Veranstaltungsinfo

Fr, 09.11.2018
20.00 Uhr
Heimspiel
Klassik
20,00 / 10,00 €*
* Vorverkauf ab 07.07.2018

Miku Nishimoto-Neubert, Klavier & Ingolf Turban, Violine: Brahms, Rossini, Paganini, Genin, Debussy, Sarasate

Zwei Stockdorfer Musiker treffen sich zum Heimspiel.
Die Stockdorfer Pianistin MIKU NISHIMOTO-NEUBERT, gebürtig in Tokio, erhielt ihre Ausbildung in Tokio, Hannover, München und Paris. Neben ihren pianistischen Qualitäten sind es vor allem intelligent gestaltete Programme und nicht alltägliche Werk-Kombinationen in ihren Konzerten und Aufnahmen, die von Kritikern entsprechend gewürdigt werden.

INGOLF TURBAN, ebenfalls in Stockdorf lebend, konzertierte als Solist international u.a. in den Philharmonien von Berlin und München, im Kennedy Center in Washington, in der New Yorker Avery Fisher Hall und der Züricher Tonhalle. Sein Einsatz für das Werk Niccolò Paganinis feiert ungewöhnliche Erfolge.

Programm:
BRAHMS Sonate für Klavier und Violine Nr. 3 d-Moll op. 108
ROSSINI Un mot à Paganini (Elegie)
PAGANINI Palpiti op. 13 (nach Rossini)
GENIN Pantomime
DEBUSSY Sonate g-Moll für Violine und Klavier
SARASATE Fantasie über Bizets „Carmen“
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Nach(t)kritik 
Ingolf Turban spricht und scherzt gerne mit seinem Publikum. Diesmal war es aber zunächst einmal etwas anders, denn es galt, ein vitales bis heiteres Programm angesichts des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht zu rechtfertigen – nicht ohne sich einen kritischen Kommentar zu deutschen Waffenlieferungen verkneifen zu wollen. Das Sterben mit dem Leben zu beantworten, leuchtete ein, zumal hier im Konzertprogramm durchaus auch ernste Töne erklangen, allen voran in einem sehr gewichtiges Stück, dass erst in der Zugabe zu hören sein sollte: Die Hebräische Melodie op. 33 von Joseph Achron, der Sohn eines Laienkantors in einer Synagoge gewesen ist. Es ist im Grunde so etwas wie ein leidenschaftliches Gebet von hochemotionaler Melancholie, in dem es um eine spezifische Atmosphäre geht, die vor allem den Violingesang entrückte und seelentief sprechen ließ.
Solche Momente kamen durchaus schon vorher vor, doch nicht mit dieser Gewichtigkeit, die ihnen Achron zu verleihen vermochte. Die Sonate d-Moll op. 108 von Brahms ist aber ein Werk, das auf alle Fälle von musikalisch-menschlicher Reife erfüllt ist. Mit seiner jüdisch-folkloristischen Tönung stand Achrons Werk in einer gewissen Beziehung zu Brahms, der in seiner Thuner Sonate zu ungarischen Folklore gegriffen hatte. Etwas überraschend stiegen Nishimoto-Neubert und Turban in die Sonate ein, mit einer Art spontanes Fade-in, als würde man mitten im Stück ansetzen. Das Ergebnis des Kunstgriffs war eine unmittelbare Intensität und vorantreibende Lebendigkeit, die das Duo mit Substanz und feurigem Temperament ausstattete, bisweilen sich aber auch verschattet zurücknahm. Daran sollte Brahms im dritten, kapriziös-launischem Satz anknüpfen, der vor allem mit einer temperamentvollen Verdichtung punktete.
Eine besondere, deutlich Brahms‘sche Ästhetik kam davon, dass Turban sehr zurückhaltend mit dem Vibrato umging und betont plastisch gestaltete. Gerade im betörenden Gesang des Adagios bekam der Ton dadurch einen wehmütigen Charakter von erdiger Färbung. Auch im wuchtigen, krachtvollen Presto-Finale, besonders in den wie im Kopfsatz getrübten Rücknahmen, knetete das Duo das Auf und Ab weit in die Extremen.
Einen überaus ernsten Ton schlug auch der anwesende russische Komponist Vladimir Genin (geb. 1958) an, dessen Stück „Pantomime I“ in seiner erzählerischen und zunehmend lyrischen, ja sinnierenden Charakteristik allerdings auch andere Zusammenhänge herstellte. Einerseits harmonisch durchaus nah an der Sonate g-Moll von Debussy, den Nishimoto-Neubert und Turban aber nicht allzu atmosphärisch zum Impressionismus nötigten. Gerade im humoristisch-kapriziösen Zwischenspiel nicht, noch weniger im impulsiven Kopfsatz, erst recht nicht im schwirrend-flammenden Finale nach einer farblich geradezu klangexperimentellen Vorarbeit.
Auf der anderen Seite ging es hier programmatisch um eine szenische Darstellung, wie sie auch in den verbleibenden Werken zu finden waren. Paganini demonstrierte mit „I Palpiti“ op. 13 mit einem Thema aus Rossinis Oper „Tancredi“ seine bravouröse Virtuosität. Sein Freund Rossini komponierte indes ihm zu Ehren „Un mot à Paganini“ als eine Elegie, die irgendwie fragmentiert und expressiv immer wieder zu etwas startete, was sich erst recht spät in einer sentimentalen Schönmelodik ergoss. Eine szenische Idee war hier offenkundig, ohne eindeutige Hinweise auf den Inhalt.
Bedauerlich nur, dass gerade diese brillant-virtuosen Werke Nishimoto-Neubert in die reine Begleitung nötigten. Sie tat es zwar mit höchster Sorgfalt und Detailpräzision, doch viel mehr als eine Reihe diverser Anschlagtechniken, die sie mit Bravour demonstrierte, gaben ihr die Werke nicht an die Hand. Das sollte auch im großen Finale mit de Sarasates Fantasie über Bizets Oper „Carmen“ op. 25 so bleiben. Während Turban mit waghalsiger Virtuosität glänzte und mit spieltechnischer Gewandtheit seine großartige Spieltechnik demonstrierte, hatte es Nishimoto-Neubert schwer, mit den simplen Begleitmotiven ihre pianistische Kunst zum Sprechen zu bringen. Turban genoss indes das fingerakrobatische Feuerwerk im Part der Violine und euphorisierte das Publikum zu einem frenetischen Schlussapplaus noch weit über die Zugabe hinaus.
Pressestimmen 
Ingolf Turban und Miku Nishimoto-Neubert erinnern mit ihrem Konzert an die Reichspogromnacht

Heimspiel vor vollem Haus im bosco: Mit Ingolf Turban (Violine) und Miku Nishimoto-Neubert (Klavier) war es im Grunde zu erwarten. Viele Besucher kamen, weil sie sich für die Fingerakrobatik Turbans begeistern. Der Geiger streut mit Augenzwinkern die entsprechende Literatur - das ist Programm, um immer wieder den weihevollen Anspruch der Ernsten Musik zu unterlaufen, begleitet von süffisanter Moderation. Angesichts des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht diesmal allerdings eher verhalten und mit kritischen Worten gegen Krieg und Gewalt, um "Sterben mit Leben zu beantworten".Gemeint war aus dem Leben der Komponisten gegriffene vitale Musik. Teils musikalische Späße, die das Publikum unterhalten und dem Geiger die Möglichkeit geben, seine Fingerfertigkeit vorzuführen. Da denkt man an Paganini, dessen Paraphrasierung op. 13 des Themas "I Palpiti" aus Rossinis Oper "Tancredi" so ziemlich alles auf den Plan rief, was ein Meistergeiger beherrschen muss. Wahrscheinlich hatte Paganinis Freund Rossini mit seinem "Un mot à Paganini" auch so etwas im Sinn. Obgleich er als Kind schon Violine und Cembalo gelernt hatte, war ihm aber mit der Zeit die Rolle des Opernkomponisten allzu sehr ins Blut übergegangen. Ungeübt im Erfinden von Kammermusik wurde aus dieser Elegie eine wortlose Opernszene mit Rezitativen, Phrasen und Kommentaren, sentimentalen Schönmelodien, expressiven, impulsiv Nachdruck verleihenden Höhepunkten bis hin zu humorvollen Pointen.

Aus dem Vollen schöpfte Turban zum Abschluss in de Sarasates Fantasie über Bizets "Carmen" op. 25. Dass Turban so locker und eloquent seinen Part ausspielen konnte, verdankte er zum großen Teil Nishimoto-Neubert am Klavier, die ihm in ihrem reinen Begleitpart alle Freiheiten gewährte, dabei selbst allerdings zu kurz kam. Aber es gab da auch noch die Ernste Musik, etwa die Sonate d-Moll op. 108 von Brahms, mit der das Konzert begann. Das gleichwertige Zusammenspiel ließ auch nichts zu wünschen übrig, zumal Turban sich auch angemessen zurückzunehmen verstand, wenn Nishimoto-Neubert mit thematischer Führung die satte Substanz plastisch knetete.

Ähnlich intim gestaltete das Duo den Dialog in Debussys g-Moll-Sonate, die sich aber in französischer Tradition frei und mit poetischem Zauber entfaltete. Harmonisch hatte hier im Programm "Pantomime I" des anwesenden russischen Komponisten Vladimir Genin (geb. 1958) die Farbigkeit vorweggenommen, dort jedoch, um lyrisch eine atmosphärisch ausgeprägte Szene zu entwerfen. Debussy hatte wohl eher eine Reihe von Bildern im Sinn, die Turban und Nishimoto-Neubert mal rhapsodisch, mal legendenhaft reich ausstatteten. Besonders reizvoll der flammende Violingesang über schwirrendem Klavier als Vorbereitung eines finalen Feuerwerks.

Nach einem solchen Programm in der Zugabe - inhaltlich angebracht - die "Hebräische Melodie" von Josef Achron zu spielen, brachte eine recht radikale Wendung. Dieses emotionale Gebet voller Leidenschaft und Melancholie schickte das Publikum so mit einem Paket Seelennahrung nach Hause. Das dürfte für eine Weile reichen.