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Presse

 

Zwei Weißbier und der Klimawandel

Erschienen in:   Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Veranstaltung:Offenes Visier

Der Kabarettist Django Asül erklärt von einem Bistrotisch aus, wie ein Niederbayer die Welt sieht

Gerade noch vor der Corona-Krise hatte er sein neues Kabarettprogramm fertig. Dann sei erst einmal durch die Pandemie bedingt Pause gewesen, sagt Django Asül zu seinem aktuellen Programm "Offenes Visier" am Freitag im Gautinger Bosco. "Pause von was?" habe seine siebenjährige Nichte gefragt. "Arbeitest du neuerdings?", sei es von deren zehnjähriger Schwester gekommen. Ganz schön vorlaut die beiden Töchter seiner Schwester, denen er Nachhilfe gibt, oder besser, die ihm Nachhilfe geben und Mathe erklären. Mit dem unerwarteten Effekt, dass die Hausaufgaben immer gleich gemacht werden, noch bevor der Problem-Onkel  kommt.

Fast wie in alten Zeiten, "Kleinkunst wie in den Neunzigerjahren", begrüßt der gebürtige Deggendorfer mit türkischen Wurzeln, der in Hengersberg aufgewachsen ist und 2011, laut Wikipedia, seinen türkischen Pass abgegeben hat, das Gautinger Publikum. Er bewegt sich nur wenig um den Bistrotisch herum, auf dem ein volles Weißbierglas steht und eine zusätzliche Flasche als Reserve. Denn es gibt keine Pause, der Comedian muss also selbst dafür sorgen, dass seine Kehle nicht zu trocken wird. Mit der Dosierung hat er keine Probleme. Seine zwei Weißbier reichen genau für eineinhalb Stunden, mit dem letzten Schluck ist das Programm zu  Ende.

Jedenfalls kennt er sich aus, sei er doch regelmäßig "Punkt halb elf" beim Stammtisch in einer Hengersberger Wirtschaft, wo er mit seinem Freund Hans und den übrigen Saufbrüdern die Komplexität der Welt und Fragen zur Zeit und zur Zukunft erörtert. Die Zukunft sieht er, wie er später erklärt, als "abstrakte Variante der Münchner S-Bahn: kommt sie, kommt sie  nicht?"

Seine Nichten und sein Freund Hans sind die Fixpunkte, um die seine aktuelle Comedyshow aufgebaut ist. Im Plauderton handelt er die wichtigen Themen der Zeit ab, touchiert Fragen zu Klimawandel und Rassismus, alles in "g'schertem Niederbairisch". Was sich durch seine Sozialisation durch "niederbayrische Aborigine" erklärt. Auf dem Weg zum Stammtisch treffe er meist seinen Onkel, ebenfalls mit anatolischem Migrationshintergrund, der über die neuesten Eskapaden seines Sprösslings klagt, zum Beispiel so: "Wo andere hat Hirn, mein Sohn hat Wlan". Oder : "Was ist Schtaartupp? Das ist , wenn ich bin blöd und gebe Sohn Geld." Der Neffe von Hans redet auch gerne mit und erklärt die Welt. Fakten seien wichtig, sie müssten mit den Tatsachen übereinstimmen, spricht der Neffe. Und dann komme es auf den Blickwinkel an. Na  denn!

Den Begriff "Afrikaner" findet Asül politisch nicht korrekt, Fremdenfeindlichkeit geht bei ihm so: "Mohr im Hemd ist rassistisch, weil nicht einmal gewährleistet ist, ob jeder Mohr ein Hemd hat." Mit der Verallgemeinerung habe schon die Gloria ihre Probleme gehabt. Und erklärt, Gloria von Thurn und Taxis habe ja mal in einer Fernsehsendung gesagt, dass die Schwarzen zu viel schnackseln. Das sei rassistisch. Gegenüber den Weißen, die ja dann wohl  nicht.

Was TV-Sendungen angeht, ist Asül sehr deutsch geprägt, die Lieblingssendung seiner Kindheit war die Rateshow "Was bin ich?" mit Robert Lembke. Er nennt sie eine Mischung aus "Wer wird Millionär" und den Nürnberger Prozessen, macht einen Schlenker zur damaligen Ratefüchsin Marianne Koch und ihrer Rolle im Italowestern "Für eine Handvoll Dollar" und kommt von da zum "Ossi" Karl May, der sich angemaßt habe, Western zu schreiben. Asüls Gedankensprünge sind abrupt, doch durchaus nachvollziehbar, sein Witz ist prägnant aber nicht so böse wie erwartet. Zum Schluss gibt es dann doch einen kleinen Seitenhieb: "Andere träumen von so einem Abend in Gauting, ich aber lebe meine Träume." Jedoch: "Ich hätte jetzt kein Geld bezahlt, um den Abend mit Ihnen zu verbringen." Das Publikum war nicht beleidigt und geizte nicht mit  Applaus.

28.09.2020, Blanche Mamer