Veranstaltungsinfo

Do, 25.10.2018
20.00 Uhr
Schauspiel
30,00 / 15,00 €*
* Vorverkauf ab 07.07.2018

Landestheater Schwaben: „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ von Heinrich von Kleist

Eine bedingungslose aber unmögliche Liebe, ein mittelalterliches Spektakel, aber auch die Geschichte unserer modernen Gesellschaften, in denen Ordnungen zerfallen und Menschen sich verloren fühlen.
Mit DAS KÄTHCHEN VON HEILBRONN schuf Kleist ein geheimnisvolles Traumstück, ein theatrales Spektakel um Liebe und Sehnsucht, Wirklichkeit und Fiktion. Es begeisterte schon immer mit eigenwilliger, kraftvoller Sprache und spannenden Identifikationsfiguren Jugendliche und Erwachsene.

Von einer bedingungslosen aber unmöglichen Liebe erzählt Heinrich von Kleists romantisches Ritterspiel. Es ist Kleists beliebtestes Stück und sein rätselhaftestes – ein Spektakel angefüllt mit mysteriösen Begebenheiten wie einem lebensrettenden Cherub, weissagenden Träumen und einem düsteren Geheimgericht. Trotz der mittelalterlichen Verankerung wird auch die Geschichte unserer modernen Gesellschaften erzählt, in denen Ordnungen zerfallen und Menschen sich verloren fühlen. Käthchen, die unbeirrbar ihrem Herzen folgt und dafür ausgegrenzt wird, ist gerade heute eine faszinierende Frauenfigur. Seitdem Käthchen den Ritter Graf vom Strahl in der Werkstatt ihres Vaters gesehen hat, muss sie ihm auf Schritt und Tritt folgen – ein Traum versprach ihn ihr zum Mann. Käthchens Vater verklagt den Ritter auf Hexerei, aber die Richter sprechen ihn frei. Der Ritter ist zwar in Käthchen verliebt, kann sie aufgrund ihres Standes aber nicht zur Frau nehmen. Auch er hatte einen Traum, in dem ihm ein Engel die Vermählung mit einer Kaiserstochter weissagte. Als er seiner ehemaligen Feindin Kunigunde auf seinem Schloss Schutz gewährt, glaubt er, die Kaiserstochter in ihr gefunden zu haben. Wie Käthchen sich gegen die intrigante Rivalin durchsetzt und die Heirat mit dem Ritter doch stattfindet, ist eine der schönsten und zugleich eigenartigsten Liebesgeschichten der deutschen Theaterliteratur.

Regie KATHRIN MÄDLER
Mit CLAUDIA FROST, MIRIAM HALTMEIER, TOBIAS LOTH, FRIDTJOF STOLZENWALD, ANDRÉ STUCHLIK, SANDRO ŠUTALO
Bühne und Kostüme  ULRICH LEITNER
Dramaturgie ANNE VERENA FREYBOTT

Dauer ca. 2 Std., keine Pause
Einführung 19:15 Uh
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018

Nach(t)kritik 

Blinde-Kuh ist ein Spiel, das in unserer Gegenwart wohl vor allem auf Kindergeburtstagen vorkommt. Tatsächlich zählt es seit dem Mittelalter - der Zeit der Ritter und Burgfräulein - zu den beliebtesten Gesellschaftspielen, nicht zuletzt, weil es dem Spieler der Blinden Kuh, dessen Augen mit einem Tuch verbunden werden, durch diese erzwungene Blindheit erlaubt ist, seine Mitspieler durch Erhaschen, Ertasten und andere direkte Erkundungen zu erkennen. Möglicherweise ist das Spiel aber sogar noch viel älter: Kulturhistoriker glauben es in vorchristlicher Zeit als kultisches Dämonenspiel verorten zu können, wo ihm sogar die Bedeutung zukommt, durch die Erfahrung der Blindheit das Sehen neu zu schaffen.

Wenn zu Beginn der Vorstellung „Das Käthchen von Heilbronn“, mit der das Landestheater Schwaben im bosco gastierte, immer mal wieder einer der Protagonisten mit verbundenen Augen wie beim Blinde-Kuh-Spiel über die Bühne tastet, so ist dieser fast rituelle Akt der Erschaffung einer neuen Form von Sehen durchaus augenfällig: die extrem verdichtete, verknappte und reduzierte Version von Kleists wohl rätselhaftestem Theaterstück - inszeniert von Kathrin Mädler - erzählt eine Geschichte vom Leben als Traum und von den Schwierigkeiten, Träume ins Leben zu holen und sie zu leben. Auf der fast leeren, von einem breiten Lichtrahmen eingefassten Bühne hängen oben aus dem Schnürboden ungebrauchte Brautkleider wie vergessene Wäschestücke über den Köpfen der sechs Schauspieler, die einander umkreisen, umtänzeln, begehren und befeinden. Miriam Haltmeier zeigt das Käthchen von Heilbronn als eine scheinbar verwirrte, tatsächlich vollkommen unbeirrbare junge Frau, die anstelle von Konventionen und gut gemeinten Hilfsangeboten einzig ihrem Traum folgt und den Mann, der diesem Traumbild gleicht, nicht aufgibt. Hin- und hergerissen zwischen der kriegsgeprägten Realität und auch einem Traum von der wahren Liebe ist Tobias Loths Graf vom Strahl - einer jener Männer, die alles richtig machen wollen und (beinahe) an ihren Ansprüchen scheitern. Die Vertreter von Konvention, Anspruch und Regeln sind in diesem Spiel entweder wohlmeinend und dem Herkömmlichen verpflichtet wie Käthchens Vater, der Waffenschmied (André Stuchlik), oder verschmitzt-überdreht (nochmal Stuchlik als Strahls Mutter), oder aber perfide intrigant wie Kunigunde von Thurneck, herrlich fies überzeichnet von Claudia Frost. Und auch die Vertreter der alten Macht, wie Fridtjof Stolzenwalds grundgütiger Kaiser, sind mit Träumen restlos überfordert. 

Der wahre Fädenzieher in diesem Blinde-Kuh-Spiel ist eine Figur, die so bei Kleist bestenfalls nur angedeutet ist: ein Cherub, den Sandro Sutalo zum Showmaster - oder auch schon mal Master of Desaster - gestaltet. Diesem Wesen zwischen Himmel und Erde sind alle ausgeliefert, und während es die meisten gar nicht wirklich merken, gewinnen die beiden Träumenden - der Graf und das Käthchen - in ihm jenen Spielleiter, der ihnen den Weg weist. Ob der nun tatsächlich in eine Wunschehe führt, bleibt am Ende fraglich. Das Käthchen zumindest scheint mit dem neuen Sehen eine Klarsicht gewonnen zu haben, die es lauthals lachen macht über das, was es eben noch ersehnte.