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Presse

 

Nachhaltig – aber wie?

Erschienen in:   Starnberger Merkur

Reihe „Architektur im Bosco“: Gemeinderäte diskutieren über den Weg in die Zukunft.

Mit den Gemeinderäten Stefan Berchtold (Menschen für Gauting), Dr. Matthias Ilg (Grüne), dem Drittem Bürgermeister Markus Deschler (FDP), Max Platzer (CSU) und Dr. Carola Wenzel (SPD) diskutierte Moderator Dirk Lösch in der Reihe „Architektur im Bosco“ Gautings Weg in eine klimaneutrale Zukunft. Mit nur 15 Interessierten war der Bosco-Saal am sonnigen Sonntagnachmittag allerdings nur spärlich besucht – trotz des aktuellen Themas und der hochkarätigen Besetzung.

Große Chancen mit Wertschöpfung vor Ort sieht Grünen-Vertreter Ilg in der lokalen Energieversorgung. Er erinnerte an den einmütigen Gemeinderatsbeschluss zur Windkraft: „Da ziehen wir alle an einem Strang.“ Und zur Wohnbebauung etwa in Buchendorf gebe es „Superabstände“, ergänzte Stefan Berchtold.

Max Platzer warnte vor dem Szenario, dass sich die Windkraftgegner durchsetzen. In diesem Fall gebe es „keine Beteiligungsoption“, und die Gemeinde verliere ihre Planungshoheit. Dann kämen privilegierte Windräder von Investoren „überall hin“, ohne jeglichen Profit für die klamme Gemeinde. Carola Wenzel bezeichnete Windkraft und Solarenergie als „Leuchttürme“ für die lokale Energieversorgung. Mit der Firma Sinn Power und ihren weltweit patentierten Agri-PV-Anlagen (wir berichteten) sei man auch auf einem guten Weg für die lokale Landwirtschaft, so Ilg.

Einen Stolperstein für die energetischen Sanierungen öffentlicher Gebäude stellen die hohen Kosten und die Urheberrechte der Architekten dar. Als Beispiel nannte Platzer das 1975 fertiggestellte Gautinger Rathaus mit den zugigen Fensterfronten. Ilg wies darauf hin, dass man nicht immer auf die Gemeinde zeigen müsse. „Jeder kann in seinem Privatgarten sofort mit Kompost und verbesserter Bodenqualität loslegen statt den Rollrasen auszurollen und Tiefgaragen zu bauen“, sagte Ilg. Carola Wenzel plädierte für „bezahlbaren Wohnraum“ in aufgestockten Lebensmitteldiscountern.

Markus Deschler fand, dass die CO2-freie Zukunft Gautings näher rückt, dank Fernwärme aus bereits geplanter Geothermie und lokaler Wertschöpfung der Einzelhandelsgeschäfte, die kurze Wege ermöglichen. Ilg machte sich für das Fortbewegungsmittel Fahrrad stark. Er wünschte sich, „überall sicher mit dem Rad hinkommen“. Er richtete den Blick in die Zukunft und forderte eine „rasche Verkehrswende am Ort, mit einem dichten Angebot an autonom fahrenden Autos für mehrere Nutzer“.

Berchtold blickte voraus auf das Jahr 2044 und erklärte: „Gauting wird sich mehr urbanisieren.“ Der Normalverdiener werde nach seiner Ansicht in Gauting kaum mehr wohnen können. Kommunale Einrichtungen wie Schwimmbad oder Bosco funktionieren laut Berchtold künftig mangels Geld nur noch über Bürgerstiftungen. Als weiteres Zukunftsproblem nannte er „verarmte Rentner“.

„Warum verzichten Sie nicht auf Baurecht am Würm-Westufer in Stockdorf?, fragte Zuhörerin Maja Zorn von der SPD die versammelten Gemeinderäte. „Das ist ein Abwägungsprozess“, erläuterte Berchtold. Für die Zukunft wünsche sich die Mehrheit im Gemeinderat auf dem Privatgrundstück nämlich auch einen Mehrwert mit Kindergarten und bezahlbarem Wohnraum

Der Bevölkerungszuwachs sei keinesfalls „nachhaltig“, bemerkte ein Zuhörer und kritisierte insbesondere die dicht bebaute Villengrundstücke mit den explodierenden Preisen. „Wir können keinen Zaun um Gauting ziehen“, erwiderte Berchtold. Und Platzer ergänzte: Mit dem Neubaugebiet am Patchway-Anger plane der Gemeinderat bereits zahlbaren Wohnraum für Erzieherinnen, Polizisten, Feuerwehrleute und auch Pflegepersonal.

08.05.2024, Christine Cless-Wesle