Presse

Sa, 25.05.2019
16.00 Uhr
Kinder
Musik

Sehnsucht nach Liebe

Veranstaltung: 
Das Familien-Musical
Künstler: 
Oliver!
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Mehr als 80 Kinder singen und tanzen im Bosco die Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist. Das Stück der Gautinger Musikschule besticht durch eine professionelle Inszenierung

Der Vorhang öffnet sich, langsam schlurft ein Zug ärmlich bekleideter barfüßiger Kinder auf die Bühne. Die Gesichter voller Dreck besingen die Waisen ihre Sehnsucht nach Nahrung. „Brot, herrliches Brot“ schallt es eindringlich durch das voll besetzte Gautinger Bosco. Es ist Premierenabend von „Oliver!“, der Musical-Produktion der Musikschule Gauting-Stockdorf. Und die eindrucksvolle Eröffnungsszene ist nur der Beginn eines Feuerwerks für Augen und Ohren.

Von der ersten bis zur letzten Sekunde begeisterten die Darsteller mit einer sehr professionellen, kurzweiligen und perfekt inszenierten Aufführung. Lionel Barts hat das Stück nach Charles Dickens Roman „Oliver Twist“ geschrieben und die Musik dazu komponiert. Der Stoff schrie geradezu danach, auf die Bühne gebracht zu werden. Seit der Uraufführung 1960 gab es zahlreiche Adaptionen. Bei „Oliver!“ geht es um einen Waisenjungen, der im Heim schlecht behandelt wird, sich nach Liebe sehnt. Über Irrwege wird er Mitglied einer Diebesbande, dank seines freundlichen und ehrlichen Wesens wird er am Schluss gerettet und findet sogar seine Familie.

Die Gautinger Musikschule, die alle zwei Jahre ein Musical produziert, hatte „Oliver!“ vor allem wegen der Möglichkeit ausgesucht, besonders viele Darsteller in unterschiedlichen Altersklassen zwischen sechs und 18 Jahren auftreten zu lassen. Mehr als 80 Sänger und Tänzer sowie das Orchester und viele Helfer auf und hinter der Bühne waren beteiligt.

Es ist ein anspruchsvolles Stück, das Regisseurin Heidrun Müller-Witzani und der musikalische Leiter Philipp Weiß auf die Bühne gebracht haben. Die Sänger müssen schwierige Tonfolgen bewältigen. Der Reiz der Melodien liegt im Unerwarteten. Halbtonschritte und Sprünge, die sich nicht an die Harmonielehre halten, geben den Liedern Spannung.

Wunderbar begleitet wurden sie vom neunköpfigen Bläser-Orchester, das von Weiß dirigiert wurde. Am rechten Bühnenrand tafelten am üppig gedeckten Tisch Heimleiter Mr. Bumble (Paul Matthes) und Mrs. Corney (Klara Götze). Die Solorollen hatte die Regisseurin größtenteils doppelt besetzt. Jeweils zwei von vier Vorstellungen gab es für jeden Solisten. Bei der Premiere sang die zehnjährige Inessa Wunderl den Oliver. Sie überzeugte mit ihrer klaren, hellen Stimme, die mühelos auch höchste Töne traf. Szenenapplaus gab es für Johanna Zacherl als Nancy. Sie bewies die Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme mal beim Gassenhauer „Um-Pa-Pa“, dann wieder beim sanften Liebeslied „Wenn Bill mich will“. Adrian Thieler als Gauner Mr. Fagin brachte neben der starken Stimme schauspielerisches Talent auf die Bühne. Herrlich wie er mit seinen geraubten Schmuckstücken spielte und ihnen Namen („Ruby“, „Pearl“) gab. Die Bandbreite des Bösen zeigten Florian Golda als gefährlicher Mörder Bill Sikes und Regina Zagler als charmanter Langfinger Artful Dodger auf.

Zu einem gelungenen Musical gehört natürlich auch Tanz. Bei „Oliver!“ übernahmen die Tänzerinnen und Tänzer der Gautinger „Deva Dance School“ diesen Part. Dabei setzten sie der Szenerie aus dem 19. Jahrhundert akrobatische Breakdance- und Hiphop-Elemente entgegen. Füße und Ellenbogen nach außen – schiefe und gewollt lässige Positionen statt der geraden Körperhaltung beim klassischen Tanz brachten einen ganz besonderen Schwung auf die Bühne.

Beim Bühnenbild setzte Susanne Köhler auf multifunktionale Elemente, die mit wenigen Handgriffen, ein paar Accessoires und Projektionen rasch verändert werden konnten. So wandelte sich die Bühne, auf der im Hintergrund ein Gerüst aufgebaut worden war, in einen Speisesaal, in einen Marktplatz, Dachboden oder sogar zur Tower Bridge.

Weitere Vorstellungen von „Oliver“ sind im Gautinger Bosco, Oberer Kirchenweg 1, am Samstag, 1. Juni, und Sonntag, 2. Juni, jeweils um 16 Uhr sowie am Donnerstag, 30. Mai, um 10 Uhr auf dem Programm.
Patrizia Steipe, 27.05.2019