller vor einem Jahr versprochen und vom Herbst 2018 an mit der Truppe geprobt.

Das Motto "Theater macht stark" hat sie beflügelt. Einmal in der Woche haben sie für etwa drei Stunden an dem Stück gearbeitet und ausprobiert, was geht. Haben festgestellt, wie Gruppendynamik im guten Sinn und Teamarbeit funktionieren. Sicher, der Anspruch war groß, der Text ist heftig. Fassbinder war bekannt für seine oft derben Sprüche und aggressiven Zitate, die nicht weit entfernt sind von den hässlichen Aussagen der Rechten von heute. Es geht also um Szenen, die von Unverständnis und Ausgrenzung handeln, von Fremdenhass und Vertreibung. Man nimmt Jorgos übel, dass er da ist, dass Marie in ihn verliebt ist. Ihr nimmt man übel, dass sie so einen wie ihn anschaut. Wobei das Verhältnis selbst nicht unproblematisch ist, schließlich hat er daheim in Griechenland eine Frau und zwei Kinder, auch das wieder Anlass zu Häme und Hass. Die Mechanismen von Konkurrenz und Gruppenzwang werden in der Story schnell erkennbar. "Eine Ordnung muss wieder her", beschließt die Bande. Die Pläne, den Außenseiter loszuwerden, reichen bis zum Mord. Doch dazu kommt es nicht, der Griech' wird verprügelt und fortgejagt. Wegzugehen - das hatte er selbst schon vor. Denn Elisabeth, die Fabrikbesitzerin, wollte ihm einen noch billigeren Türken zur Seite stellen. Und das geht ja gar nicht!

Anfangs ist es schwierig die Jugendlichen zuzuordnen. Auch weil sie einige Zeit brauchen, bis sie sich frei gesprochen haben und laut und deutlich genug sind. Sie sind nur als Ensemble greifbar, auch wenn einige herausragen, wie die schwangere Helga, die freundliche blumenbekränzte Marie, die strenge Elisabeth oder die singende Inge. Klar erkennbar ist die Begeisterung der Truppe, die Lust am Spielen. Und ja, im Publikum sitzen nicht nur Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde, die natürlich nicht mit Applaus geizen, sondern auch Theaterfreunde, die am Experiment interessiert sind. Auch sie lassen sich vom Enthusiasmus mitreißen. Und Hofmüller verkündet, dass in den Faschings- und Osterferien im kommenden Jahr wieder Theaterworkshops geplant sind.
Blanche Mamer, 14.05.2019