Nach(t)kritik

Mi, 29.03.2017
10.00 Uhr
Kinder

Groß denken, Winziges sehen

Künstler: 
Theater 3 Hasen oben

Es war einmal. So fangen die besten Geschichten an, die, welche man nicht vergisst, weil sie immer schon da waren, von Anfang an. „Es war einmal ein Bauer“, beginnt Silvia Paul vom „theater 3 hasen oben“ eine Geschichte zu erzählen und zeigt auf Klaus Wilmanns, der zum Bauern wird neben ihr, den Blick stur in die erste Reihe gerichtet. Und Silvia Paul wird zur Bäuerin, beide hocken auf ihren Stühlen am Tisch, und es ist still. Still im Saal, wo die kleinen Zuschauer schon ganz ergriffen sind davon, so angeschaut zu werden. Still auf der Bühne, am Tisch der Bauern, denn: „Die beiden hatten keine Kinder“, kein lustiges Herumtollen wie in den anderen Häusern. Doch dann bekommen sie ein Kind, ein ganz winziges, so dick wie ein Daumen ist es und auch nicht größer.

„Daumesdick“, heißt das Stück, mit dem das „theater 3 hasen oben“ im bosco gastiert. Das Märchen der Gebrüder Grimm, auch in anderen Fassungen bekannt, wird unter der Regie von Stefan Ebeling zu einem musikalisch-poetischen Bühnenzauber, in dem die Phantasie die Hauptrolle spielt. Der kleine Daumendick rutscht seinem Vater den Buckel herunter, ohne dass man das Kind sehen könnte. Das Pferd, das Daumesdick in den Wald lenkt, entsteht im Kontrabass-Spiel von Wilmanns, und aus dem Gesang von Silvia Paul wächst eine Wiese, ein Mauseloch, ein Wald. Mit fast gar keinen Requisiten und nur einem Hutwechsel, einem Kopftuch und zwei, drei Bärten verwandeln sich die beiden Schauspieler in Kaufleute, Strolche, Pfarrer und Magd. Ab und zu hilft das Auge einer Kamera, Einblick in die Welt des Winzlings zu gewähren. Das ist dezent und entwickelt sogar Poesie, der Technik zum Trotz (die dann, technikgemäß, zwischendrin kurz versagt und durch das Spiel selber gerettet werden kann).

Die stärksten Momente entstehen im Raum zwischen den beiden Schauspielern, in den Blicken, der gehaltenen Spannung, dem Gespür für die Balance zwischen Stille und Aktion. Man spürt, dass eine intensive gemeinsame Arbeit die Basis für diesen Raum geschaffen hat. Der Wechsel zwischen Wort und Musik, Klang und Dialog, Erzählung und Spiel gelingt fließend. Wunderbar der feine Humor, der auch mal an die erwachsenen Zuschauer gerichtet ist. „Groß denken“, verlangt einer der beiden Händler, die gerade vom Winzling haushoch übers Ohr gehauen wurden.

Fast atemlos verfolgen die Kinder die Geschichte von Daumesdick. Lassen sich ein auf die bewusste Langsamkeit, freuen sich am Spiel mit den wechselnden Perspektiven. Und am Ende darf einer sogar den kleinen Daumesdick mit nach Hause nehmen, unsichtbar in der Hosentasche. „Eine Woche lang  kann der schon wegbleiben“, erklärt Klaus Wilmanns, „das schafft der schon.“

Sabine Zaplin, 29.03.2017
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2017