Nach(t)kritik

Fr, 15.09.2017
20:00 Uhr
Musik
Sonstiges

Farykte Träume vom Meer

Künstler: 
Di Farykte Kapelle

Es war einmal ein Mann in Mazedonien, der hat die Hochzeit seiner eigenen Tochter verschlafen. So tief und fest hat er geschlafen, dass er weder die Hochzeitsglocken noch das Hallo der Gäste hörte. Nicht einmal die Kapelle hat er gehört, die da aufspielte. Dabei war das eine besondere Kapelle, eine vollkommen verrückte Kapelle, die wirklich nicht zu überhören war, denn da spielte Christl Wein-Engel das Akkordeon, Jürgen Junggeburth den Bass, Menya Arnold spielte da mit und zwar auf der Trompete, Roman Seehon schlug die Trommeln und all das andere Schlagwerk, und wenn Freddy Engel nicht das Saxophon oder die Klarinette spielte, dann sang er noch. Sang mit der ganzen Farykten Kapelle so leidenschaftlich, dass der Vater schließlich doch erwachte - da war aber die Braut längst verheiratet. Zum Glück spielte die Farykte Kapelle trotzdem weiter, Lieder aus Mazedonien, Balladen aus Griechenland und aus Sizilien, Zirkusmusik, Tangos und Klezmer aus dem Schtetl. 

Ds Lied von den „Tsen Bridern“ beispielsweise, das mancher wohl noch aus jener Zeit im Ohr hatte, als Zupfgeigenhansl die Jiddischen Lieder erstmals wieder seit Vernichtung dieser Kultur einem breiten Publikum nahebrachte. Irgendwann in den Siebzigern war das, viele versuchten sich gleich selber mit den auf der Platte mitgelieferten Gitarrengriffen an „Schmere mit de Fidel, Tevje mitm Bass“, spielten dieses Liedl „oife mitn Gass“, und wie bei dem unseligen Lied von den zehn kleinen Starkpigmentierten wurde es auch hier pro Strophe einer weniger.

Im bosco saßen weit mehr als zehn Brüder, der Saal war voll bis auf den letzten Platz an diesem ersten Abend der Spielzeit. Und die Farykte Kapelle lieferte ein Fest, feierte das Leben und die Musik, natürlich die Liebe und ganz besonders diesen unglaublichen Sommer, der allen im Saal Bilder von lauschigen Nächten unterm Sternenzelt in die Erinnerung brannte. Die Liebe wurde hörbar in einem sizilianischen Liebeslied, der Sommer brachte sich mit „Il Camino“ ins Spiel, insbesondere mit einem überraschenden, sehr witzigen Schlagzeugsolo (Roman Seehon). 

In einem anderen Lied im ersten Set, das seine Motive aus den volksmusikalischen Traditionen der Griechen wie auch der Türken bezieht (und das von anderen Klezmer-Bands wie Nunu auf dem Album „Jezz Klezmer“ auch schon mal jazziger interpretiert wurde), brillierten die beiden Bläser, Freddy Engel und Menya Arnold, spielten einander die Bälle zu und ließen es wunderbar farykt jubilieren über den Köpfen der Zuschauer. Dann wurde es wieder romantischer, besinnlicher, weckte Christl Wein-Engel mit dem Akkordeon vergangene Träume, während Jürgen Junggeburth - der Tevje mitm Bass - dann wieder mit großen, rhythmischen Schritten in die tiefsten Tiefen hinabstieg.

„Träume vom Meer“ hatten die fünf großartigen Musiker im Gepäck, denn von dort kamen sie hierher an die Würm, diese Träume teilten sie mit ihren Zuhörern. Und wenn auch dieses Meer überwiegend nach dem kleinen Karpfenteich im Schtetl klang, wenn es auch mehr Gefilte Fish denn Calamaris waren, was die Farykte Kapelle auf der musikalischen Speisekarte bot, so war es doch ein gelungener Spielzeitauftakt, ein großes Fest, das wie eine Überschrift über den kommenden Kulturabenden im bosco stehen wird: bunt, satt an schrägen Harmonien, geschichtenträchtig und vollkommen farykt. So soll es weitergehen.

Sabine Zaplin, 16.09.2017
Galerie 
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2017