Presse

Fr, 07.02.2020
19.30 Uhr
Diskussion

Schöne Visionen ohne Finanzierungszusagen

Veranstaltung: 
Wia schaugts aus?
Künstler: 
Bayern ist ein Kulturstaat
Erschienen in: 
Starnberger Merkur
Mögliche Gemeinderatskandidaten sprechen im Bosco über die Kultur, den Bahnhof und mehr

Bayern ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat. So steht es in der Verfassung. Aber „Wia schaugt’s aus?“ mit der Kultur im Alltag. Was bedeutet das für die Gemeinde? Das wollte die Kulturplattform vom Gautinger Theaterforum mal genauer abklopfen und so hat sie diejenigen zur Diskussion ins Bosco gebeten, die im Gemeinderat sitzen oder dort hinein wollen, und die über die künftige Nutzung des leer stehenden Bahnhofs und die Finanzierung von Kunst und Kultur entscheiden werden. Gekommen sind alle, Wahlkampf sei dank. Gestritten wurde nicht. Noch nicht mal kontrovers diskutiert.

Auf dem Podium saßen Stefan Berchtold (MfG/Piraten), Victoria Beyzer (FDP), Annette Derksen (Bündnis 90/Die Grünen), Jasmin Klingan (UBG), Marion Roßberger (CSU), Harald Ruhbaum (MiFü, die Gruppierung Miteinander Füreinander) und Dr. Carola Wenzel (SPD). Flankiert wurde die Runde von zwei Experten aus der Praxis, dem Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler, der sagt, dass „Oberbayern europaweit als Kulturraum wahrgenommen wird“, und dem Kinobetreiber Matthias Helwig, der neben dem Gautinger Bahnhof ein Kino gebaut hat.

Moderiert wurde das Gespräch von den beiden Journalisten Thomas Lochte und Sabine Zaplin, die auch klare Spielregeln aufstellten. Redezeit pro Fragerunde nicht länger als drei Minuten für jeden, Keine Publikumsfragen.

Wie halten sie es mit der Kultur künftig? Ist der Kulturbahnhof ein Ziel oder eine Verladerampe? Mit diesen Fragen ging es los. Klingan ist diplomatisch. Die UBG sehe dort „einen Platz für die Gemeinschaft“. Die Finanzierung ist aber unklar. „Wir haben definitiv andere Pflichten.“ Ruhbaum fordert ein Konzept der Bürger, Derksen gibt den Ball an die Gemeinde weiter, „die Spielräume ermöglichen muss“, und Beyzer will den „identitätsstiftenden“ Kulturbahnhof für die Jugend erhalten, „um sich auszuprobieren“. Wenzel weigert sich, über Geld zu sprechen. „Das tötet alles.“ Berchtold will den Bahnhof in Bürgerhand geben und Roßberger sagt: „Wir sind dazu aufgerufen mitzumachen.“ Göttler sieht in einem Kulturbahnhof eine Riesenchance für den Ort, nimmt den Staat aber nicht in die Pflicht. „Der Staat muss nicht Kommunales machen.“ Alle sind sich zunächst einig, dass Kultur und andere Pflichtaufgaben der Gemeinde gleichrangig seien. Für Wenzel ist Kultur das „Rückgrat einer Gemeinde“, Klingan findet aber Kinderförderung noch wichtiger und Norbert Göttler ist überhaupt kein Freund von staatlich finanzierten Kulturhäusern. Sein Negativbeispiel: „Im Literaturhaus München ist kein Platz für lokale Literaten.“

Stichwort Erinnerungskultur. „Ein wichtiges Thema“, betont Beyzer. Sie findet, „der Bürgerbahnhof wäre dafür ein wunderbarer Platz“. Gleicher Meinung ist Jasmin Klingan. Derksen hätte lieber dort ein großes Heimatmuseum. Sie ist Lehrerin und sagt: „Das ist ein toller Lehrraum.“ Für Wenzel wäre dort ein Ortsmuseum möglich. Göttler dagegen warnt davor. Er weiß aus Erfahrung, dass solche Institutionen – sein Beispiel waren die Denkmalpflegeeinrichtungen der 1980/90er Jahre – später auch wegen Personalmangels vor sich hindümpeln. Er will lieber Bestehendes ertüchtigen.

Schlussfrage: „Was würden Sie für die Kulturgemeinde Gauting anpacken?“ Roßberger will bewahren und fördern, was man hat. „Gauting hat ein buntes Kulturleben.“ Berchtold will die Kräfte der Region bündeln und beim Bahnhof „sofort in die Pötte kommen“, Wenzel möchte den Bahnhof nicht für die Hochkultur herrichten, sondern für die Vereine, eventuell auch als Bibliothek/Archiv, und Helwig hat für das gesamte Areal neben seinem Kino die Vision einer „Piazza“.

Das Schlusswort sprach Jasmin Klingan. „Kunst und Kultur ist das, was uns ausmacht. Gemeinsam sind wir stark.“ Fazit der Moderatoren: Kultur ist der soziale Kitt der Gesellschaft.
Astrid Amelungse-Kurth, 10.02.2020