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Presse

 

MAZ ab!

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg

Die neue Online-Reihe im Bosco startet mit einem Konzert der Ludwig-Seuss-Band und des Duos Berthold und Berchtold. Allein bei der Live-Sendung am Freitagabend sind mehr als 400 Zuschauer eingeloggt

Das Bosco ist hellbeleuchtet. Nach Monaten des Lockdowns scheint endlich wieder Leben in der Bude zu sein, pardon, im großen Saal des Gautinger Kulturhauses. Große Aluminiumtruhen stehen aufgereiht im Foyer. Dazwischen liegen Rucksäcke, Lunchboxen und Steuerungsgeräte. Von der Bühne sind Instrumente zu hören. Im Saal laufen die letzten Vorbereitungen für das erste Konzert, das im Internet auf „Gauting. Live“ übertragen wird. Und bis zur kommenden Veranstaltung am 26. Februar online zu sehen ist. Auf dem Programm: Ludwig Seuss und seine Band und im zweiten Teil Erik Berthold und Stefan Berchtold von The Peacemakers.

Man spürt aufgeregte Premierenspannung. Der Raum wurde in ein Aufnahmestudio verwandelt, an der rechten Seite ist eine Kabine aufgebaut, mehr oder weniger schalldicht sitzt hier Benjamin Hüttner, der für die Tonregie zuständig ist. Bei ihm laufen alle Kameras und der Sound zusammen. Drei Kameramänner hasten herum, probieren beste Positionen aus. Hinter Monitoren, die nebeneinander auf einem langen Tisch aufgereiht und mit den Kameras verbunden sind, kontrollieren Veranstaltungstechniker die Bilder. Insgesamt besteht das Team aus 25 Leuten, wie Moderatorin und Mitinitiatorin Christina Tewes-Gradl später berichten wird.

Und dann ist es so weit, kurz vor 20 Uhr. „Noch drei Minuten“, sagt der Toningenieur, noch eine Minute, dann zählt er ab: „Fünf, vier, drei, zwei, eins, MAZ ab!“ Die Moderatorin im roten Kleid und mit Western-Stiefeln bedankt sich für die Spendenbereitschaft der Gautinger: Mit 11 000 Euro von 150 Geldgebern sei die Erwartung der Organisatoren, die 3500 Euro als Minimum angesetzt hatten, klar übertroffen. Nach einem Grußwort von Bürgermeisterin Brigitte Servatius, die das Bosco für die sechs Abende mietfrei zur Verfügung stellt, ist Seuss dran. Er fände es zwar schöner, vor Publikum zu spielen. Doch für Zuhörer sei es eine neue Erfahrung, daheim auf der Couch sitzend, vielleicht im Pyjama und mit einem Glas Rotwein – das sei doch auch nicht schlecht, plänkelt er. Und erzählt, dass sein erster Auftritt in Gauting im Schlosscafé war, das damals Stefan Berchtold und Jane Höchstetter führten. Dieser erste Gig sei seine beste Erinnerung, selbst wenn er danach unzählige Male in der Gemeinde aufgetreten ist. Nun sitzt er am Klavier mit Schiebermütze und grauem Hemd und legt los.

Gleich greift der Seuss-Stil, eine Mischung aus Piano-Boogie, klassischem Blues, Cajun und Zydeco aus Louisiana und Rock’n’ Roll. Warm spielt er sich mit einem Louisiana Blues, den er seit 30 Jahren im Repertoire hat und auch mit seiner Urband, der Spider Murphy Gang, pflegt. Auffallend: Seine Stimme wird mit den Jahren immer schwärzer, der Kick immer höher, nicht nur bei schnellen Nummern, sondern vor allem beim langsamen Blues. Einen Blues aus New Orleans widmet er dem Gedenken „an einen guten Freund, meinen Klavierlehrer, der letzte Woche verstorben ist“. Die Trauer, das muss wohl so sein, wird durch ein fröhliches Stück abgelöst. Als Seuss zum Akkordeon greift, ist das Südstaaten-Feeling perfekt. Als Special Guest kommt San2 auf die Bühne, der auch bei der geplanten 5. Gautinger Bluesnacht am 7. Juli auftreten wird – falls sie stattfindet. Zum Schluss spielen sie gemeinsam das melancholische „How long“, zu dem San2 die Mundharmonika weinen lässt. Doch weil das Publikum immer eine Zugabe verlangt, gibt es noch die schnelle Nummer „Drink of Tangerine“. Ach ja, das Konzert online ist eine tolle Idee, doch man sehnt sich nach einem Live-Auftritt.

Nach Seuss ist es nicht einfach für Erik Berthold und Stefan Berchtold, doch ihr Irland- und Westcoast-Sound kommt gut an. Auch Erik erzählt von seiner Ankunft in Gauting, als 16-Jähriger, den ersten Band-Proben im Keller des JuZ und den Faschingsfeiern im damaligen katholischen Don-Bosco-Heim, das sich zum Kulturhaus Bosco mauserte. Neben irischen Country-Songs wie „Early morning rain“ spielt er Lieder von Johnny Cash („The Highwayman“), Bob Dylan und John Prine („Paradise“), der im Frühjahr 2020 an Corona gestorben ist. Für Mitorganisator Dirk Loesch von den Grünen ist der Start gelungen. Gut 400 Menschen waren bei der Live-Sendung eingeloggt. Er geht allein am Wochenende von zirka 1000 Zuschauern aus. Und gespendet wird auch kräftig. Stand am Sonntagmittag: rund 13 600 Euro .

In zwei Wochen, Freitag, 26. Februar, 20 Uhr geht es weiter mit „Gauting. Live“: Kabarett von Faltsch Wagoni und den BusStop Rokkers.

15.02.2021, Blanche Mamer