Nach(t)kritik

So, 08.10.2017
17:00 Uhr
Tee bei Sabine

Gerd Holzheimer zum Tee bei Sabine

Künstler: 
Tee bei Sabine
„Ein Tausendsassa“, schwärmt die Autoren-Kollegin beim „Tee bei Sabine“ in geschliffenem Hochdeutsch. Da kontert der bekannte Schriftsteller Gerd Holzheimer, Veranstalter des „Literarischen Herbsts“  im Landkreis, staubtrocken: „Auf Bayerisch sagt man Gschaftlhuber.“ In der von Holzheimer-Fans nahezu  überfüllten „Bar rosso“ des bosco erlebten etwa 40 Zuhörer/innen am Sonntag ein höchst vergnügliches Gespräch. Moderatorin Sabine Zaplin führte durch das große Gautinger Haus des Kultur-Spaziergängers und Literaturwissenschaftlers – und lüftete so manches Geheimnis: „Ich könnte in der Schwimmhalle im Haus wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher in meinen Büchern baden“, verrät der mit einer Verlegerin verheiratete Autor, der sich auch gerne mit der Kunst von Kollegen und geistigen Freunden umgibt.
„Du musst wissen, wie so einer wohnt“, sagte Gerd Holzheimer (67) seiner Kollegin: Sabine Zaplin machte sich deshalb auf den Weg – und besuchte den Wahl-Gautinger in seinem Haus an der Pippinstraße. Dort stehen überall „seine Freunde“: Hand signierte Bücher von Schriftsteller-Kollegen. Und vom Wohnzimmer blickt man direkt in den großen Garten mit 100jährigen Buchen.  Denn der pensionierte Literatur-Wissenschaftler, Mit-Gründer der Literatur-Reihe im bosco, ist „passionierter Gärtner.“
Es waren diese wunderschönen Buchen, die ihn und seine Frau Inge damals zum Hauskauf in Gauting animiert haben, erzählt Gerd Holzheimer. Nach einem Erbstreit zwischen seiner Mutter und der Tante war nämlich überraschend Kapital da: Die Zwangsversteigerung der Familien-Immobilie beim Münchner Waldfriedhof verlief „wider Erwarten“ erfolgreich. 
Gerd Holzheimer zeigt dem Publikum eine lange bunte Messlatte mit Höhen- und Entfernungslinien: Sein Vater war „in ganz Bayern“ Landvermesser.
Deshalb ist der Bub in den 1950er-Jahren „in Wirtschaften aufgewachsen.“
Bei seiner Mutter saß der kleine Sohn vorn auf dem Tank des „Zündapp“-Mopeds, um dem Landvermesser die Brotzeit zu bringen.  Wie die Zigeuner hinterließ der Vater am Feldweg seine Zeichen, damit die Seinen in finden.
In den Wirtshäusern habe er schon als „Bua“ a „kloans Glasl“ Bier bekommen – und spannende Geschichten gehört.    
„Bevor ich selbst schreiben konnte“ habe seine Tante, die Schreibmaschinen-Lehrerin war, seine diktierten Texte getippt – mit Blaupause „in fünffacher Auflage. „Seit ich schreiben kann, schrib ich selber alles auf, weil ich mir nichts merken kann“
Am humanistischen Münchner Ludwigs-Gymnasium lernte der heutige Literat Alt-Griechisch und Latein. Mit 14 Jahren verschlang Holzheimer Goethes „Leiden des jungen Werther“ – freiwillig.  
Wie einst die Mönche notiert der Schriftsteller alles in  Notizbüchern „was mir gefällt, oder auch missfällt“, auch Fotos, Postkarten oder gepresste seltene Pflanzen. Holzheimer hat inzwischen einen reichen Schatz aus 60 Bänden.  
Als Student war der Literat mit seiner früheren Freundin, einer Biologin, in deren Heimat: „Ich habe auf den griechischen Inseln Bildungsromane gelesen und exzerpiert“,  verrät der begeisterte Goethe-Anhänger.   Noch heute nutze er die Aufschriebe von damals für seine literarischen Reisen.
„Ich bin ein bekennender Nicht-Urlauber“, sagt der Sohn des Landvermessers. Doch seit seiner Kindheit in den wechselnden „Wirtschaften“ ziehe es ihn in die Ferne, aber: „Sobald ich da bin, kriege ich Heimweh.“
Trotzdem reist Gerd Holzheimer mit seinem VW-Bus und Rad regelmäßig in eine kleine Quinta im Landesinnern der Algarve, um zu schreiben. Sogar Portugiesisch hat der Gautinger schon gelernt: Denn „da gibt´s nichts“ – außer einem trockenen, heißen Naturschutzgebiet  - und die leise Mischung der Einheimischen „aus Fado und Melancholie.“ 
Bei der TV-Fußball-Übertragung in der Dorfbar wird nur der Bayer lebendig: „Beim xten Bierfläschchen“ beim Spielstand von 2 zu 1 im Spiel Deutchland gegen Protugal in Basel hat Christiano Ronaldo den Ausgleich auf dem Schlappen. „Da springe ich auf.“ Und wie kommentiert sein Nachbar? „Es regnet.“ Für diese wortkarge Art „liebe ich die Portugiesen.“                  
Christine Cless-Wesle, 08.10.2017
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2017