Nach(t)kritik

Do, 03.05.2018
20.00 Uhr
Kabarett

Geplanter Verschleiß

Künstler: 
Philipp Weber

Der Mann braucht kein Image-Design mehr, er hat seinen Ruf als unterfränkische Revolverschnauze längst weg: Philipp Weber, wohnhaft in Amorbach im Odenwald, kam schon zum zweiten Mal mit dem reichlich sperrigen Programmitel „Weber No.5: Ich liebe ihn!“ über die Gautinger, und die schienen irgendwie zu ahnen, was sie da erwartete – ein nicht enden wollender Pointen-Wasserfall, wie ihn das durchaus gestählte Bosco-Publikum nicht alle Tage über den Kopf geschüttet bekommt. Nachdem Weber mit früheren Idyllzertrümmerungsorgien wie „Schief ins Leben“, Honeymoon Massaker“, „Durst“ und „Futter – streng verdaulich“ die Felder Erwachsenwerden, Familienhorror und Ernährungsmythen beackert hatte, wandte sich der studierte Chemiker nun den Themen Werbung und Marketing und damit den uns jederzeit und überall umgebenden Dauer-Lügen zu. Und analog zum Nestlé-Slogan „Nur wo Nutella drauf steht, ist auch Nutella drin“ kam auch hier „Weber pur“ aufs Brot: Das Konzept bzw. Rezept des grundsätzlich hibbeligen Kabarettisten ergibt sich dabei schon aus seiner leptosomen Physiognomie – Dieser Zappel-Philipp ist schlank, von nervöser Blässe und hoher Intellektualität. Auch mit Anfang 40 hat sich der Schlaks mit dem zum Pferdeschwanz gebändigten Langhaar das Erscheinungsbild eines leicht aufsässigen Studenten bewahrt, was nicht nur der rasenden Pointenflut zugute kommt, sondern auch den immer wieder eingestreuten Polit-Statements gegen Rechts jugendliche Frische verleiht.

Dass Weber den Mc Donald´s-Spruch („Ich liebe es“) für den Titel seines mittlerweile fünften Programms abgewandelt und mit einer Duftnote „Chanel“ personalisiert hat, zeugt allein schon davon, wie wir alle umgeben sind von der Reduktion auf nahezu sinnfreie Kurzbotschaften. Er selbst ist offenbar bereits in jungen Jahren von TV-Spots nachhaltig geprägt worden, in denen die „Palmolive“-Tante Trixi ihre Hände in Geschirrspülmittel badete oder – viel später - IKEA provokant fragte: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Derlei markenbildende oder auch markerschütternde Kompakt-Slogans und die damit einhergehenden Schwindeleien dürften Philipps Widerspruchsgeist schon immer gereizt haben - mal analysiert er, dass Werbung nichts anderes ist als „erkennbare Lügen“, dann wieder juckt es ihn, die seifigen Sprüche noch ins Absurde zu übertreiben, etwa für Hämorrhoidensalbe: „Kratzst du noch oder schmierst du schon?“ Auch das hochgerüstete Niveau und die Sollbruchstellen mancher beworbenen Produkte führt er vor, wenn er blödelt: „Ich habe einen ukrainischen Salatschneider mit 800 Watt Leistung – ein Knopfdruck, und der Salat ist´n Smoothie!“ Ja, es ist schon so, wie es in der Ankündigung zu Webers Programm steht: „Der Mensch kauft Dinge, die er nicht braucht, um Leute zu beeindrucken, die er nicht mag.“

Der Odenwalder macht aus solchen Betrachtungen regelmäßig die schönsten Exzesse: Dann wandelt sich seine Stimme entweder in schnarrenden Kommiss-Ton wie beim Monster-Grill namens „Genesis“ („Äs wärrde Wurrst!“), oder Weber verfällt in hypergereizte Fistel-Höhen – fast vergessen die einstigen Oberlehrer-Tonlagen, die seine Komik zuweilen konterkarierten. Im Laufe des Abends scheint der Werbebotschafter in eine Art Temporausch zu verfallen, als wäre das die formale Entsprechung zum geschilderten PR-Bombardement - geplanter Verschleiß bzw. "Obsoleszenz" in eigener Sache: Der Künstler, der zwischendurch auch die eigene Käuflichkeit thematisiert („5.000 Euro sind sehr anständig!“) spielt also ziemlich souverän mit den Versprechungen der modernen Zeiten, seziert Konsumverhalten als „Zeigestolz“ oder auch „Geltungskauf“, erzählt wie ein PR-Berater von „Emotionalisierung“ und „Bedürfnispyramide“ usw. Weber verfällt aber anders als früher nicht so stark ins Dozieren. Er bricht das zweifellos in ihm wohnende Element des Schlaumeierischen immer wieder rechtzeitig durch Szenarien des eigenen Scheiterns, was dem Weber´schen Gesamtkunstwerk höchst bekömmlich ist. Am Ende des über zweieinhalbstündigen Staccatos ist der Zuhörer erschöpft, aber doch glücklich, fast so, wie es die Werbung vorher verheißen hatte.

Thomas Lochte, 04.05.2018
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2018