Nach(t)kritik

Do, 05.10.2017
20:00 Uhr
Literatur

Ganz persönliche Worte

Künstler: 
Anton G. Leitner & Maria Hafner

Seit nunmehr 27 Jahren lebt die Schreiberin dieser Zeilen in Oberbayern und hat somit schon fast jene 30 Jahre erreicht, welche die Süddeutsche Zeitung einst in einem Artikel als Mindestzeit für den Gebrauch der bayerischen Mundart gesetzt hatte. Damals, als die Schreiberin dieser Zeilen - geboren und aufgewachsen in der Nähe von Bielefeld, von hier aus betrachtet also kurz hinterm Deich - in der bayerischen Landeshauptstadt eintraf, stand sie etwas verwirrt vor jener Tafel in einem Biergarten an der Würm, auf welcher die warmen Speisen des Abends mit Kreide angeschrieben waren, und während sie noch las, fuhr der Wirt sie an: „Wannst net woast, wasd wuisd, dann schleich di.“ Sie hat den Rat nicht befolgt, sie ist geblieben, weiß längst, was sie will und versteht mit jedem Tag etwas mehr. Eine Zeile wie „Umananda doa“ zum Beispiel oder auch „Da Mezzgamoasda mediddiat“ - beides Titel von Gedichten des Wesslinger Lyrikers Anton G. Leitner, der am Donnerstagabend in der bar rosso, unterstützt von der wunderbaren Musikerin Maria Hafner (Mrs Zwirbel, Hasemanns Töchter), seinen jüngsten Lyrikband „Schnablgwax“ vorgestellt hat. Für Preissn: hinter dem Titel verbergen sich Gedichte, die vom Dichter so geschrieben wurden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nämlich in oberbayerischer Mundart.

Anton G. Leitner war einer der ersten, welcher der Schreiberin dieser Zeilen damals bei ihrem Eintreffen in der Landeshauptstadt begegnete, und einer seiner ersten an sie gerichteten Sätze lautete: „Na, des kann man so net machen.“ Die Schreiberin dieser Zeilen hatte bei einem Treffen der Initiative Junger Autoren in der Pasinger Fabrik ein Gedicht aus eigener Feder vorgelesen und schon selber geahnt, dass dieses Gedicht noch lange nicht fertig war. Seitdem kreuzten sich die Wege Leitners und der Schreiberin dieser Zeilen unzählige Male, kreuzen sich noch heute, auch an diesem Abend der Lesung in der bar rosso, und kreuzen sich hoffentlich auch in Zukunft noch häufig. So ist es nur legitim, diese Nachtkritik sehr viel persönlicher zu schreiben, als es die Schreiberin dieser Zeilen gewöhnlich zu tun pflegt.

Lieber Anton, Du hast mit Deinem „Schnablgwax“ zu einem so eigenen, unverwechselbaren Ton gefunden, wie es nur selten gelingt. Gedichte wie „Wo die Liebe hinfällt“ oder „Voiggsvadredda“ sind so pointiert, wie es vermutlich nur im Dialekt funktioniert. Und Deine „Kazedd-Rosl“ rührt mich jedesmal. Das „Gloans Reisealebnis für an passioniadn Schdubnhogga“ ist als ganz private Geschichte über die Begegnung mit afghanischen Flüchtlingen eine der einfühlsamsten literarischen Verarbeitungen aktueller Migrationsschicksale. Und auch all die anderen Mundartgedichte des Bandes „Schnablgwax“ lassen die Lyrikkollegin beinahe neidisch werden auf das Geschenk des Dialekts. 

Damals, als wir noch den „Zettel“ herausgaben, das Din-A-4-Blatt der Initiative Junger Autoren, doppelseitig bedruckt mit unseren so oft überarbeiteten, im Kreis miteinander aufs Heftigste durchdiskutierten Gedichten, hätte sich keiner von uns getraut, in Mundart zu schreiben - Dich eingeschlossen. Vielleicht muss man reifen, an Jahren wie an Erfahrungen, auch Traurigen, Schmerzvollen, um seinen Mut zusammenzunehmen und auf seine eigene Sprache zu vertrauen. Seinen eigenen Schatz an Erinnerungen. Seinen im Lauf der Jahre so besonders gewachsenen Schnabel. Ja varreck, wanns halt stimmt. Zefix.

Sabine Zaplin, 05.10.2017
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2017