Veranstaltungsinfo

Fr, 04.05.2018
20.00 Uhr
Schauspiel
30,00 / 15,00 €*
* Vorverkauf ab 25.11.2017

Theater Wahlverwandte: "Wahlverwandtschaften" von Goethe

Goethes berühmter Roman von den Naturgesetzen des Herzens und der Anarchie der Gefühle.
Ein malerischer Landsitz, ein verliebtes Ehepaar in den besten Jahren. Ein guter Freund und eine Nichte sollen die Idylle bereichern. Doch wahlverwandte Anziehungskräfte setzen Leidenschaften in Gang, die in einem geheimnisvoll gezeugten Kind sichtbar werden…
Eduard ein außergewöhnlich charmanter, unterhaltender Mann und Charlotte, eine lebenserfahrene, kultivierte Frau in der Blüte ihrer Jahre, haben sich von allen gesellschaftlichen Verpflichtungen zurückgezogen und genießen ungestört ihr gemeinsames Leben auf ihrem Landsitz. Bis Otto auftaucht, der Jugendfreund Eduards, ein stellungsloser Architekt, der sich mit großer Energie in die Gestaltung der Gartenanlage einmischt. Von der Schaffenskraft des Freundes angesteckt arbeitet Eduard mit; Charlotte sieht ihren Ehemann bald nur noch abends. Da trifft Ottilie ein, Charlottes Nichte, die ihr Internat verlassen musste. Charlotte nimmt sich ihrer mütterlich an. Beinahe gelingt es ihr, Harmonie und Gleichklang in der kleinen Runde zu stiften, da kommt ein weiterer Gast und stört das sensible Gleichgewicht: die Liebe.

Beinahe unmerklich tritt sie ein, entflammt die vier Herzen. Völlig ungehemmt verlieben sich Eduard und Ottilie ineinander – Weniger ungezügelt, doch ebenso hingebungsvoll begehren sich auch Charlotte und Otto, die „vernünftig“ mit der Situation umzugehen versuchen. Charlotte ist es, die einer Scheidung nicht zustimmt, da sie entdeckt, dass sie von Eduard schwanger ist…

Goethes Versuchsanordnung menschlicher Beziehungsgeflechte hat an Sprengkraft nichts verloren. Seine These, “jede Ehe solle nur auf fünf Jahre angelegt sein”, wirkt auch im 21.Jahrhundert noch provokant, selbst unter dem Gesichtspunkt des außerehelichen Zusammenlebens in unserer Gesellschaft.

Stückdauer: 1,45 Std., keine Pause
Einführung: 19:15 Uhr

Regie SILVIA ARMBRUSTER
Bühne BARBARA KÄSBOHRER
Mit HANS PIESBERGEN
JULIA JASCHKE
CHRISTIAN KAISER
CORINNE STEUDLER




"Verblüffend, wie leicht, spielerisch, ironisch und heutig (ohne Aktualisierung!) Regisseurin Silvia Armbruster und ihr wunderbares Ensemble ihre Bühnenfassung des Ehebruch Romanes von 1809 erzählen. Zwei geistreiche, heitere, spannende Theater-Sternstunden ... Armbruster findet atmosphärisch dichte, schlüssige Bilder ... stimmige Musik, kluge Dramaturgie. Die mitreißend spiellaunigen Darsteller glänzen auch in den tragischen Momenten (...)."
ABENDZEITUNG MÜNCHEN

"Silvia Armbrusters zeigt eine launige, ideenreiche Version jenes Goethe ́schen Sommernachtstraumes ohne Happy-End. Immer wieder zeigt sich dabei Armbrusters choreographisches Talent, ihr Sinn für Bilder und ironischen Witz. Sie hat viele einfache, aber effektive Bilder gefunden, die Lust auf den komödiantischen Liebeskrampf machen."
FAZ, BERLIN-AUSGABE
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2018

Nach(t)kritik 

„Das Jahr klingt ab, der Wind findet nichts mehr zu bewegen.“ So hört es sich in Goethes „Wahlverwandtschaften“ an, wenn der Rausch einer lustvoll-bacchantischen Nacht vorüber ist und der Zustand allgemeiner Ernüchterung eintritt. Charlotte und Eduard sind nach dieser Verwirrung der Gefühle nicht mehr das Gutsherren-Paar mit dem idyillisch beschirmten Leben („Wir fassten den Entschluss, nur uns selbst zu lieben“), Eduards Jugendfreund Otto ist auf einmal Vater eines bald schon zu Tode kommenden Knaben, und Ottilie hat ihre Unbekümmertheit verloren und flieht all dieses Grauen, die Älteren im Elend zurücklassend.

Das „Theater Wahlverwandte“, eine seit Jahren eher lose bestehende Gruppe von Bühnenschauspielern, findet sich immer wieder zusammen, um das Goethe´sche Oeuvre auf moderne, gleichwohl werkgetreue Weise zu interpretieren. Die bereits 1998 entstandene Inszenierung bzw. Bühnenadaption der „Wahlverwandtschaften“ durch die heutige Kemptener Theaterleiterin Silvia Armbruster wurde von der Kritik landauf, landab ebenso lange als „spielerisch“, „phantasievoll“ und „ironisch“ gepriesen – man bescheinigte Armbruster u.a., sie habe den als ersten Ehe-Roman der deutschen Literatur geltenden 400-Seiten-Stoff Goethes „charmant verschlankt“ - beim Gastspiel des „Theaters Wahlverwandte“ im bosco konnte man sich überdies davon überzeugen, dass Regie-Theater witzig sein kann und völlig ohne Eitelkeiten auskommt: Diese „Wahlverwandtschaften“ spiegeln nämlich nicht nur J.W.G.´s eigenen Reifeprozess zwischen „Sturm und Drang“ und altersgemäßem Erkenntnisgewinn, Klassik und Romantik, sie liefern auch noch einige zeitlos gültige Gewissheiten: Zwei Liebende liegen niemals ganz alleine im Bett – sie haben immer auch ihre Projektionen, Sehnsuchtsmenschen und Nachtmahre mit an Bord, und wird die reine Zweisamkeit durch eine oder einen „Hinzutretene(n)“ in irgendeiner Weise gestört oder auch nur verwässert, so bricht rasch mal das emotionale Chaos aus.

Eduard (Hans Piesbergen) fühlt sich jäh zu Charlottes Nichte Ottilie (Corinne Steudler) hingezogen, die ja eigentlich deren vor dem Internat geflohener Schützling ist; Eduards eingeladener Jugendfreund wiederum, der flotte Gartengestalter Otto (Christian Kaiser), hat keine Hemmungen, Charlotte (Julia Jaschke) mit einem „unsinkbaren Boot“ zu umwerben („Darf ich Sie zu einer Ruderpartie einladen, auf das schwankende Element?“) - da kommt zur (aus dem „Kontrakt des Zeichners“ geborgten) Michael-Nyman-Musik natürlich Goethes moralische Kern-Frage auf: Kann man ein guter Mensch sein (bleiben) und doch glücklich leben?

Die geschickt aufs Bosco-Bühnenformat abgestimmte Fassung der „Wahlverwandtschaf-ten“ kommt aufs Schönste mit einfachen Mitteln und bezaubernden Ideen aus: Da wird eine Briefbotschaft Eduards an Otto per Papierflieger übermittelt, wird die schicksalhafte Liebesnacht samt ihren Phantasien wie ein „Sommernachtstraum“ in angedeuteter Laken-Erotik gezeigt. Blaue Stoffbahnen werden zu wogenden Fluten, und der Schützengraben, in den sich die Männer typischer Weise zwischendurch aus der Verantwortung stehlen, regelrecht zum Pulverdampf-Szenario. Der alte Goethe hatte also eine ziemlich desillusionierte, um nicht zu sagen lebenskluge Sicht auf die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Natur – und die Armbruster-Version der Neuzeit spiegelt diese Abgeklärtheit mit einem eigenen, wissenden Blick. Doch keiner ist hierbei allzu naseweis: Der dichtende Meister ließ den Widerspruch gelten und auch so bis zum Ende stehen, die Kemptener Regisseurin vermeidet dafür die Besserwisserei der Aufklärung und überlässt die erratisch Liebenden mit sanftem Mitgefühl ihrem (absehbaren) Scheitern. Dazu erklingt am Ende Melanies Song „Ruby Tuesday“: „Who´s gonna hang a name on you – wer will dich beim Namen nennen, Unglück? Starker Applaus des Publikums, das mit der „Ode an die Freude“ an einer Stelle sogar selber mitsingen durfte.