Veranstaltungsinfo

Mi, 12.02.2020
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre


Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.

Gerd Holzheimer "Die Liebe höret nimmer auf" (3): Alte Liebe rostet nicht – Die fortgeschrittene Liebe

Teil 3 der Literaturreihe "Die Liebe höret nimmer auf" mit Gerd Holzheimer

Sprecher: HANS-JÜRGEN STOCKERL
In der Reihe „Die Liebe höret nimmer auf“ geht es um das älteste Thema der Menschheit – und das ist die schönste Sache der Welt, oder? Leider nicht, nicht nur. Oder auch Gott sei Dank nicht. Wäre die Geschichte nicht eine so schön komplizierte, gäbe es auch nicht so viele wunderbare Texte auf dieser Welt.
Der griechische Philosoph Plato geht von dem Bild aus, dass der Mensch einst die Gestalt einer Kugel hatte, bis diese Kugel in zwei Hälften geteilt wurde. Seither suchen sich die beiden Hälften, sie möchten sich wieder vervollständigen. Diese Suche ist die Sehnsucht, die bald zutiefst beglückend, bald auch voller Schmerz sein kann.
Sie sucht die Erfüllung, die zutiefst beglückend ist – und immer neue Wiederholung wünscht, weil alle Lust Ewigkeit will, aber eben nicht permanenten Bestand hat. Gefahr neuer Befremdung, wenn nicht Entfremdung droht. Nie bleibt die wiederhergestellte Einheit ohne weiteres bestehen, schon gar nicht von selber. Schmerz steht zu befürchten, so dass neue Sehnsucht entstehen kann: die Kugelgestalt wieder zu erneuern oder Bestandteil einer neuen Kugelform zu werden. So gehen Sehnsucht und Erfüllung eine eigentümliche Partnerschaft ein.
Ob die Erfüllung der Tod der Sehnsucht ist, wie manche meinen, oder ihr beglückendes Ziel, ist Gegenstand unendlich vieler Geschichten, weil unendlich vielen Menschen in ihrem Leben diese Geschichten begegnen. Wir geben uns ganz einfach diesen Erzählungen hin.

Teil 3: Alte Liebe rostet nicht – Die fortgeschrittene Liebe
 
„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“, so steht es in 1.Korinther 13,1. Und wer möchte schon „tönendes Erz“ werden oder „klingende Schelle“? Auch im fortschreitenden Alter? Gerade da nicht! Alte Liebe rostet nicht, wenn sie denn eine Liebe war und ist. Viel wird bemüht, was man braucht, um „gemeinsam alt“ werden zu können: Toleranz, die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und Humor, viel Humor, so viel man nur aufbringen kann, rundum Geduld. Geduld, um auch das Vertrauen in hochfliegende Visionen nicht zu verlieren. „Du bist der einzige Mensch, der fliegen kann“, schreibt die „wilde Gräfin“ Franziska zu Reventlow, dem Philosophen Ludwig Klages: „Und ich möchte noch einmal fliegen. Und unsere Flügel sind noch nicht lahm, wie wir manchmal glauben. Du mußt nur sehr viel Geduld mit mir haben ... Es wird aber auch unsere Stunde kommen, wo wir miteinander fliegen.“
„Verliebt, verheiratet, verheiratet“ so wurde in längst vergangenen oder vielleicht auch nie vorhandenen Zeiten eine scheinbar natürliche Abfolge festgeklopft. Inzwischen müsste man in etwa der Hälfte der Fälle noch „geschieden“ hinzusetzen. Nicht alle Paare kommen in den Genuss des seltenen Glücks, eine silberne Hochzeit feiern zu können. Auch wenn es selbst zu diesem Fest leicht der Fall sein kann, dass gestritten wird, wie unser Weltweiser Karl Valentin einmal mehr weiß: „Muss denn immer an meiner silbernen Hochzeit gestritten werden?!“ Weise Paare wissen, dass die Liebe nicht ohne Leid bleiben kann, das war so und das wird so bleiben, das war schon so in dem Minnelied des Dietmar von Eist „Lieb ohne Leid, das kann nicht sein“. Liebende, denen dies schon mitten in der schönsten Erfüllung klar ist, haben eine echte Chance, ein altes glückliches Paar zu werden.
Auf die Formel „Bis dass der Tod euch scheidet“ haben große Liebespaare gar keine Lust, Philemon und Baucis zum Beispiel. Ovid beschreibt die beiden in seinen Metamorphosen. Sie wollen gemeinsam sterben, wenn es so weit ist, oder genauer gesagt: in einen anderen Zustand übergehen. Sie waren Hüter eines Tempels, bis Baucis ihren Philemon mit Laub bedeckt erblickt, und der alte Philemon, dass Baucis mit Laub bedeckt ist. „Und als schon über beider Antlitz ein Wipfel wuchs, sagten sie zugleich: „Leb wohl, Gemahl!“, da bedeckte und verbarg das Geäst ihre Münder. Jetzt noch zeigt der Bewohner Thyniens dort nebeneinander stehende Baumstämme, die aus den beiden Leibern entstanden sind.“

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecher
HANS-JÜRGEN STOCKERL
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2020

Nach(t)kritik 

Am Ende bleibt der Klang der Stille. Mit „The Sound of Silence“ ließen Gerd Holzheimer und Hans-Jürgen Stockerl die Geschichten von der „fortgeschrittenen Liebe“ - so der Titel des dritten Abends in der Reihe „Die Liebe höret nimmer auf“ - ausklingen, nachdem sie zuvor die Literatur zu Beispielen für Liebe im Alter befragt hatten.

Und derer gibt es zahlreiche: so wünschten schon bei Ovid die beiden Greise Philemon und Baucis sich, niemals den Grabhügel des jeweils anderen sehen zu müssen, sondern in Liebe vereint bis zum Ende beisammen sein zu dürfen. Homer lässt den stark gealterten Odysseus bei der Rückkehr zu Penelope nach all den Jahren beim Anblick des verstellten Bettes eifersüchtig werden wie einen Jungen. Und Johann Peter Hebel beschert der Verlobten eines vor der Hochzeit Verunglückten nach fünf Jahrzehnten ein „Unverhofftes Wiedersehen“. Sind auch die Umstände und die Reaktionen verschieden, so scheint eines diesen Varianten alter Liebe doch gemeinsam zu sein: eine gewisse tragische Tiefe.

Das liegt vermutlich am Faktor Zeit. Im Mittelpunkt des Abends stand eine Erzählung von Adalbert Stifter, „Der Waldgänger“. Stockerl liest die für den Abend eingekürzte Geschichte  um den einen großen Irrtum eines einst glücklichen Paares mit so großer Empathie, dass ihm am Ende selbst die Stimme ein wenig bricht. Gern folgt man Stockerl in die Tiefe dieser Geschichte, sieht mit ihm diesem Waldgänger zu, der als alter Mann lieber den Bäumen beim Wachsen zusieht, als bei den Menschen zu bleiben; hat er doch einst die große Liebe erfahren und dem aus reiner Vernunft entstandenen Vorschlag seiner Frau zugestimmt, man möge aufgrund der jahrelangen Kinderlosigkeit einander freigeben für neue, fruchtbarere Verbindungen, nur um bei einem späten Wiedersehen die Tragweite dieses Irrtums zu begreifen: sie hatten beide ihre Liebe unterschätzt.

Aber auch, wenn einem Paar sowohl die lebenslange Liebe als auch ein Kindersegen beschert sind, so entkommen sie am Ende der Tragik nicht, schon allein aus biologischen Gründen. Wie es ist, wenn einer von beiden den anderen überlebt, davon erzählt „Wir waren eine gute Erfindung“ des jungen französischen Erzählers Joachim Schnerf. Mit wunderbarem Humor lässt er den alten Salomon sich am ersten Sederabend nach dem Tod seiner Frau Sarah an die gemeinsamen Jahre erinnern, daran, wie sie den bösen Humor ihres Mannes, der Auschwitz überlebt hat, nicht nur er-, sondern auch getragen hat. „Wir waren eine gute Erfindung“ war vielleicht die Entdeckung dieses Abends in der bar rosso.

Ob nun die fortgeschrittene Liebe als letztlich unerfüllte erzählt wird wie bei Stifter und Hebel, ob sie zum Schatzkästchen der Erinnerung geworden ist wie bei Schnerf, oder ob sie zum täglichen Kleinkrieg gerät wie in Tucholskys herrlicher Erzählung „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ - eines unterscheidet sie, neben der oft tragischen Tiefe, von der jungen Liebe: der Reichtum des zu Erzählenden. Sie füllt eben ein ganzes Buch. Ein Poesiealbum reicht hier nicht mehr aus. Und am Ende bleibt der Klang der Stille.