Presse

Do, 24.01.2019
20.00 Uhr
Kabarett

Verzicht macht Spaß

Veranstaltung: 
aber bitte mit ohne
Künstler: 
Martin Zingsheim
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Kabarettist Martin Zingsheim erzählt im Bosco aus seinem Leben als vierfacher Vater - genug Stoff für ein ganzes Programm

"Schaffen Sie sich Kinder an, das ist die Reduktion auf das Wesentliche - auch finanziell", rät der Kabarettist Martin Zingsheim seinen Zuhörern am Donnerstag im Bosco in Gauting. "Aber bitte mit ohne" lautet der Titel seines Programms, das peripher aber doch auch gewollt an Udo Jürgens' mehr als 40 Jahre alten Schlager "Aber bitte mit Sahne" erinnert. Anders als damals, ist heute Verzicht das, was zählt. Und Verzicht führt grundsätzlich zur Reduktion. Zingsheim hat vier Kinder, er muss es also wissen. Von ihnen lernt er die wirklich wichtigen Dinge des Lebens und nutzt ihre Aussprüche, Wahrheiten und Weisheiten für etliche Anekdoten seiner Kabarett-Texte. Zum Beispiel soll einer seiner Söhne zur Oma gesagt haben: "Oma, deine Wohnung gefällt mir so gut. Kann ich die mal haben?" Die Oma habe sich gefreut und geantwortet, "ja sicher, nach meinem Tod." Sagte der Kleine: "Und wann?"Zingsheim erzählt solche Storys wie nebenbei, bekommt eine Menge Szenenapplaus, aber manchmal auch keine Reaktion. Dann wartet er kurz, äugt ins Publikum, das an seinen Lippen hängt und vorwiegend aus Senioren besteht. Wenn die erwarteten Lacher ausbleiben, entstehe beim Mann auf der Bühne Stress, sagt er. Dann helfe die von Psychologen empfohlene paradoxe Reaktion: sich einfach flach auf den Boden zu legen. Später am Abend probiert er das aus, liegt flach, zehn, 20, 30 Sekunden. Dummerweise hat sein Kumpel, der ihm den Rat gegeben hatte, nicht gesagt, wie lange er liegen bleiben solle . . .

Zurück zum Verzicht. Zingsheim, der aus Köln stammt und gerne seine Landsleute parodiert - denn das kommt in Bayern immer an - erläutert den Wahnsinn, den der Verzicht impliziert. Der Veganer zum Beispiel, der nichts vom toten Tier essen und benutzen will, mache sein Müsli mit Palmöl an, vergesse dabei gern, dass dessen Herstellung nur ermöglicht wird durch die Plantagen, für die wiederum das Abholzen von Tausenden von Quadratkilometern Regenwald nötig ist, wodurch der Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen zerstört wird. Theoretisch ist das zwar den meisten Zuschauern bekannt, doch in dieser Würze rüttelt es auf. So wie die Sache mit dem Müll und den überflüssigen Plastikverpackungen. "Es gab doch mal Seife als Stück", erinnert Zingsheim. Es gebe auch Shampoo als Stück, doch das kennen nur die wenigsten. Vom Flüssigseifenspender ist es nicht weit zur Biogurke, eingeschweißt in eine Plastikhülle, wie in eine Burka quasi, eine Gurka also. Das sei notwendig, damit die Biogurke nicht durch die normale, heißt, die konventionell angebaute Gurke kontaminiert werde, habe ihm die Verkäuferin gesagt. Solche Alltagsabsurditäten bringt Zingsheim einfach schön zusammen und während der Pause nach mehr als einer Stunde, sieht man an der Bar fast nur schmunzelnde und in sich hinein grinsende Gesichter.

Danach kommt der Mann aus Köln zum Politischen. Er hätte sich so auf Jamaika gefreut. Wolfgang Kubicki, Markus Söder und Claudia Roth an einem Tisch und einer Meinung, das wär's gewesen. Vom Berufspolitiker springt er mit Leichtigkeit zum Terrorismus-Experten, zeigt ganz locker auf die Gemeinsamkeiten von katholischer Kirche und Taliban, Papst und Homosexuellen, denkt an Hape Kerkeling als Präsident Trump in der Rolle seines Lebens, an Angela Merkel, die in Wirklichkeit Günter Wallraff ist. Zur Zugabe steht er im weißen Bademantel auf der Bühne und kehrt zurück zu Udo Jürgens mit einem so unnachahmlichen wie witzigen Zusammenbau von mindestens 30 Hittiteln als Rap. Großartig! Doch leider nimmt die Eigenwerbung für seine Bücher und CDs ihm dann ein wenig den Glanz der vergangenen Stunden.
Blanche Mamer, 26.01.2019