Presse

So, 10.03.2019
20.00 Uhr
Schauspiel

Magie und Grauen

Veranstaltung: 
„Alice“ nach Lewis Carrolls "Alice im Wunderland"
Künstler: 
Metropoltheater München
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Metropoltheater München verzaubert die Zuschauer im Gautinger Bosco mit seiner Inszenierung von "Alice", einer kühnen Mischung aus Musiktheater, Musical, Jahrmarkt und Drama

Die Bühne im Bosco ist um die ersten Stuhlreihen vergrößert, schwarz ausgeschlagen, bedrohlich dunkel. Eine seltsame, metallisch glänzende und runde Konstruktion nimmt die Mitte der Bühne ein, ein Rad oder auch eine senkrechte Drehscheibe, in der Öffnungen mal zu Türen, mal zu Fenstern werden. Ein Schicksalsrad. Und Durchgang für das Mädchen Alice von der realen Welt in die Traumwelt, in den dunklen Wald, ins Ungewisse, Unbewusste. "Alice" basiert auf einem Album des Rockmusiker Tom Waits von 1992 und einer Inszenierung von Regisseur Robert Wilson und Texterin Kathleen Brennan. Darin hatten sie das Leben von Charles Dodgson, der unter dem Namen Lewis Carroll "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln" geschrieben hat, mit dessen Obsessionen für das Mädchen Alice Liddell verwoben.

Das Metropoltheater unter der Regie von Philipp Moschitz ist nun an drei aufeinanderfolgenden Abenden mit dem Stück im Gautinger Bosco zu Gast und wird, das soll gleich verraten werden, bei der ersten Aufführung am Sonntag frenetisch gefeiert. Es ist ein ganz neues Erlebnis, nicht nur Theater, Musiktheater, Musical, Singstück, Jahrmarkt - es ist alles zusammen und es ist magisch. Das Publikum ist verzaubert.

Schon die erste Szene ist eine Fotosession. Die kleine Alice und ihre Puppe werden von einem alten schwabbeligen Dodgson geblitzt, der, das ist durch die Forschung verbürgt, von ihr und ihren Freundinnen, die mal mehr, mal weniger bekleidet waren, zahlreiche Aufnahmen gemacht hat. Immer wieder wird Carrolls Passion für Alice thematisiert, und mehr als einmal steht Pädophilie im Raum: "Ich mach' alles, was er will", sagt Alice, und so echoen auch die Stimmen. Ganz gleich ob Thomas Schrimm, der eine wunderbar bluesige Stimme hat, Dodgson ist oder das weiße Kaninchen, eine Blume, der Fotograf oder der weiße Held, er bestimmt das Tempo und den Fortgang der Geschichte. Alice ist immer doppelt auf der Bühne, als junges Mädchen, gespielt und mit zauberhafter Stimme gesungen von Vanessa Eckart, und als lebensgroße Puppe, die ihr Abbild als Kind ist. Beide bewegen sich fast synchron, sind die meiste Zeit wie miteinander verwachsen. Nur ab und an lässt Alice ihr jüngeres Alter Ego los. Sie steht mitten drin in der Geschichte, ratlos, "wer bin ich?" fragend, suchend, umherirrend. Sie ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Sie weiß, dass sie sich im Wald verirrt hat und nun den Sinn des Zauberworts "Jabberwocky" finden muss. Die surrealen Wesen aus den beiden Büchern versuchen, mit unsinnigen Dada-Reimen Hinweise zu geben und dem Mädchen mit zirkusreifen akrobatischen Nummern im sich drehenden Rad auf die Sprünge zu helfen oder es auch nur noch mehr zu verwirren.

Doch Alice ist weiterhin unwissend, verwundert. Und dann kommt die Königin, die in ihrem ganzen Auftreten, ihrem Ton-in-Ton-Outfit, obligatorischem Hut und Handtasche, wie auch dem etwas gebeugten Gang schon sehr an die gute alte Queen Lilibeth erinnert. Doch Ihre Majestät, genial gespielt von Maria Hafner, ist eine Böse, will Köpfe rollen sehen. Ohne die Lösung des Rätsels geht nichts, sie steigt ins Rad und schaut den weiteren Ereignissen von oben herab zu.

Dass der junge Dodgson, der ja nach dem Willen seines Vaters Geistlicher hätte werden sollen, nicht aus dem Nichts zum Stotterer und Kinderfreund wurde, macht ein Tanz von Pfarrer und Ministranten im rotweißen Ornat deutlich. Und dann sind die Schreie eines Kindes zu hören. Klarer geht es wohl kaum. Eine Stimme aus dem Off sagt: "Sei brav, niemand hilft dir in der Not!" Es ist nun sehr still im Zuschauerraum. Es gibt etliche dieser unheimlichen aufgeladenen Szenen, die auch dem Letzten im Publikum jede Nachsicht mit Carroll nehmen. Die Beziehung zwischen dem unglücklichen Autor und dem Mädchen Alice kann nun nicht mehr als unschuldig durchgehen. Auch wenn sie zum Schluss ein verträumtes Solo singt und sich wohlzufühlen scheint.

Die Musik von Tom Waits, die Choreographie von Katja Wachter, die unsichtbaren Musiker der Band von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg, das weitere Ensemble mit Nathalie Schott, Nick Robin Dietrich, Sebastian Griegel und Patrick Nellessen - alle sind großartig.
Blanche Mamer, 12.03.2019