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Presse

Zerfurchte Gesichter unter alten Hüten

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Veranstaltung:Spuren der Zeit

Martin Waldbauer rückt mit seiner Ausstellung „Spuren der Zeit“ Würde, Stolz, Zufriedenheit und Verletzlichkeit in den Fokus seiner Bilder.

Es gehe ihm nicht darum, einen Moment festzuhalten, sagt der Fotograf Martin Waldbauer. Vielmehr wolle er zeigen, was das Leben mit einem Menschen gemacht hat. Das ist eine erstaunliche Haltung in einer Zeit, in der viele Menschen exzessiv damit beschäftigt sind, alle Spuren zu beseitigen, die das Leben in ihren Gesichtern hinterlassen hat. Aber Waldbauer lebt auch nicht in Los Angeles, sondern in Hauzenberg im bayerisch-böhmischen Grenzland. Ganz dem Zeitgeist entsprechen seine Bilder dennoch: Er fotografiert analog und schwarzweiß. Rund 15 Aufnahmen aus der Serie „Spuren der Zeit“ sind noch bis Mitte Februar im Foyer des „Bosco“ in Gauting zu sehen. Eine Führung, eine Lesung und ein Film begleiten die Ausstellung.

Es sind mehr als eindrucksvolle Porträtaufnahmen, die Waldbauer in Gauting zeigt. Zerfurchte, faltige und fleckige Visagen. Männergesichter unter alten Hüten, mit buschigen Augenbrauen und wilden Bärten. Einer hat eine deformierte Nase, Zeugnis eines Unfalls oder einer Schlägerei. Auch in die Frauengesichter hat das Leben gezeichnet. Zu viel Sonne, zu harte Arbeit, ein böser Mann. Die Haare noch schnell zum Knoten gebunden oder wenigstens einmal kurz gekämmt. Dennoch: ein bitterer Zug um den Mund, eine stille Traurigkeit in den Augen. Immer sind es die Augen, die am meisten erzählen, die den Vorübergehenden einfangen, festhalten, auch anschreien – und vielleicht manchmal auch abstoßen werden.

Martin Waldbauer fotografiert Menschen aus seinem persönlichen Umfeld. Eine Bäuerin in Kittelschürze und Gummistiefeln bei der Feldarbeit, einen Bauern im „Stallgwand“. Manchmal fährt er aber auch mit dem Auto über die nahe Grenze nach Tschechien und spricht Menschen auf der Straße an, deren Erscheinung oder deren Gesichtszüge ihn interessieren. Es sind Holzfäller oder Arbeiter, denen er erst erklären muss, warum er sie fotografieren will und dass sie sich vorher nicht umziehen oder „herrichten“ sollen. Der Landstreicher mit der schief zusammengewachsenen Nase verstand kein Wort Deutsch. Am Ende aber schaute er doch in die Kamera, frontal, mit großen fragenden und auch misstrauischen Augen, die mehr sagen, als es tausend Worte könnten.

Porträts sind Waldbauers zentrales Anliegen. Bei zwei Bildern aber porträtiert er den Menschen nicht mit seinem Gesicht, sondern mit einer Nahaufnahme seiner Hände: Es sind Hände, die gerade noch gearbeitet haben und nur kurz für den Moment des Fotografierens stillhalten, bevor sie weiter arbeiten. Sie sind schmutzig mit schwarzen Rändern unter ausgefransten Nägeln, schwielig und mit kleinen Verletzungen. Waldbauer interessiert sich nicht für die offensichtliche Schönheit eines Menschen, sondern für die Würde, den Stolz, die Zufriedenheit, die Verletzlichkeit und nicht zuletzt die Vergänglichkeit, die aus seinen Augen, aus seinem Gesicht, seiner Körperhaltung und seinen Händen sprechen. Der Fotograf wählt meist einen engen Ausschnitt, oft so nah, dass nicht einmal der ganze Kopf auf dem Bild ist. Er geht im übertragenen wie auch im tatsächlichen Sinn ganz nah ran. Es ist auch diese unmittelbare Nähe, aus der die Sogwirkung dieser schonungslosen Bilder entsteht.

Waldbauer arbeitet mit zwei Mittelformatkameras im Format 6×6 und 6×7 Zentimeter und einer Großformatkamera mit der Negativgröße von 20×25 Zentimeter. Er muss allein wegen des Materials, das er verwendet, auf den richtigen Augenblick warten. Meistens macht er nur eine oder zwei Aufnahmen von einem Motiv. Das eigentliche Bild aber schafft er in der Dunkelkammer durch die individuelle Bearbeitung des Negativs. Die klassischen Techniken der Analogfotografie hat er sich auf autodidaktischem Weg angeeignet. Er verfügt über ein Spektrum der Bildgestaltung, das den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung sehr nahekommt. Die in der Regel mehrfach getonten Silbergelatineabzüge und die sogenannten Lithprints entstehen zum Teil auf alten Barytpapieren, die er bei Sammlern überall in der Welt kauft. Diese Bromsilberpapiere waren manchmal ein halbes Jahrhundert lang in ihrer Verpackung und verleihen den Bildern eine altmodische Sepiatönung, die an Fotos aus dem 19. Jahrhundert denken lässt. Sie steht in einem irritierenden Kontrast zur Schärfe, ja Überzeichnung der Aufnahmen.

Die Ausstellung ist bis Freitag, 17. Februar, zu den Öffnungszeiten des Bosco-Büros und während der Veranstaltungen zu sehen. Am Sonntag, 5. Februar, führt Martin Waldbauer um 14 Uhr durch die Ausstellung, am 18. Januar findet ein Literaturabend zur Ausstellung mit Peter Weiß und Gerd Holzheimer sowie Texten von Adalbert Stifter statt, am 31. Januar wird der Film „Der wilde Wald“ von Lisa Eder gezeigt.

17.01.2023, Katja Sebald