Nach(t)kritik

Do, 23.11.2017
20.00 Uhr
Literatur

Die Welt ist dort, wo das Eis zu kratzen ist

Künstler: 
Holzheimer-Reihe "Ich und die Welt" (2)

Wann ist etwas wirklich? Wenn „Eiskratzer“ auf dem Ding geschrieben steht? Oder wenn es tatsächlich ein Eiskratzer ist? Ist es nur dann einer, wenn es auch drauf geschrieben steht? Macht das Wort es zum wirklichen Eiskratzer? Oder steht es nur drauf, weil es eben ein Eiskratzer ist? Und wenn das bei einer Plastikscheibe schon so problematisch ist, um wieviel problematischer ist es dann bei der Welt als ganzer?

Im zweiten Teil der diesjährigen Literaturreihe von und mit Gerd Holzheimer und wechselnden Rezitatoren - an diesem Abend die großartige Caroline Ebner - wird diese Frage aus der Perspektive des Grünen Heinrich von Gottfried Keller und der intertextuellen Rezeption desselben von Peter Handke betrachtet. Und weil es - wie bei der Babuschka-Puppe und ihren immer weiter sich vertiefenden Innenschichten - bei der Handkeschen Kellerlektüre im Rahmen einer Reise durch die amerikanischen Ostküstenstaaten zu weiteren literarischen Reisebegleitern kommt und auch diese sich der Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit widmen, kommen an diesem Abend neben Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“ noch F. Scott Fitzgerald, „Der große Gatsby“  und - als literarische Wegmarke Kellers - Karl Philipp Moritz, „Anton Reiser“ in Auszügen zu Gehör.

Die Welt ist jene, die man sich aneignet. Auf Reisen ist das möglich, wie Anton Reiser - schon im Namen wird das deutlich - es noch vor Wilhelm Meister tut oder wie es der Ich-Erzähler in Handkes „Kurzem Brief“ versucht. Und doch hat der letztere mit seiner Reiselektüre, Kellers „Grünem Heinrich“, einen Kompass an seiner Seite, der einen bereits gegangenen Weg weist und seinem literarischen Nachfolger die Spurrillen vorgibt. Kann man „leben wie der grüne Heinrich“, wie der Titel dieses zweiten Teils der Reihe „Ich und die Welt“ lautet? Kann ein Schriftsteller, der erst kurz vor Erscheinen dieses Buches, „Der kurze Weg zum langen Abschied“, ein seinerseits wegweisendes, Sehgewohnheiten veränderndes Theaterstück wie die „Publikumsbeschimpfung“ geschrieben hat, nun mit seinem ureigenen singstiftenden Werkzeug, der Sprache, auf den Spuren einer lange vergangenen literarischen Figur wandeln? Ist der grüne Heinrich dort, wo „Grüner Heinrich“ draufsteht?

„Die Welt ist alles, was der Fall ist“, hat ein Dutzend Jahre zuvor der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus logico-philosophicus“ geschrieben. Was aber ist der Fall? Wer sieht das? Wer benennt es? Und gibt es ein a priori vor dem Fall? Man könnte ebenso darüber spekulieren, wie man denselben Gedanken in Töne setzen kann. So wie es der dadaistisch geprägte finnische Musiker Numminen mit einem anderen Gedanken Wittgensteins getan hat: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Laut hallt als Einspielung diese Nummer durch die bar Rosso und beweist einmal mehr, wie unterhaltsam Gedanken wie die an diesem Abend verhandelten sein können. Die Welt ist immer wieder eben auch das, worüber sich von Herzen lachen lässt. Genau das ist vorhanden und weist dem Menschen seinen Platz zu. Wie es halt auch der Eiskratzer tut.

Sabine Zaplin, 23.11.2017
Galerie 
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2017